Reportagen & Dokumentationen

MDR FERNSEHEN | 11.06.2013 | 22:05 Uhr : Westware aus dem Ostknast

Ein Film von Anne Worst

Schöne, bunte Warenwelt, Inbegriff des Wirtschaftswunders in Westdeutschland. Alles war zu haben, und das oft auch schon für wenig Geld. Zuweilen hörte man gerüchteweise, dass vieles davon aus DDR-Betrieben stammte. Doch dass manche dieser Produkte sogar aus Gefängnissen der DDR kamen, wusste kaum jemand ...

Westware aus dem Ostknast

Der Handel mit dem Klassenfeind

Weitgehend unbeachtet von der breiten Öffentlichkeit florierte der deutsch-deutsche Handel. Die Vorteile für die Westfirmen lagen dabei auf der Hand: In den Betrieben der DDR waren die Löhne niedrig und die Qualität der Produkte überzeugte. Beschafft wurde die Ware über Importfirmen, die Exklusivverträge mit der DDR abgeschlossen hatten. Auch für diese Zwischenhändler war der Handel mit dem Osten also eine Goldgrube. Die "Treuhandstelle für den Interzonenhandel" redete bei jedem Geschäft mit, sie achtete auf Preise und Mengen, denn der innerdeutsche Handel war staatlich subventioniert. Insgesamt etwa 6.000 westdeutsche Firmen waren an diesem Handel beteiligt.

Auf Seiten der DDR war wiederum das Ministerium für Außenhandel für das Geschäft mit der Warenausfuhr zuständig. Der Export wurde groß geschrieben, und das explizit nicht nur in die Brüderländer, sondern ganz ausdrücklich auch in das kapitalistische Ausland. Während die eigene Bevölkerung also an Mangel litt und zum Teil über Jahre auf bestimmte Produkte warten musste, wurde nach ganz Westeuropa und bis in die USA geliefert. Hauptabsatzpartner war aber natürlich die BRD.

Dieser innerdeutsche Warenverkehr soll etwa 50 Prozent des Außenhandels der DDR ausgemacht haben. Auf diese Weise konnte die DDR-Volkswirtschaft Devisengewinne machen, Geld, das der chronisch verschuldete Staat so dringend brauchte. Dabei durfte kein DDR-Betrieb selbstständig mit einem ausländischen Partner Beziehungen aufnehmen. Dieses Geschäft wurde zentral durch das Ministerium geregelt und beaufsichtigt. Daher wussten auch die wenigsten DDR-Arbeitskräfte, für welche Westfirmen genau ihr Betrieb produzierte.

Arbeitskraft aus dem Gefängnis

Ein Problem hatte die DDR seit ihrer Gründung zu bewältigen – den chronischen Arbeitskräftemangel. Denn gleich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nutzten die Ostdeutschen jedes Schlupfloch, um die sowjetische Besatzungszone und spätere DDR zu verlassen. 4,6 Millionen Bürger sollen insgesamt in den Westen geflohen sein. Der größte Teil davon freilich bis zur Schließung der Grenzen 1961. Die Übersiedler und Flüchtlinge hinterließen große Lücken in den Volkseigenen Betrieben. Ein Verlust, den die DDR bis zu ihrem Ende nicht mehr verkraftet hatte.

Bei den Überlegungen, wie man diese Arbeitskräfte ersetzen könnte, kamen die Gefangenen ins Spiel. Für diesen konkreten "Arbeitskräftebeschaffungsbereich" war im Ministerium des Inneren die Verwaltung Strafvollzug verantwortlich. Dort gab es ständig Zahlen der Gefangenen, die tagtäglich aktualisiert wurden. Es wurde errechnet, was an Potenzial vorhanden war und wo was und wie viel gebraucht wurde, und anhand dessen koordiniert. Mindestens 18.000 Arbeitsplätze für Strafgefangene waren einkalkuliert. Damit rechnete die DDR-Planwirtschaft! Und es gab kaum einen volkswirtschaftlich wichtigen Betrieb, der nicht in Gefängnissen arbeiten ließ.

Dieter Dombrowski
Dieter Dombrowski wurde zu vier Jahren Gefängnis verurteilt.

Eine Statistik der DDR besagt, dass zum Stichtag 30. Juni 1987 genau 19.382 "Häftlinge in Arbeit" gezählt wurden. Es sind kriminelle Häftlinge genauso wie politische (etwa ein Viertel aller Gefängnisinsassen war politisch.). Sie mussten unter meist widrigen Umständen im Drei-Schicht-System und unter Nichtbeachtung der einfachsten Arbeitsschutzbestimmungen für die Betriebe arbeiten. Eine Verweigerung wurde schwer geahndet.

Dieter Dombrowski beispielsweise, der 1974 wegen versuchter Republikflucht zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt worden war, erinnert sich an seine Arbeit für den Fotokamera-Hersteller Pentacon. Die Gefangenen mussten die im Spritzgussverfahren hergestellten Aluminiumgehäuse von den Druckgraten säubern - mit scharfkantigen Werkzeugen und ohne Arbeitshandschuhe. Gerade in den Nachtschichten, wenn die Gefangenen übermüdet waren, war die Verletzungsgefahr am größten.

Und was wussten die Westkunden?

Die Verbraucher im Westen wussten meist weder etwas über die Herkunft ihrer billigen Neuerwerbungen, noch, unter welchen Bedingungen sie zum Teil produziert worden waren. Häufig wurde die Ware umetikettiert. So belegte z.B. das Versandhaus Quelle die Ware mit ihren Eigenmarken. Es ist nicht klar, inwieweit die Firmen selbst überhaupt etwas ahnen konnten, denn sie kamen allein mit dem staatlichen Außenhandelsmonopol der DDR in Kontakt.

Nur zwei Fälle sind bekannt, bei denen der Westen hätte hellhörig werden können. In den 1980er-Jahren schickten Kunden Bettwäsche an Quelle zurück, in denen Kassiber, also Nachrichten von Gefangenen, eingenäht waren. Und im Jahr 1984 klagte ein anonymes Schreiben den Möbelriesen IKEA an, Gefangene aus der DDR auszubeuten. Beide Male konnte die DDR ihre Großabnehmer im Westen besänftigen und einen handfesten Skandal verhindern. Denn eines konnte und wollte der Staat nicht riskieren: seine billigsten Arbeitskräfte stillzulegen und im florierenden Ost-West-Handel Devisen einbüßen.

Zuletzt aktualisiert: 23. Mai 2013, 16:58 Uhr

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