Reportagen & Dokumentationen

Sex im 21. Jahrhundert (1/3) | 18.02.2013 | 00:25 Uhr : Sex oder Liebe

Ein Film von Katja Herr

Unsere Vorstellungen über die Wichtigkeit, die Frequenz sowie die Triebkraft von Sex und Liebe gehen weit auseinander. Im ersten Teil der dreiteiligen Serie "Sex im 21. Jahrhundert" wird der Frage nachgegangen, was eigentlich Sex und was Liebe ist. Müssen wir uns zwischen beidem entscheiden?

junges Paar

Die Wissenschaftler sind uneins

Der Wiener Anthropologe Karl Grammer ist der Meinung, dass die Natur keine Romantik kennt: "Unser Gehirn hat nicht eingebaut, ich will mich fortpflanzen, unser Gehirn hat eingebaut, ich will Sex".

Für die New Yorker Anthropologin Helen Fisher dagegen ist Liebe ganz entscheidend für die Evolution. Und sie ist wissenschaftlich messbar mit dem MRT. Sehen frisch Verliebte Fotos ihrer Angebeteten, werden bestimmte Hirnregionen aktiv. Schauen sich dieselben Leute Fotos unbekannter attraktiver Menschen an, reagieren andere Regionen im Gehirn, die Sexregionen. Helen Fisher hat die These aufgestellt, dass Liebe ein Trieb ist. Sie hält ihn sogar für stärker als den Sexualtrieb.

Helen Fisher, die führende Anthropologin der USA
Helen Fisher meint, dass Liebe ein Trieb ist ...

Laut Grammer entscheidet unser Gehirn unbewusst nach äußeren Merkmalen, welche Person wir attraktiv, also sexuell attraktiv finden. Diese Merkmale haben nur ein biologisches Ziel: die Fortpflanzung. Unser Gehirn ist darauf trainiert, die Erbanlagen durch einen Blick zu erfassen. Sex dient der Arterhaltung, der Durchmischung der Gene, der Schaffung eines guten Immunsystems. Die Liebe ist für Grammer ein junges kulturelles Moment und zu vernachlässigen.

Für Forscherin Helen Fisher ist Sex nur ein Bestandteil des größeren Programms der Fortpflanzung. Während sexuelles Verlangen ein eher vorübergehendes Phänomen ist, erhöht Liebe dauerhaft den Glückshormonspiegel im Gehirn und macht regelrecht abhängig.

Letztlich geht es den Wissenschaftlern um die Klärung der Frage, ob nun der Sex oder die Liebe das wichtigere, entscheidende, das den Menschen ausmachende Element des Seins ist. Fraglich bleibt, ob es sich dabei um eine Entweder-oder-Frage handelt.

Der Höhepunkt der Forschung

Der Wiener Anthropologe Karl Grammer
... Karl Grammer denkt jedoch, dass die Natur keine Romantik kennt.

In einem "Labor der Lust" an der Medizinischen Hochschule Hannover untersuchen Wissenschaftler akribisch den Orgasmus und gehen dabei der Frage nach: Was ist besser, Beischlaf oder Masturbation?

Während ein Paar sich vergnügt, untersuchen die Sexualforscher, welche Hormone wann und wie stark ausgeschüttet werden. Besonderes Interesse zeigen sie für Prolaktin. Sein Wert schießt unmittelbar nach dem Orgasmus in die Höhe. Es sorgt für ein angenehmes Ende, hemmt die Lust und macht zufrieden. Dabei stellte sich heraus, dass Männer und Frauen beim Partnerkontakt über 300 Prozent mehr Prolaktin ausschütten als bei der Masturbation.

Hormone sind die Regisseure unseres Sex- und Liebeslebens. Die Sexualhormone wie Testosteron, Östrogen und Dopamin heizen die Lust an. Die Liebeshormone wie Prolaktin und Oxytocin machen uns glücklich und binden uns aneinander. Und so scheint es, als würde Sex, zumindest wiederholter Sex, quasi nach Bindung verlangen.

Gene auf Partnersuche

Auswertung von Daten
Computer sollen Traumpartner definieren.

Sie sind auf Partnersuche? Dann ab zur Speichelprobe. Heutzutage gibt es Unternehmen, die das Genom ihrer Kunden teilweise sequenzieren. Das Ergebnis wird dann in einfache Charaktereigenschaften, Hormontypen und Attraktivitätswerte umgedeutet. Der passende Partner wird ausgerechnet.

Wem das zu technisch ist, der kann sich einfach auf ein Messinstrument verlassen, das man immer mit sich führt - auf seine Nase. Den passenden Partner kann man nämlich erriechen. Der Geruch transportiert Informationen über unsere genetischen Dispositionen. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass nicht einmal die Verwendung von Parfüm unsere Nase bei ihrer Suche nach dem passenden Gegenüber in die Irre führt. Denn auch bei der Parfümwahl sind wir nicht frei, sondern von unseren Genen beeinflusst.

Liebe und Sex

Psychotherapeut Jürg Willi hat die stabilisierenden Faktoren von Langzeitbeziehungen bei Schweizer Paaren untersucht. "Die Liebe ist das wichtigste in einer Langzeitbeziehung", fand er heraus. "Die Sexualität ist an zwölfter Stelle."

Fassen wir zusammen: Sex zwecks Fortpflanzung funktioniert eigentlich fast immer, da wir uns instinktiv die genetisch günstigsten Partner erwählen. Leidenschaftliche Beziehungen, die nur auf Sex beruhen, sind eher selten und meist nicht von langer Dauer. Bei Langzeitbeziehungen ist Liebe die entscheidende Grundlage, die durch Sex ergänzt werden kann. Also: Sex oder Liebe? Das kommt darauf an, wofür man sich entscheidet beziehungsweise wozu man getrieben wird.

Zuletzt aktualisiert: 15. Februar 2013, 15:01 Uhr

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