Sven Voss steht auf einem Deich.
Bildrechte: Echt

Echt | MDR FERNSEHEN | 22.09.2015 | 21:15 Uhr Alarmstufe Rot – Deichbruch in Mitteldeutschland

ECHT rekonstruiert diesmal das Entstehen des Elsterhochwassers in Sachsen-Anhalt vor fünf Jahren. Wir fragen nach: Kann man die Fluten durch immer höhere Dämme aufhalten und wie können alternative Konzepte des Hochwasserschutzes aussehen?

Sven Voss steht auf einem Deich.
Bildrechte: Echt

Im Herbst 2010 an der Schwarzen Elster: Das sonst so beschauliche Flüsschen tritt über die Ufer. Denn seit Tagen hört es nicht auf zu regnen und die Pegel steigen. Das Örtchen Löben, direkt am Fluss gelegen, droht in den Fluten unterzugehen.

Es ist gegen 13 Uhr, als am 1. Oktober 2010 in der Nähe von Meuselko der Deich der Schwarzen Elster bricht. Vier Stunden später wird für den gesamten Landkreis Wittenberg Katastrophenalarm ausgerufen. Acht Stunden später ist die zwei Kilometer flussabwärts gelegene Ortschaft Löben überflutet und der Ortsteil Waltersdorf komplett von der Außenwelt abgeschnitten.

Die Ursache der Katastrophe

Deichbruch bei Löben
Der Deich bei Löben ist gebrochen. Bildrechte: Echt

Der Zustand der Deiche ist mangelhaft, denn die Schutzwälle sind fast 100 Jahre alt und entsprechen nicht den heutigen Bauvorschriften. So beginnen 1928 die Planungen zum Bau der Deiche um Löben. Damals wurde das Material einfach aus dem Flussbett geschaufelt ... Das bedeutet im Klartext: Die verbauten Materialien sind Flusssande, die sich nur schwer verdichten lassen – was diesen Deich unberechenbar macht. Wenn tagelang Wasser auf ihm lastet, dann ist er einfach nicht stabil genug.

Wenn die Deiche brechen, ist das zu 90 Prozent immer dort, wo der Fluss früher einmal seinen Lauf hatte. Also dort, wo man mit einem Deich den Fluss begradigt hat und der sich seinen alten Lauf wieder nimmt.

Oliver Wendenkampf, BUND Sachsen-Anhalt
Grafik des Kanalverlaufs Schwarze Elster
Alter und neuer Verlauf der Schwarzen Elster Bildrechte: Echt

Ein weiterer Grund: Die Altvorderen haben den Fluss zu einem Kanal gemacht. Die kanalisierte Schwarze Elster wurde gebraucht, um die Abwässer der Industrieproduktion schneller loszuwerden. Doch seitdem fehlt der Schwarzen Elster ihre natürliche Überflutungsfläche.

Somit beklagen die Anwohner an der Schwarzen Elster zurecht, dass zahlreiche Deiche seit Jahrzehnten nicht saniert worden sind. Das Land Sachsen-Anhalt möchte viel Geld in die Deichmodernisierung stecken. Allein für diesen Bereich wurden in den vergangenen Jahren tatsächlich schon 10 Millionen Euro ausgegeben. Aber können so die massiven Eingriffe in die Natur rückgängig gemacht werden? Denn die Schwarze Elster ist einer der am stärksten kanalisierten Flüsse Mitteleuropas. Auch deshalb hatte das Hochwasser 2010 hier so dramatische Auswirkungen.

Moderator Sven Voss geht auch auf Spurensuche an anderen Deichen in Mitteldeutschland. Während der Flut von 2013 steht so das Elsterhochflutbecken in Leipzig kurz vorm Kollaps. "Land unter" droht großen Teilen der Stadt. In Fischbeck reißen die Fluten der Elbe ein 90 Meter breites Loch in den Deich. In einer spektakulären Aktion kann es durch Einsatzkräfte von THW und Bundeswehr notdürftig geschlossen werden.

Mehr Raum für unsere Flüsse

Grafik mit Verlauf des alten und neuen Deiches
Zu sehen ist Überflutungsfläche, die der Elbe zurückgegeben worden (hellblauer Bereich). Bildrechte: Echt

Es gibt alternative Konzepte des Hochwasserschutzes: Ein Beispiel ist die Lenzener Elbtalaue im Landkreis Prignitz. Wie fast überall verläuft hier der alte Deich ganz eng am Flussverlauf. Doch dieser Deich wurde abgetragen. Im Hinterland wurde später ein neuer Deich errichtet. Auf diese Weise wurde der Elbe 400 Hektar Überflutungsfläche zurückgegeben. Positiver Nebeneffekt: In den letzten Jahren entstand eine neue faszinierende Auenlandschaft - Platz für Tiere, die in dieser Gegend schon lange nicht mehr gesehen worden.

So kann es nur heißen: Mehr Raum für unsere Flüsse. Auch das Land Sachsen-Anhalt will diese Erkenntnis umsetzen. Seit fünf Jahren wird so im Lödderitzer Forst an einer Deichrückverlegung gearbeitet, die 600 Hektar neue Überflutungsfläche bringen soll.

Das ist eine Win-win-Situation - ein Gewinn im Hochwasserschutz, aber auch ein Gewinn im Naturschutz.

Burkhard Henning, Direktor Landesbetrieb für Hochwasserschutz Sachsen-Anhalt

Doch trotz dieser Erkenntnis verlässt man sich beim Hochwasserschutz vor allem auf die alten technischen Rezepte. Unsere Deiche werden an den alten Stellen immer höher gebaut. Doch bislang hat der Mensch den Wettlauf gegen die Natur immer verloren. Nun ist es an der Zeit, unseren Flüssen wieder den Raum zu geben, den sie bei Hochwasser brauchen.

Zuletzt aktualisiert: 22. September 2015, 17:50 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.