Leben heute

MDR FERNSEHEN | 03.09.2012 | 09:05 Uhr : Wildnis in Mitteldeutschland - Der Hainich

Mehr als fünfzig Jahre war der Hainich Sperrzone. Das Gebiet war Übungsplatz für die Wehrmacht, die Sowjetarmee, die Nationale Volksarmee und die Bundeswehr. Heute ist das Waldgebiet zwischen Ost und West der dreizehnte Nationalpark in Deutschland. Nun, als letztes, muss noch der sowjetische Teil des ehemaligen Übungsgebietes von den Munitionsresten beräumt werden.

Helge Grasshoff und Diethard Böttger an einer Fotofalle im Nationalpark Hainich

Im Hainich, dem kleinsten deutschen Nationalpark, übte bis zu ihrem Abzug 1991 die Sowjetarmee den Ernstfall. Immer wieder vergrößerten die sowjetischen Truppen gemeinsam mit der Armee der DDR, der Nationalen Volksarmee (NVA), den Übungsplatz. Für die NVA war der Hainich das wichtigste Ausbildungszentrum in Thüringen. Anfang der 1980er-Jahre nutzte die Sowjetarmee das Waldgebiet, um für den sowjetisch-afghanischen Krieg zu trainieren.

Nach ihrem Abzug ließen die sowjetischen Soldaten massenweise Munition zurück. Darum gehört noch heute der Munitionsräumdienst zum Alltag im Hainich. In kleinteiliger Arbeit befreien die Kampfmittelräumer das Naturschutzgebiet von Bomben, Granaten und Splittern. Kalle Smidt ist seit zwölf Jahren Kampfmittelräumer. Seit drei Jahren arbeitet er im Hainich. Er schaut, ob die Fundmunition noch einen scharfen Zünder hat.

Bildergalerie: Brisante Fundstücke

Panzerschneisen im Wald. Munition, gefunden im Hainich durch den Munitionsräumdienst. Ein Mitarbeiter des Munitionsräumdienstes bei der Suche nach Munition.

Der Munitionsräumdienst sucht Quadrat für Quadrat den Waldboden in Nationalpark Hainich nach verbliebener Munition ab. Was mit der Munition geschieht, erfahren Sie hier. [Bilder]


"Hier ist alles. Wir hatten mal eine Bombe mit einem Zünder, den hat man mit einem Putzlappen und Fett da reingehauen. Also, es gibt nichts in unserem Job, was es nicht gibt."

Kalle Smidt, Kampfmittelräumer

Erst wenn jeder Zentimeter in ehemaligen Sperrzonen frei von Munition sein wird, dürfen auch Besucher einmal in den Kernbereich des Nationalparks vordringen. Und im Hainich bestimmt die Natur die Arbeitszeit. Wenn ein seltener Vogel brütet, haben die Kampfmittelräumer Pause.

Früher flogen Soldaten, heute die Forscher

Mann
MDR FERNSEHEN

Was ein Rundflug mit Kamera verrät

04.09.2012, 20:45 Uhr | 04:19 min

Seit dem Abzug der Truppen erobert sich die Natur den Hainich zurück, in dem sich gerade ein beeindruckender Wiederbewaldungsprozess abspielt. Und im Herzen des Hainich entwickelt sich ein Lebensraum, der heute einzigartig in Europa ist: ein nahezu unberührter Buchen-Urwald, der für die Forstwirtschaft gesperrt ist. Zwei wichtige Orte für den Nationalpark.

Wo vor dreißig Jahren russische Panzerabwehrhubschrauber zur Kampfsimulation starteten, hebt heute ein Forschungsflugzeug ab. Das Flugzeug ist mit einer Wärmebild- und einer Fotokamera ausgestattet. Ziel der Flüge ist die Erforschung der Wildtierbestände im Hainich. Aus der Luft stören die Wissenschaftler die Tiere nicht und sie können auch in unzugänglichen Gebieten die Bestände erfassen. Zu diesen Beständen gehört zum Beispiel die vom Aussterben bedrohte Wildkatze. Sie ist die "Königin" des Waldes und lässt sich, wie es sich für eine "Hoheit" gehört, nur selten einmal blicken. So mancher im Hainich versucht schon seit zwanzig Jahren, ein Exemplar vor die Linse zu bekommen.

Bildergalerie: Zurück zur Natur!

Ständige Schießübungen haben im Hainich offene Sandflächen hinterlassen. Im Hainich regeneriert sich die Natur und bietet Lebensraum für seltene Tierarten, wie hier eine Smaragdeidechse. Strauch- und Buschbewuchs im Hainich.

Nach und nach holt sich die Natur wieder zurück, was ihr vor Jahrzehnten genommen wurde. Eine einmalige Chance für die Mitarbeiter des Nationalparks, die die Veränderungen beobachten und dokumentieren! [Bilder]


Vom Truppenübungsplatz zum Nationalpark

Bereits 1935 hatte die Wehrmacht den Truppenübungsplatz Kindel, damals noch Künkel genannt, errichtet. 1945 übernahm die Rote Armee das Gebiet für ihre Artillerieübungen, und der Hainich wurde zum Grenzgebiet zwischen Ost und West. 1965 dann die Erweiterung: Die NVA eröffnete am Nordhang den Schießplatz Weberstedt. Im Wald gelegene Höfe wurden enteignet, ganze Siedlungen für Schießbahnen abgerissen. Ab jetzt war der Wald Sperrzone und verschwand von allen Landkarten. Neben den Soldaten dürfen nur noch Forstarbeiter in den Hainich. Da, wo sie die militärische Nutzung störten, wurden Bäume abgeholzt.

Wald
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"Das ist dieser Wald, den der Specht liebt!"

04.09.2012, 20:45 Uhr | 03:02 min

Heute ist von dem einstigen Kahlschlag fast nichts mehr zu sehen. Auch im Bereich Kindel, wo die meisten Bäume dem Kalten Krieg geopfert wurden, findet eine massive neue Bewaldung statt. In der Kernzone des Hainich, die das Zielgebiet der Schießübungen war, entstand in fünfzig Jahren Sperrgebiet eine Art Urwald, der ein einzigartiges Waldbild bietet. Es ist der größte zusammenhängende Laubwald in Deutschland. Und der Buchenwald gehört zu den ältesten in ganz Europa. Die Vielfalt aus Pflanzen und Tieren hat dem Hainich sogar eine Nominierung als Weltnaturerbe beschert. Schon Ende Juni 2011 könnte der größte Traum der Mitarbeiter des Nationalparks Wirklichkeit werden: Dann entscheidet die UNESCO, ob der Buchenwald des Hainich Weltnaturerbe wird - der "Ritterschlag" für jedes Naturschutzgebiet.

Zuletzt aktualisiert: 23. Juli 2012, 14:44 Uhr

Der Nationalpark Hainich:

Der Nationalpark Hainich wurde am 31.12.1997 als 13. Nationalpark Deutschlands gegründet. Er nimmt eine Fläche von 7.500 Hektar ein. Der Nationalpark, der sich im Süden des Höhenrückens Hainich befindet, ist die größte nutzungsfreie Waldfläche Deutschlands. Zwischen Eisenach, Mühlhausen und Bad Langensalza gelegen, ist der Hainich mit etwa 16.000 Hektar das größte zusammenhängende Laubwaldgebiet Deutschlands. An der Thiemsburg, einem ehemaligen Forsthaus und Forstbetriebshof, befinden sich heute die Besuchermagnete Baumkronenpfad und das Nationalparkhaus.

Wiederholung:

30.08.2012 | 15:30 Uhr

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