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ECHT! | MDR FERNSEHEN | 24.07.2007

Macht Sport süchtig?

Rund 100.000 Deutsche laufen regelmäßig einen Marathon. Einer von ihnen ist Joey Kelly von der "Kelly Family". Auf fast allen Erdteilen und durch nahezu jede Klimazone hat er die Distanz von 42,195 Kilometern schon zurückgelegt. Angefangen hat seine sportliche Karriere vor zehn Jahren mit einem "einfachen" Kurzstrecken-Triathlon. Inzwischen hat er an mehr als 50 Marathonläufen auf der ganzen Welt teilgenommen, zahlreiche Ironman-Wettbewerbe absolviert und ist von Berlin nach Bagdad geradelt. Ist das noch normal oder schon Sucht?

Immerhin 800.000 Deutsche sollen sportsüchtig sein. Sie treiben mehr Sport als für sie gut ist - und sie wissen das auch. Joey sieht seine sportlichen Aktivitäten aber eher als Erholung:

"Für mich ist es halt eine Form von Ausgleich, von Urlaub, es ist eine Kraftquelle, eine Freude. Klar, es ist auch eine Quälerei, aber es ist auch sehr schön."

Joey Kelly, Musiker und Extremsportler

Aber wann wird Sport zur Sucht? Mediziner unterscheiden zwischen stoffgebundenen und den nicht-stoffgebundenen Süchten. Zu den stoffgebundenen zählt etwa die Abhängigkeit von Drogen oder Medikamenten. Spielsucht, Sexsucht oder Internetsucht gehören dagegen zu den nicht-stoffgebundenen Süchten. Und eben auch die Sportsucht. Zu dem typischen Kennzeichen einer Sucht gehören:

  • Kontrollverlust: Der Betroffene hat sein Verhalten nicht mehr unter Kontrolle
  • Dosissteigerung: Der Betroffene erfährt den gewünschten Suchteffekt nur durch immer höhere Dosen des Suchtmittels.
  • Unfähigkeit zur Abstinenz: Der Betroffene kann nicht aufhören.

Sportmedizinerin Prof. Petra Platen nennt ein weiteres Merkmal der Sucht:

"Es kann auch zu negativen Auswirkungen im sozialen Umfeld und im beruflichen Umfeld kommen und auch negative gesundheitliche Effekte haben, die trotzdem nicht dazu führen, dass man den Sport dann reduziert."

Prof. Petra Platen, Uni Bochum

Bei der Sportsucht spielt vermutlich auch die Ausschüttung von Hormonen eine Rolle, vor allem des Glückshormons Endorphin und des Belohnungshormons Dopamin. Gefährlich wird zudem das Stresshormon Cortisol, das die letzten Reserven des Körpers mobilisieren soll. Bei zuviel Sport lässt es die Neuronen schrumpfen, die Hirnmasse des Sportlers nimmt ab.

Treffen diese Kriterien nun auch auf Joey zu? Der Sportler bestreitet das vehement:

"Völliger Schwachsinn! Im Gegenteil! Ich bin der Meinung, jemand der Sport treibt, ist jemand, der organisiert ist. Und beim Ausdauersport ist es einfach eine Disziplinsache. Mit Ausdauersport lernt man auch Disziplin, und das ist das Fundament für jede Form von Erfolg."

Joey Kelly

Als süchtig empfindet sich der Musiker selbst also nicht. Aber weil die Leugnung der Sucht auch ein Kennzeichen der Sucht sein kann, ist auch die Meinung der Sportmedizinerin interessant. Prof. Petra Platen pflichtet Joey allerdings bei:

"Die Karriere ist sicherlich sehr bemerkenswert, liegt auch ganz bestimmt weit außerhalb des Normalen. Aber er scheint doch, soweit ich das beurteilen kann, sein soziales Umfeld und sein berufliches Umfeld nicht zu vernachlässigen und von daher dann auch mit beiden Beinen richtig fest im Leben zu stehen."

Prof. Petra Platen

Joey Kelly ist also nicht sportsüchtig. Auch die von manchen Läufern beschriebenen Rauschzustände kennt er nicht. Für ihn sind die Wettläufe in allen Teilen der Erde vor allem ein großes Abenteuer, selbst wenn er vor jedem Start denkt: "Das wird jetzt wieder eine Quälerei."

Zuletzt aktualisiert: 25. Juli 2007, 15:40 Uhr

 

 
 
 
 
 
 

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