Reportagen & Dokumentationen

MDR FERNSEHEN | 08.12.2011 | 23:05 Uhr : Lebensläufe: Die Blüthner Klavierbauer

Ein Klang von Weltruf

Firmengeschichte

Das Jahr 1853. Klavierbauer Julius Blüthner wählte für die Gründung seiner Fabrik in Leipzig den richtigen Zeitpunkt. Musik war beliebt und hochwertige Pianos gehörten in jeden bürgerlichen Haushalt. Schnell wuchs die Fabrik, die Stückzahlen stiegen. Zur Jahrhundertwende war Blüthner königlicher Hoflieferant von Prinzen, Königen und Kaisern. Zum 50. Firmenjubiläum 1903 war die Firma von Julius Blüthner Europas größter Klavierhersteller. 6.000 Pianos wurden pro Jahr ausgeliefert. 1910 übernahmen die Brüder Bruno, Robert und Max Blüthner das Unternehmen und führten es ins 20. Jahrhundert. Den Ersten Weltkrieg überstand das Unternehmen schadlos, denn die Kunden in Übersee waren damals die Wichtigsten. 1935 übernahm Rudolf Blüthner-Haessler den Traditionsbetrieb. Der junge Mann hatte die Tochter von Bruno Blüthner geheiratet, die einzige Erbin des Unternehmens. Wenige Jahre später endete die Erfolgsgeschichte der Firma Blüthner vorerst. Im Dezember 1943 bombardierte die Royal Air Force besonders die Industrieanlagen Leipzigs. Die Klavierfabrik Blüthner wurde so stark getroffen, dass die riesige Fabrik bis auf die Grundmauern niederbrannte.

Es war ein schwieriger Neubeginn im vorerst amerikanisch besetzten Leipzig. Rudolf Blüthner-Haessler begann mit gerade mal 30 Leuten die Produktion wieder aufzubauen. Bereits im Jahr 1953 war die Nachfrage nach Blüthner-Pianos schon wieder so groß, dass die Produktionsfläche nicht mehr ausreichte. Doch nun musste sich das Unternehmen mit der sozialistischen Planwirtschaft arrangieren. Von Leipzig aus belieferte die Firma Blüthner vorerst als teilstaatliches Unternehmen die Welt. Pianos waren ein guter Exportartikel. Doch als 1966 wieder eine neue Generation den Betrieb übernahm, standen die Zeichen für Privatbetriebe schlecht. Der Staat zwang Ingbert Blüthner–Haessler, seine Firmenanteile zu verkaufen. Der Geschäftsmann übernahm daraufhin die Rolle des Direktors im eigenen Familienbetrieb. Als 1989 die Mauer fiel, war ihm klar, Blüthner wird wieder ein Familienbetrieb. Auch dieser Neuanfang war nicht leicht. Ingbert Blüthner–Heassler übergab sein Unternehmen 1996 seinen Söhnen Christian und Knut.

Der Name Blüthner hatte durch alle Zeiten hindurch Bestand und stand für besondere Qualität und reinen Klang. Diese Basis einer langen Tradition hat den Familienbetrieb bis heute gerettet und wieder stark gemacht.

Der besondere Klang

Klavierbauer
Knut Blüthner-Haessler

Das Besondere in Blüthner–Flügeln ist eine Kleinigkeit, die aber für den Klang entscheidend ist. Schon Julius Blüthner erfand das sogenannte Aliquotsystem und ließ es sich patentieren. Bis heute wird in Blüthner–Konzertflügeln zu den üblichen drei Saiten eine vierte – eine Zusatzsaite – hinzugespannt: die Aliquotsaite. Sie ist das Geheimnis des romantischen Klangs, sagt Knut Blüthner-Haessler:

Hier oben in dem Diskantbereich gibt es eine vierte Saite. Was jeweils die rechte Seite vom jeweiligen Ton ist und diese vierte Saite hat Einfräsungen in diesem Dreikantstab, dadurch liegt die vierte Saite höher und wird vom Hammer nicht mit angeschlagen und gerät beim Spielen in Resonanz.

Knut Blüthner-Haessler

Wie ein Piano entsteht

Das Holz ist der Anfang. Damit beginnt die Geschichte eines jeden Pianos in der Firma Blüthner. Seit über 150 Jahren fertigt der Leipziger Klavierbaubetrieb Instrumente, per Hand gefertigte Einzelstücke. Der Klavierbauer Julius Blüthner wusste, mit gutem Holz beginnt die Qualität eines jeden Klaviers. Jedes Blüthner-Piano entsteht auf die gleiche Weise. Der Resonanzboden wird mit dem Rasten verleimt. Diese Verbindung muss sehr fest sein, damit später die Zugspannung der Saiten aufgenommen werden kann.

Die Tasten sind heute nicht mehr mit Elfenbein belegt, sondern mit einem speziellen Kunststoff verkleidet. Das Ausmessen der Höhe wird wie einst per Hand gemacht. Um das virtuose Spiel zu einem Genuss werden zu lassen, müssen sich alle Tasten gleich schwer anfühlen. Dafür misst ein versierter Klavierbauer jede Taste mit kleinen Bleigewichten genau aus.

Absolute Ruhe bracht der Intoneur. Es ist einer der letzten Arbeitsschritte, bevor ein Flügel vollendet ist. Mit seinem feinen Gehör prüft er beim intonieren die Spannkraft der Saiten und verfeinert den Klang, indem er die Hämmerchen weich macht. Mit spitzen Nadeln wird der Filz aufgestochen. Doch das ist eigentlich erst der Anfang. Immer wieder wird dieser Vorgang wiederholt. Auch wenn ein Flügel längst im Konzertsaal steht. Denn ein Flügel ist wie guter Wein, er muss reifen.

Zuletzt aktualisiert: 17. November 2011, 15:52 Uhr

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