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ECHT | 29.11.2011 | 21:15 Uhr : Die Eisflut von 1784: Land unter in Meißen

Temperaturen bis zu minus 30 Grad, wie im Januar, sind ungewöhnlich für unsere Region. Trotzdem eine solche Wetterlage nicht extrem und von katastrophalen Bedingungen kann nicht die Rede sein. Wie verheerend Winter in Mitteldeutschland sein können, zeigt ein Blick auf die Eisflut von 1784.

Eis

Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Eisflut von 1784 die größte Umweltkatastrophe der Neuzeit war. ECHT! hat das Geschehen von damals mithilfe von Experten rekonstruiert. Die Erkenntnisse zeigen, dass sich damals Eisfluten in ganz Deutschland ereigneten, u.a. in Köln, Heidelberg und Würzburg. In Bonn rettete sich der 14 Jahre alte Ludwig van Beethoven mit seinen Eltern vor den eisigen Fluten des Rheins. Das Hochwasser zerstörte Schiffe, Brücken, Wohnhäuser und viele Öl- und Getreidemühlen. In Mitteldeutschland traf es vor 225 Jahren das sächsische Meißen besonders hart.

Eine Chronik gibt Aufschluss

Was damals in Meißen passierte, lässt sich mithilfe von Archivdaten rekonstruieren. Der Meißner Stadtarchivar Tom Lauerwald hat eine hervorragende Quelle: Das Buch  "Chronologische Geschichte der großen Wasserfluthen des Elbstromes" von Christian Gottlieb Pötzsch. Dort sind die Ereignisse der Winterflut von 1784 in Meißen in einem fünfseitigen Bericht festgehalten.

"Was wir wissen, ist über alle Beschreibungen schrecklich"

Flutmarke
Sven Voss vor der historischen Höhenmarke

In Meißen herrscht damals seit Monaten Dauerfrost. Die Elbe vor den Toren der Stadt trägt eine meterdicke Eisdecke. Ende Februar steigen die Temperaturen plötzlich. Tauwetter setzt ein. Es regnet. Am 28. Februar 1784, ein Stunde vor Mitternacht, bricht das Eis der Elbe auf und bewegt sich flussabwerts. An einer engen Biegung stapelt es sich meterhoch auf. Hinter diesem Damm aus Eis staut sich das Wasser. Niemand bemerkt, was geschieht. Am 29. Februar gegen 10 Uhr bricht der Eisdamm. Meterdicke Eisschollen rasen die Elbe hinab. Die Flutwelle treibt Trümmer zerstörter Häuser, losgerissene Schiffe und an den Ufern gelagerte Baumstämme vor sich her und reißt alles weg, was sich ihr in den Weg stellt. Die ganze Altstadt von Meißen steht nahezu zwei Meter unter Wasser. In den Fluten sterben neun Menschen. Der Sachschaden ist den Überlieferungen nach enorm.

So weit das Auge reicht, sieht man Eisschollen und darunter große und kleine Trümmer von Gebäuden und Mobilien. Was wir wissen, ist über alle Beschreibungen schrecklich: denn jeden Augenblick, von jeder Seite her, hören wir in den Dörfern nach Hülfe schreien."

Christian Gottlieb Pötzsch
Chronologische Geschichte der großen Wasserfluthen des Elbstroms

Spurensuche

Auf der Suche nach den Spuren der verheerenden Naturkatastrophe haben wir den Umwelthistoriker Mathias Deutsch begleitet. Der Wissenschaftler präsentiert ECHT! ein ganz besonderes Buch: die sogenannten Mannheimer Ephemeriden. Dabei handelt es sich um eine Wetterdatensammlung, die seit 1781 von der Akademie der Wissenschaften Mannheim erhoben wurde. Dieses Buch liefert nach Angaben von Mathias Deutsch als einzige Quelle einen klaren Beweis für den kalten Winter der Jahre 1783/84.

"Die Ephemeriden sind für jeden Wissenschaftler, der auf unserem Gebiet arbeitet ein Schatz. Sie sind eine Fundgrube, denn hier finden sich die Beobachtungsdaten, die von der Pfälzer Meteorologischen Gesellschaft ausgehend an verschiedenen Stationen in Deutschland und darüber hinaus nach einheitlichen Vorgaben und mit genormten Messwerkzeugen vorgenommen worden sind."

Mathias Deutsch, Umwelthistoriker

Mathias Deutsch findet Daten der Messstation Erfurt. Sie belegen, dass damals in Mitteldeutschland schon von November an Minusgrade herrschten. Im Januar 1784 fielen die Werte häufig bis auf minus 20 Grad. Das wog besonders schwer, weil es auf Grund großer Trockenheit zuvor zu vielen Missernten gekommen war. "Der Winter 1783/84 zeichnet sich durch extreme Kälte aus. Wir haben Informationen, dass schon im November erste Kälteschübe waren. In den Chroniken steht, dass es schon im November sehr kalt war und bestimmte Früchte auf den Feldern erfroren sind. Richtig kalt wurde es dann im Dezember. Ein Müller bei Artern in Thüringen berichtet, dass er drei Wochen vor Weihnachten nicht mehr mahlen konnte, weil seine Mühle eingefroren war", erklärt Mathias Deutsch

Auch für den extremen Witterungsumschwung, der das Tauwetter und damit die Katastrophe auslöste, findet Umwelthistoriker Mathias Deutsch in den Ephemeriden Belege: "Wenn man sich Witterungssituationen für verschiedene Stationen anschaut, ist dieser Temperaturwechsel gut zu erkennen. Vom 21. zum 22. (Februar 1784, Anm. d. Red.) kippt das. Es wird plötzlich warm, Tauwetter setzt ein, es regnet. Das ist das Szenario einer Katastrophe."

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Zuletzt aktualisiert: 29. November 2011, 19:13 Uhr

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