Echt | MDR FERNSEHEN | 11.08.2015 | 21:15 Uhr Betonkrebs - Gefahr für unsere Autobahnen

Sommerzeit – Reisezeit. Doch immer wieder Staus durch Großbaustellen auf unseren Autobahnen. Auch die Fahrbahn der A9 bei Dessau musste schon nach wenigen Jahren komplett erneuert werden. Der schnurgerade Abschnitt ist bei Freunden der Automobilgeschichte berühmt: Bis 1956 wurden hier Rennen gefahren und Geschwindigkeitsrekorde aufgestellt. Höchstgeschwindigkeit war hier in den vergangenen Jahren nicht mehr möglich. Ein Tempolimit musste her, um die Verkehrssicherheit zu gewährleisten, denn die Strecke entwickelte sich zur Buckelpiste. Der "Betonkrebs" hat die Fahrbahn zerfressen, ließ Risse und Blasen entstehen. Eine Totalsanierung war die Folge.

Erst Vorzeigeprojekt, dann Sanierungsfall

Und das, obwohl die A9 erst bis 2006 als "Verkehrsprojekt Deutsche Einheit Nummer 12" umfassend erneuert wurde. Verantwortlich für die Alkali-Kieselsäure-Reaktion, so die exakte Bezeichnung für den "Betonkrebs", sind nur bestimmte Kiessorten im Baustoff. Das Tückische: Die Schäden treten erst nach Jahren zutage. Dabei sind die Behörden in Sachsen-Anhalt davon ausgegangen, dass das neue Autobahnnetz etwa 30 Jahre hält und sich die Arbeiten auf Ergänzungen und normale Instandsetzungen beschränken.

Was genau bedeutet Betonkrebs?

Die Alkali-Kieselsäure-Reaktion entsteht, wenn sich bestimmte Kiessorten bei Feuchtigkeit mit dem beim Straßenbau verwendeten Bindemittel Zement nicht vertragen. Uwe Langkammer, Chef der Autobahngroßbaustellen in Sachsen-Anhalt, spricht aus Erfahrung:

Experte
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Mitte der 1990er-Jahre begann auch in Sachsen-Anhalt der massive Ausbau und Neubau der Autobahnen. Anstatt der üblichen Asphaltdecke sollte Beton billiger und viel robuster sein. Vor allem sollten die neuen Strecken doppelt so lange halten, nämlich 30 Jahre. Verwendet wurden aus Kostengründen dabei Kies und Schotter aus der Region. Ansonsten wäre der Beton zu teuer geworden. Doch nun sind 220 Kilometer dieser Autobahnen ein Sanierungsfall. Jetzt muss ein Großteil der Betondecken abgefräst und komplett neu gebaut werden.

In den Poren des Betons bildet sich ein kleines Gel. Das spielt sich alles im mikroskopischen Bereich ab. Bei Feuchtigkeitszufuhr quillt dieses Gel und erreicht dann irgendwann einen Porendruck, der die Druckfestigkeit des Betons übersteigt und dann wird der Beton buchstäblich zerstört.

Uwe Langkammer, Präsident des Landesstraßenbauamtes Sachsen-Anhalt

Wo liegen weitere Ursachen für den Betonkrebs?

Ein ganz entscheidender Punkt sind die äußeren Einflüsse, die auf die Betondecke einwirken. So ist Feuchtigkeit eine Voraussetzung, dass Betonkrebs entstehen kann. Auch Streusalz wirkt auf die Fahrbahndecke ein. Bis zu 4.000 Tonnen werden an einem Wintertag allein auf die Autobahnen Sachsen-Anhalts gestreut. Diese Salze reagieren mit Bestandteilen des Zements und der Kieselsäure aus Kies und Schotter. Auch das kann zur berüchtigten Alkali-Kieselsäure-Reaktion führen.

Eine dritte Ursache: Die Belastung der Fahrbahn durch Lkw. Weil sie die Fahrbahn enorm belasten und erschüttern, beschleunigen sie die chemische Reaktion im Beton.

Wir haben auf der A9 im Durchschnitt Verkehrsbelastungen von über 60.000 Fahrzeugen in 24 Stunden. Etwa 17-18 Prozent davon sind Lkw. Und ein Lkw belastet die Fahrbahnkonstruktion ungefähr soviel wie 50-60.000 Pkw. Ich denke, dann hat man eine ungefähre Relation, über was wir hier reden.

Uwe Langkammer, Präsident des Landesstraßenbauamtes Sachsen-Anhalt