MDR FERNSEHEN | 03.10.2012 | 16:00 Uhr : Seitenwechsel - DDR-Spitzensportler auf der Flucht
Ein Film von Uwe Karte
"Diplomaten im Trainingsanzug" wurden sie genannt und sollten der kleinen DDR weltweit mit ihren Erfolgen die große Anerkennung bescheren. Rund 600 ostdeutsche Spitzensportler verweigerten sich diesem System, indem sie die DDR verließen und zu "Verrätern" wurden. Der Film beleuchtet die Schicksale der drei ehemaligen DDR-Spitzensportler Karin Balzer, Axel Mitbauer und Claus Tuchscherer.
Karin Balzer gehört zu den erfolgreichsten DDR-Hürdensprinterinnen. Die geborene Magdeburgerin gewinnt 1964 in Tokio olympisches Gold im 80-Meter-Hürdenlauf. Vier Jahre später trägt sie als Aushängeschild des DDR-Spitzensports die DDR-Fahne ins Olympia-Stadion von Mexiko. 1972 beendet sie ihre sportliche Karriere im Alter von 34 Jahren, nachdem sie olympisches Bronze im 100-Meter-Hürdenlauf gewonnen hatte. Karin Balzer ist zu ihren aktiven Zeiten ein "Star" in der sportbegeisterten DDR. Mit einer Republikflucht werden Karin Balzer daher nur wenige in Verbindung bringen.
1958 jedoch - die Grenze zu West-Berlin war noch offen - fliegt die Athletin mit ihrem Trainer und späteren Ehemann von West-Berlin nach Frankfurt/Main, um dort ihr Glück zu suchen. Die DDR-Sportführung will die große Olympia-Hoffnung und ihren Trainer nicht einfach ziehen lassen und schickt zwei Stasi-Mitarbeiter und Balzers Vater nach Frankfurt. Der soll das Paar zur Rückkehr bewegen. Als das nicht gelingt, übt die Staatssicherheit massiven Druck auf ihre Familie aus. Karin Balzer gibt auf und kehrt zwei Monate später mit ihrem Trainer in die DDR zurück. Ihre Republikflucht und die Rückkehr werden verschwiegen. Die Stasi stellt sie unter besondere Beobachtung.
Verhinderte Sportkarriere
Der Leipziger Schwimmer Axel Mitbauer nutzt seine Sportart zur Flucht. Der Kraul-Spezialist gehört bereits als Zwölfjähriger zum erweiterten Kader der DDR-Nationalmannschaft. 1964 verweigern Sportfunktionäre dem damals 14-Jährigen die Olympiateilnahme und schicken einen schwächeren Schwimmer nach Tokio - für Mitbauer eine persönliche Katastrophe. 1968 - Mitbauer war gerade über 400 Meter Freistil DDR-Meister geworden und für Olympia in Mexiko qualifiziert - wird er auf offener Straße verhaftet und in die Stasi-Zentrale Berlin-Hohenschönhausen verschleppt. Sieben Wochen ist er verschwunden und keiner weiß, wo er ist. Grund der Verhaftung waren gefundene Briefe, in denen Mitbauer Fluchtgedanken äußerte. Wegen verbotener Kontaktaufnahme mit dem Klassenfeind wird der beste Langenstreckenschwimmer der DDR nun mit einem lebenslangen Startverbot bestraft. "Damit war dann eigentlich mein Leben in der DDR zerstört", erzählt Mitbauer rückblickend.
Kraulend in die Freiheit
Für Axel Mitbauer gibt es nur noch ein Ziel: die Flucht aus diesem Land. Sein Plan klingt abenteuerlich, denn er will durch die Ostsee in den Westen schwimmen. Mehr als 5.000 Menschen haben es mittels Autoreifen, Schlauchbooten oder Luftmatratzen versucht. Mindestens 174 Menschen bezahlten den Fluchtversuch durch die Ostsee mit dem Leben. Doch Axel Mitbauer gelingt das fast Unmögliche. Er schwimmt vom Boltenhagener Strand, der abends zum Sperrgebiet wird, 22 Kilometer durch die Ostsee - bekleidet mit einer Badehose, dazu Schwimmflossen und viel Vaseline auf der Haut als Schutz vor der 18 Grad kalten Ostsee. Extrem ausgekühlt, rettet er sich auf eine Boje und wird am nächsten Morgen von einem Fährschiff aufgenommen. "Das war mir ein innerliches Vergnügen, weil die mich ja lebenslang gesperrt hatten. Das war ein kurzes Triumphgefühl, weil ich ja mein neues Leben aufbauen und sortieren musste", berichtet Axel Mitbauer dem Filmteam.
Trennung von der Familie
Der Vogtländer Claus Tuchscherer, ein Nordischer Kombinierer, ist ein begnadeter Skispringer und guter Läufer. Er trainiert ehrgeizig, fühlt sich im Räderwerk der Medaillenmacher aber nicht wohl. Tuchscherer qualifiziert sich 1976 für die Olympischen Winterspiele in Innsbruck. Hier läuft beim Springen alles optimal und Tuchscherer erreicht Platz 3. Doch die DDR-Mannschaftsleitung lässt ihn in die erste und schlechteste Startgruppe einordnen. Tuchscherer erreicht die 15-Kilometer-Zielmarke als Fünfter - und ist maßlos enttäuscht. Spontan fasst er den Entschluss zur Flucht. Seine 17-jährige österreichische Freundin hilft ihm dabei. Die Staatssicherheit versucht, ihn telefonisch zur Rückkehr zu bewegen, indem sie seinen Vater an den Telefonapparat holt. Daraufhin kehrt er mit seiner Freundin für drei Wochen in die DDR zurück und beantragt offiziell die Ausreise. Doch der Preis ist hoch: Wenn er nach Österreich ausreist, darf er seine Familie in der DDR nicht mehr sehen.
Ein Film über die "Verräter" und ihr Leben nach der Flucht
Alle drei ehemaligen Spitzensportler schildern in dem Film ihre Beweggründe zur Flucht und ihr Leben danach: Karin Balzer kämpft gegen die Dopingpolitik der DDR und verzichtet damit auf eine Karriere als Trainerin. Axel Mitbauer schafft es nach der Flucht nicht, an seine sportlichen Leistungen in der DDR anzuknüpfen. Claus Tuchscherer leidet unter der Trennung von seiner Familie. Doch bereut haben beide Männer die Flucht nie.
Wiederholungen
MDR | 04.10.2012 | 01:55 Uhr
MDR | 04.10.2012 | 09:45 Uhr
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