Echt | 31.01.2012 | 21:15 Uhr : Mitteldeutschland ohne Menschen - Wenn nur noch die Natur regiert
Am Leipziger Augustusplatz bröckeln die Fassaden, Gewandhaus und City-Hochhaus gleichen Ruinen. Der Magdeburger Dom hat Risse, eine Turmspitze ist eingestürzt. In einem Thüringer Einfamilienhaus wohnt schon lange niemand mehr und die Dresdner Waldschlösschenbrücke ist verwittert und kurz vor dem Zusammenbrechen ...
"Echt" wagt eine Zeitreise in die Zukunft. Das Besondere an diesem ungewöhnlichen Experiment: Wir Menschen spielen dabei überhaupt keine Rolle. Denn wir wollen wissen, was mit Städten wie Dresden, Erfurt, Magdeburg oder Leipzig passieren würde, wenn sie urplötzlich menschenleer wären. Wie würden die Dinge ihren Lauf nehmen, wenn kein Mensch mehr Hand anlegt, nicht mehr gebaut oder repariert wird? Wie würden unsere Städte in 100 Jahren aussehen, wenn nur noch die Natur Regie führt? Wie sehen unsere Talsperren in 1.000 oder gar in 10.000 Jahren aus?
So phantastisch das klingt, aber mit genau diesen Fragen beschäftigen sich Wissenschaftler sehr eingehend. Zu welchen interessanten Erkenntnissen sind Biologen, Materialforscher, Architekten und Geologen gelangt?
Die Welt ganz ohne Menschen?
Stellen Sie sich vor: Auf einmal ist keine Menschenseele mehr auf den Straßen. Autos stehen still, Geschäfte sind verlassen. Niemand stellt mehr etwas her. Und niemand ist mehr da, um es zu verbrauchen. Keine Stimme ist zu hören, kein Lachen, kein Lärm. Ein paar Autoradios spielen ihren letzten Song und dann: nur noch das Rauschen des Windes, das Rascheln der Blätter in den Bäumen. Ob am Abend wohl noch die Straßenlaternen brennen? Noch fließt der Strom - nur wie lange noch? Und was passiert mit dem, was wir hinterlassen? Wie lange wird es dauern, bis schließlich der Verfall einsetzt, bis sich die romantische Stille in beklemmendes Schweigen verwandelt?
"Der Wald kommt zurück!"
Was für uns beinahe wie eine Warnung klingt, ist für Wissenschaftler wie den Ökologen Professor Ingo Kowarik von der TU Berlin schlicht logische Konsequenz. Sind wir Menschen erst einmal verschwunden, dauert es nicht mehr lang: Die Natur geht auf Eroberungszug, denn ohne uns gibt es niemanden, der die Tier- und Pflanzenwelt davon abhält sich auszubreiten. Das Erbe, das wir hinterlassen, die Bauwerke, Straßen und ganze Städte sind nur kleine Hindernisse, denn die Natur hat eines auf ihrer Seite: jede Menge Zeit. Doch das ist längst nicht alles. Mit faszinierenden Mechanismen und der nötigen Geduld gelingt es der Natur beinahe alles kleinzukriegen. Ganz egal, wie lange wir daran auch getüftelt haben.
Die Dresdner Waldschlösschenbrücke
Sind wir nicht mehr da, gibt es auch niemanden mehr, der sich über das streitbare Bauwerk aufregt. Der Natur ist die Waldschlösschenbrücke einerlei. Fest steht nur: Sie stört und muss weg. Da kommt es Mutter Natur mehr als gelegen, dass jedes Stahlkonstrukt immer auch einen natürlichen Feind hat - Rost! Noch während die Brücke gebaut wird, sucht er nach einer Schwachstelle. Hat er sie gefunden, ist es nur noch eine Frage der Zeit. Kein Rostschutz hält ewig. Vor allem dann nicht, wenn der Rost Verstärkung aus der Welt der Mikroorganismen bekommt: Algen, Bakterien und Pilze - allesamt mit großem Appetit auf Kohlenstoff und Eisen.
Der Physiker Professor Vogdt spricht vom totalen Zerfall der Brücke. Rost und Biokorrosion fressen sich durch den Stahl. Die Waldschlösschenbrücke findet ihr Ende schließlich in den Tiefen der Elbe.
Der Leipziger Augustusplatz
Der Augustusplatz ist einer der zentralen Plätze Leipzigs. Hier findet das Leben statt. Das über 140 Meter hohe City-Hochhaus gewährt jeden Tag Hunderten von Besuchern einen einzigartigen Blick über Leipzig. Doch was, wenn niemand mehr da ist, um es zu pflegen, zu warten und zu bewohnen? Professor Vogdt gibt einen Ausblick: Würde das Gebäude nicht mehr beheizt werden, sei es nur eine Frage der Zeit, bis die Feuchtigkeit im Stahlbeton stark zunehmen würde - mit verheerendem Resultat.
Auch die Zukunft des Augustusplatzes ist also besiegelt. Die Natur findet einen Weg, auch wenn dieser Jahrhunderte dauert.
Der Flughafen Brandis
Sie sind der Beweis für die unbändige Kraft der Natur: Die Flughafenruinen im polnischen Brandis. Seit 20 Jahren fliegt hier kein Flugzeug mehr. Die Anlage ist verlassen und verfallen. Die Natur hat längst Anspruch darauf erhoben. In den Räumen und Hallen, in denen Sodaten während der 1930er-Jahre noch das Fliegen lernten, hat heute die Natur das Sagen. Moose und Farne haben den Flugplatz bevölkert und sich ihren Weg durch Mauerwerk und Deckenputz gebahnt. Übrig geblieben sind Erinnerungen, an das Leben und den Alltag, den es hier fast 70 Jahre lang gab. Übrig geblieben ist aber auch eine Antwort - auf die Frage: Was wäre, wenn wir nicht mehr da wären?



