Exakt - Die Story | MDR FERNSEHEN | 22.08.2012 | 20:45 Uhr : Ambrosia, Tigermücke & Wanderkrabbe
Die Invasion der Exoten
Weltumspannende Verkehrsnetze und Transportwege lassen nicht nur Warengüter und Menschen unbegrenzt reisen, sondern auch Tiere und Pflanzen. Sie fühlen sich aufgrund des Klimawandels in Deutschland immer wohler, verdrängen einheimische Arten und bringen unbekannte Gifte und Krankheiten aus wärmeren Klimazonen mit. Aktuell haben Forscher hierzulande 11.000 gebietsfremde Tiere und Pflanzen gelistet, zwei Prozent davon sind problematisch.
Die meisten Exoten, die zu uns kommen, werden unfreiwillig über den Luftweg mit den Frachtmaschinen aus aller Herren Länder eingeflogen. Auf den Flughäfen werden die Frachtstücke zwar kontrolliert, doch es sind nur Stichproben möglich. Der Zoll durchleuchtet mit Scannern die Fracht. Befinden sich darin Früchte, Pflanzen oder Saatgut, wird das Päckchen aussortiert. In der Pflanzengesundheitskontrollstelle suchen die Spezialisten dann nach Schädlingen. Bei Verdachtsfällen zeigen Laboruntersuchungen, ob die Funde bedenklich sind.
Der Asiatische Laubholzbockkäfer
Die Mitarbeiter der Phytosanitären Kontrollstation des Flughafens Leipzig/Halle untersuchen täglich ankommende Waren aus Asien, Afrika und Südamerika, um zu verhindern, dass exotische Schädlinge nach Deutschland kommen. Besonders groß ist beispielsweise die Angst vor dem Asiatischen Laubholzbockkäfer. Denn anders als seine Artgenossen hierzulande, befällt er auch gesunde Laubbäume. Im Osten der USA hat er sich derart ausgebreitet, dass 35 Prozent des Baumbestandes bedroht sind. Das kostet den nordamerikanischen Steuerzahler geschätzte 150 Millionen Dollar. Immer wieder lässt sich der Käfer auch in Deutschland blicken, im letzten Sommer erstmals in Sachsen. Das Umweltamt startete sofort eine Großfahndung. In Passau und am Niederrhein mussten befallene Bäume bereits gefällt werden.
Die giftige Eichenprozessionsspinnerraupe
In diesem Frühsommer wurden viele Kommunen von diesem Eindringling aus dem Süden regelrecht überrascht. Als Grund für die heftige Vermehrung sehen die Forscher den Klimawandel mit regenarmen und trockenen Sommerperioden. Damit dringt das Tier weiter in den Norden vor. Explosionsartig vermehrte sich der Eichenprozessionsspinner plötzlich in Sachsen-Anhalt, rund um Berlin sowie in Hessen. Riesennester wurden an vielen Eichen in Mittel- und Norddeutschland entdeckt. In Tangermünde mussten daher erstmals Parkanlagen und Spielplätze gesperrt und mit Hubschraubern Chemikalien versprüht werden.
Die feinen Härchen der Raupe sind extrem giftig und verursachen schwere Hautschäden. Bereits nach zwei Stunden beginnt das Gift zu wirken. So wurde ein ganzer Löschzug der Freiwilligen Feuerwehr Thyrow bei der Beseitigung von Sturmschäden durch die Raupenhaare außer Gefecht gesetzt. Einige Mitglieder mussten sogar stationär behandelt werden. Zwar sind aus den Raupen mittlerweile Schmetterlinge geworden, doch die gefährlichen Brennhaare sind zurückgeblieben. Sie behalten ihre giftige Wirkung bis zu drei Jahre und gefährden weiterhin Jogger und Wanderer.
Das fototoxische Gift der Herkulesstaude
In den Sommerferien hatte der Schüler Dustin Kenzian aus Chemnitz eine schmerzhafte Begegnung mit einem anderen Eindringling. Beim Spielen kam er mit der Herkulesstaude, auch Riesenbärenklau genannt, in Berührung. Die ursprünglich aus dem Kaukasus stammende und im Volksmund "Stalins Rache" genannte Pflanze enthält ein fototoxisches Gift, das unter Sonnenlicht Entzündungen verursacht - angefangen von Rötungenmit Blasenbildung bis zu verbrennungsartigen Erscheinungen. Zwei Tage nach dem Kontakt traten an den Beinen des Jungen Verbrennungen zweiten Grades auf, so dass er stationär behandelt werden musste. Noch Wochen später hatte er Schmerzen und die Narben blieben lange sichtbar.
Verletzte gibt es aber auch jedes Jahr bei den zahlreichen Bekämpfungsmaßnahmen. Daher tragen die Naturschützer und Biologen bei ihren Aktionen Schutzanzüge. Vorsichtig verpacken sie die Blüten in Plastiktüten und entsorgen sie als Sondermüll.
Ambrosia - das unscheinbare Unkraut aus Nordamerika
In der Niederlausitz ist das Grundstück von Klaus Drobig von Ambrosiafeldern umgeben. Die Samen der Pflanze kamen in verunreinigtem Saatgut zu uns. Klaus Dobrig leidet seit fünf Jahren unter schweren allergischen Reaktionen. Gerade im Sommer kann er tagelang nur mit Mundschutz aus dem Haus. Denn die Ambrosia schleudert extrem viele Pollen in die Luft. Über 2.000 pro Kubikmeter Luft wurden bei ihm auf dem Grundstück gemessen. Derweil sind bereits 15 Ambrosiapollen pro Kubikmeter ausreichend, um eine Allergie auszulösen. Und diese Pflanze hat die Pollensaison in Deutschland verlängert. Von Juli bis in den November hinein werden Allergiker von ihr geplagt. Laut einer Studie führt dies zu zusätzlichen jährlichen Kosten von bis zu 2.100 Euro pro Allergiepatient!
Können wir der "Invasion" etwas entgegensetzen?
"Exakt - Die Story" geht einem Phänomen nach, das längst nicht nur Artenforscher beschäftigt, sondern ebenso Ärzte und Wirtschaftsverbände. Der Film zeigt, wie Ambrosia, Herkulesstaude, chinesische Wanderkrabben, der Asiatische Laubholzkäfer, Tigermücken und Co. unsere Natur Stück für Stück erobern. Worauf müssen wir uns in Zukunft einstellen? Können wir der "Invasion" dauerhaft etwas entgegensetzen? Werden Krankheiten wie das tropische Dengue-Fieber, das von Mücken übertragen wird, auch uns beschäftigen?
Der Film von Stephan Heise schürt keine Panik, sondern geht den Fragen auf den Grund.
Wiederholung:
MDR | 23.08.2012 | 09:45 Uhr
