Echt - spezial | MDR FERNSEHEN | 25.05.2017 | 18:05 Uhr Mitteldeutsche Lilienthals - Stasi, Thermik, Todesangst

Lautlos dahingleiten wie ein Vogel im Wind. Getragen nur von der Thermik ist das Drachenfliegen wohl die unmittelbarste Art des menschlichen Fliegens. In der DDR ruft diese Leidenschaft die Staatsmacht auf den Plan. "Echt" erzählt die unglaublichen Geschichten der illegalen und wagemutigen Drachenflieger Mitteldeutschlands - damals in der DDR und heute. Geschichten von Bastlern, Ingenieuren, Freigeistern.

Auch am Himmel herrscht die Stasi

Im August 1980 reicht es den Genossen: In der DDR wird das Drachenfliegen verboten - als einzigem Land der Welt. Zu groß ist bis dahin die Szene derer geworden, die den Traum vom einfachen, lautlosen Fliegen leben - und die im Lande des Mangels spektakuläre Fluggeräte bauen.


So wie der Bäcker Thilo Schwarz aus der Nähe von Naumburg (Sachsen-Anhalt). Seine Drachenflieger entstehen aus Fichtenholzleisten und Anorakstoff. Andere Flugpioniere konstruieren aus Alu-Stangen ausgemusterter Linienbusse und Staubsaugerrohren ihre Modelle. Thilo Schwarz gelingt sein erster Flug. Ab 1984 nutzt Thilo Schwarz jede freie Minute zum Fliegen. Er ahnt gar nicht, dass es ein Flugverbot in seinem Land gibt. Dann aber werden die wilden Flieger zum Objekt der Stasi, denn diese wittert Fluchtgefahr. Die Fliegerkarriere von Thilo Schwarz endet abrupt im Stasi-Gefängnis. Aus heiterem Himmel werden er und seine Frau plötzlich verhaftet. Die 9-jährige Tochter muss zuschauen, wie ihre Eltern weggebracht werden. Sie weiß nicht, wohin und warum. Sie schreit und beißt einen der Polizisten. Erst nach zwei Tagen werden Thilo Scharz und seine Frau entlassen, nachdem klar war, dass Schwarz nicht in den Westen fliegen wollte.

Auch DDR-Rennrodel-Legende Hans Rinn wird in den 70ern vom Fliegerfieber angesteckt. Er darf für Sportwettkämpfe in den Westen reisen und schmuggelt von dort fertige Drachenflieger in die DDR.

Drachenflugfieber in Mitteldeutschland - damals und heute

Thilo Schwarz fliegt mit seinem Drachen
Thilo Schwarz fliegt mit seinem Drachen. Für ihn bis heute das ultimative Freiheitsgefühl. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Thilo Schwarz fliegt mit seinem Drachen
Thilo Schwarz fliegt mit seinem Drachen. Für ihn bis heute das ultimative Freiheitsgefühl. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Drachenflieger in der DDR
Thilo Schwarz mit seinem selbstgebauten Drachen 1984. Bildrechte: Thilo Schwarz
Drachenflieger
Sein Rekord beträgt 70 Kilometer am Stück. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Thilo Schwarz fährt mit seinem Drachen zum Start
Mit dem Bulli fährt Thilo Schwarz seinen Drachen zum Startplatz. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Ein Drachenflieger startet
Bestes Flugwetter, die Ausrüstung geprüft... Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Thilo Schwarz am Start
... schwingt sich Thilo Schwarz in die Lüfte. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Stasiakte "Flieger"
Dem DDR-Staatssicherheitsdienst sind die Drachenflieger suspekt. Wer fliegt, kann Grenzen überwinden. Ein zu hohes Risiko. 1980 wird das Drachenfliegen in der DDR verboten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Drachenflieger bei den Startvorbereitung
1985 wird Thilo Schwarz verhaftet und sein Drachen beschlagnahmt. Erst nach der Wende kann er wieder fliegen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Schwarzweiß-Aufnahme eines Drachenfliegers
Viele Flugbegeisterte können nicht ohne ihr Hobby und weichen auf die benachbarte Tschechoslowakei aus. Hans Rinn beim Drachenfliegen in Raná. Bildrechte: Hans Rinn
Schwarzweiß-Aufnahme eines Drachenfliegers
Das Böhmische Mittelgebirge wird zum Mekka der in der DDR ausgebremsten Drachenflieger Bildrechte: Hans Rinn
Schwarzweiß-Aufnahme von Menschen in einem Cabrio
Hans Rinn mit seinem Cabrio, mit dem er einen geschmuggelten Drachen von Oberwiesenthal nach Ilmenau transportiert. Bildrechte: Hans Rinn
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Thilo Schwarz fährt mit seinem Drachen zum Start
Thilo Schwarz fährt mit seinem Drachen zum Start Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Im tschechischen Exil

In waghalsigen Selbstversuchen versuchen die mitteldeutschen Lilienthals, ihren Drachen die Geheimnisse der Aerodynamik zu entlocken. Peter Eckstein, Berti Bienert und all die anderen Flugverrückten können nicht davon lassen. Sie müssen einfach weiter fliegen – nun allerdings im Ausland. In Tschechien wird das Dorf Rana zu ihrem Fliegerexil. Der Berg Raná im Böhmischen Mittelgebirge wird ihr Mekka. Doch auch hier stehen sie unter argwöhnischer Beobachtung der Stasi. Thilo Schwarz bekommt ein Angebot: Nachdem sein Drachen zunächst beschlagnahmt worden war, soll er jetzt in Raná fliegen dürfen. Aber nur unter der Bedingung, über seine Fliegerkollegen dort Bericht zu erstatten. Er lehnt ab und kann erst nach der Wende wieder fliegen.

Sie haben mir versprochen, dass ich wieder fliegen darf, wenn ich nach Raná fahre und Nummernschilder aufschreibe und die Leute aushorche, die da fliegen.

Thilo Schwarz über den Erpressungsversuch der Staatssicherheit

Mitteldeutsche Lilienthals

Erst mit dem Fall der Mauer kann sich Thilo Schwarz den Traum vom Fliegen wieder erfüllen. Heute starten die mitteldeutschen Drachenflieger von den sonnenbeschienenen Hängen an Saale oder Unstrut - und fliegen von dort bis nach Halle, Bayern oder Tschechien. Hunderte Kilometer weit, nur getragen von heißer Luft, steigen sie in Höhen bis zu 3.000 Metern auf. Dann sind sie oft mehr als neun Stunden unterwegs.

In den Alpen kann das jeder, im Mittelgebirge musst du ein Naturtalent sein und die Thermik spüren.

Die Hobbypiloten vom Drachenfliegerverein Saalfeld (Thüringen)

Dabei kann alles außer Kontrolle geraten, wie 2007. Damals trieb die Thermik die deutsche Gleitschirm-Weltmeisterin Ewa Wisnierska erst in eine Gewitterwolke, dann auf 9.000 Meter Höhe, bei 40 Grad minus. Dort wurde sie bewusstlos.

"Echt" erforscht die Geheimnisse der Aerodynamik, des Drachen- und Gleitschirmfliegens. Moderator Sven Voss trifft die mitteldeutschen Lilienthals auf ihrem Heimatflugplatz bei Stadtilm in Thüringen. Sie erzählen ihre schier unglaublichen Geschichten aus der Zeit des Drachenflug-Verbots und ihren Exil-Erlebnissen in Tschechien. Oder wie sie versucht haben, mit einem MZ-Motor einen motorisierten Gleitschirm zu bauen.

Zuletzt aktualisiert: 04. September 2017, 12:45 Uhr