ECHT | 29.11.2011 | 21:15 Uhr : Der Tornado vom Pfingstmontag
Völlig unerwartet zeigte am Pfingstmontag 2010 die Natur ihre Gewalt. Über Großenhain und die benachbarten Orte zog ein gewaltiger Tornado hinweg. Er tötete ein Kind, zerstörte Wälder, Parks und Häuser. Später stellte sich heraus: Es war nicht der einzige an diesem Tag.
Der Pfingstsonntag 2010 zeigt sich angenehm sonnig in der Region um Großenhain. Der Wetterbericht kündigt für den kommenden Tag, den 24. Mai, eine Abkühlung und örtlich gewittrige Schauer an, denn ein Tiefdruckgebiet trifft auf die Warmluft der vergangenen Tage. Trotzdem soll auch die Sonne scheinen. Es steht also ein typischer Frühlingstag bevor. Eine Unwetterwarnung gibt es nicht. Und doch kommt es ganz anders.
Vorboten
In Leipzig findet Enrico Öltze wieder einmal Gelegenheit, seinem Hobby nachzugehen: Er ist Sturmjäger. Seine Leidenschaft sind Gewitter, Stürme und Tornados. Er freut sich, als er gegen Mittag im Wetterradar auf seinem Computerbildschirm die von Westen her kommende Gewitterfront sieht. Mit Radar und Laptop ausgerüstet, macht er sich auf den Weg in Richtung Dessau. Von weitem beobachtet er die gewaltige Gewitterzelle. Gegen halb zwei hat er das Unwetter erreicht. Öltze ist klar, dass sich hier etwas zusammenbraut: "Ein Kumulus mit massiven Strukturen ist hochgeschossen. In dem steckte so eine Energie, dass man schon am Aufbau erkennen konnte, dass das etwas werden könnte"
Dass es sich hierbei um einen Vorboten der Unwetterkatastrophe handelt, ahnte Enrico Öltze zu diesem Zeitpunkt nicht. Gerold Weber, der Chef des Deutschen Wetterdienstes Leipzig verbringt den Feiertag in der Dübener Heide. Er ist von dem Anblick fasziniert und gleichzeitig besorgt. Außerdem ist es drückend, feucht und schwül. Weber vermutet, dass noch ein Tornado herunterkommen könnte. Unterdessen zeigt Enrico Öltzes Niederschlagsradar eine rote, rotierende, hakenförmige Fläche, ein sogenanntes Hakenecho - meist ein Zeichen dafür, dass der Tornado meist schon am Boden.
Von der Dübener Heide nach Mühlberg
Der erste Tornado wütet gegen 14:00 Uhr in der Dübener Heide. Ein zweiter trifft kurz nach 15:00 Uhr auf Mühlberg an der Elbe. Dort deckt der Wirbelsturm Dächer ab, knickt Bäume um und wirft Lkw-Auflieger auf die Seite. Der Wind entfaltet eine solch gewaltige Kraft, dass sogar der tonnenschwere Turm des Klosters Marienstern keinen Halt mehr hat. Er bricht ab und rammt sich tief in den Boden des Klostergartens. Auch die nahe Elbebrücke ist vom Sturm gezeichnet. Der moderne Bau, der erst anderthalb Jahre zuvor fertiggestellt wurde, ist auf beiden Seiten mit Sichtfenstern aus massivem Plexiglas gesäumt. Mehr als 120 davon hat der Tornado herausgedrückt.
Bäume knicken wie Streichhölzer um
Dann trifft es Großenhain. Der Röderpark im Ortsteil Walda-Kleinthiemig wird binnen weniger Augenblicke vernichtet. Wie überall, wo der Sturm wütet, knicken die Bäume um wie Streichhölzer. Ihre unterschiedliche Fallrichtung bestätigt noch einmal, dass sie einem Tornado zum Opfer gefallen sind.
Der Tornado gelangt kurz vor 16:00 Uhr zu einer Großenhainer Plattenbausiedlung. Aus einem der Häuser wird ein tonnenschweres Betonteil herausgerissen. Um das zu schaffen, muss der Wind hier eine Kraft von mehr als 500 Kilogramm pro Quadratmeter besitzen. Zum Glück verletzt die Platte niemanden. Wissenschaftler kommen später zu dem Schluss, dass der Tornado mit einer Windgeschwindigkeit von 300 Kilometern pro Stunde über die Siedlung hinweggefegt sein muss.
Wenig später erreicht der Sturm das Zentrum. In der Marienkirche bereitet Kirchenmusikdirektor Joachim Jänke ein Konzert vor, das nicht stattfinden wird. Zusammen mit den Musikern wird er vom Tornado überrascht. Hagel durchschlägt die Fenster, der Wind lässt die Emporen erbeben. Später zeigt sich, mit welcher Kraft die Natur dort gewütet hat: Die schweren Bleibleche, mit denen einige Außenpfeiler erst vor kurzer Zeit abgedeckt wurden, hat der Wind einfach abgeknickt: "Sie waren zusammengefaltet wie Packpapier. Eine Urgewalt muss da gewirkt haben", erinnert sich Joachim Jänke.
Gewaltige Schäden
Auf dem Friedhof werden 90 Prozent des Baumbestands vernichtet. Überall fliegen Dachziegel herum. Eine halbe Stunde lang zieht der Tornado auf einer Breite von 500 bis 1.000 Metern über das Stadtgebiet. Die Bilanz: Ein sechsjähriges Kind wird in einem Auto von einem Baum erschlagen. Mehr als 50 Menschen erleiden Verletzungen. Rund 3.000 Gebäude sind beschädigt, zahlreiche Bäume umgeknickt. Die Schadenssumme liegt allein im Kreis Großenhain bei mehr als 100 Millionen Euro.
Es waren mehrere Tornados, die für diese Schäden verantwortlich sind. Keiner hätte an diesem Tag damit gerechnet, dass die Natur ihre Gewalt so entfalten würde. Es waren ja nur Sonne und Gewitterschauer angekündigt.
Kein Einzelfall in der Region - der Fall Sehlis
Die Geschichte der Region zeigt, dass Tornados mit solch einer großen Zerstörungskraft immer wieder auftreten können. 1912 wurde die kleine Ortschaft Sehlis bei Leipzig von einem Tornado schwer getroffen. "Echt" zeigt im Fernsehen erstmals Bilder und die Zeichnungen eines Zeitzeugens.
