Echt

Echt | 15.11.2011 | 21:15 Uhr : Der Brückencrash von Zeulenroda

Zwischen 1968 und 1975 wurde bei Zeulenroda in Thüringen ein Stausee angelegt. Das Zeulenrodaer Meer, wie die Einheimischen ihn nennen. Über den See spannt sich zwischen Zeulenroda und Quingenberg eine Brücke. Beim Bau der Brücke kam es 1973 zu einem folgenschweren Unfall.

Blick über die Trinkwassertalsperre Zeulenroda.

Die mehr als 350 Meter lange Brücke ist seinerzeit eines der spektakulärsten Bauvorhaben der DDR. Die Arbeiten gehen gut voran, bis zum 13. August. An diesem Tag steht eine kritische Bauphase an. Planer Gisbert Rother ist nervös. Obwohl er frei hat, überprüft er im Büro noch einmal die Pläne, geht zur Baustelle. Dort sind die Arbeiten bereits im vollen Gange. Die Brücke wird im freien Vorbau zusammengesetzt. Dabei werden zunächst Pfeiler gesetzt und von dort aus eine Verbindung zum vorherigen und nächsten gebaut. Auf der Baustelle am Stausee hebt ein Kran trapezförmig Stahlbauteile nach vorn zum nächsten Pfeiler, wo sie verschweißt werden. Mittags dann ein besonders kritischer Moment: Der Brückenvorbau schwebt 30 Meter weit völlig frei in der Luft. Es ist die größte Entfernung zum letzten Stützpfeiler und nur noch wenige Meter von der nächsten Stütze entfernt. Ein riesiges Stahlteil soll die Lücke schließen. Der Kran ist ganz nach vorne gefahren, an die Spitze der Brücke. Das Gewicht dort erreicht kritische Werte. Kranfahrer Karl Riederer erinnert sich. Ihn quälen böse Vorahnungen. Er hat das Gefühl, dass die Nase der Brücke zu weit herunter hängt.

Auch die letzte Warnung des Kranfahrers bleibt ungehört. 12.35 Uhr knickt der gigantische Stahlvorbau gleich hinter dem letzten Brückenpfeiler ab. Der Kran stürzt in die Tiefe. Die Arbeiter auf der Brücke stecken in einer Todesfalle. Zwei Schlosser, ein Ingenieur und der Baustellenleiter sterben, fünf Menschen überleben das Unglück schwer verletzt.

Sabotage am Tag des Mauerbaus?

Ein Unfall an einem Prestigeprojekt ausgerechnet am 13. August, dem Jahrestag des Mauerbaus? Die DDR-Führung hält das nicht für einen Zufall, sondern denkt an Sabotage. Die Ermittler machen bald einen Schuldigen aus: Neun Wochen nach dem Unfall wird Gisbert Rother verhaftet und zu einem Jahr Zuchthaus verurteilt. Zu Unrecht, wie man heute weiß.

Internationale Bauvorschriften: unbekannt!

Hätte der Ingenieur vom schweren Unfall gewusst, der sich 1971 beim Bau einer Rheinbrücke in Koblenz ereignet hatte, wäre das Unglück von Zeulenroda wahrscheinlich nicht passiert. Denn auch dort war beim freien Vorbau ein sogenannter Kragarm, ein einseitig gelagerter, waagerechter Balken, an dem eine Last hängt, abgebrochen und ins Wasser gestürzt. 13 Menschen starben. Die anschließende, mehr als ein Jahr dauernde Untersuchung ergab, dass man die Stahlbrücke über dem letzten Pfeiler deutlich stabiler hätte bauen müssen. Dieses Erkenntnis wurde zur internationalen Bauvorschrift. Doch davon wusste Gisbert Rother nichts.

Zuletzt aktualisiert: 15. November 2011, 13:13 Uhr

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