Der Osten - Entdecke, wo du lebst | MDR FERNSEHEN | 10.03.2015 | 20:45 Uhr Tagebau Nochten: Kohle, Krise, Schicksalsjahr

Gott schuf die schöne Lausitz, aber der Teufel die Kohle darunter, sagen die Sorben. Seit Anfang der 1970er-Jahre lebt der Landstrich im Schatten der Bagger. Doch wie gehen die Menschen mit dem Verlust ihrer Heimat um? Axel Bulthaupt erkundet die Tagebaulandschaft und besucht Menschen, die von neuen Umsiedlungsplänen betroffen sind.

Seit über hundert Jahren wird in der Lausitz Braunkohle gefördert. Seitdem entwickelte sich die Braunkohleförderung zum wichtigsten Wirtschaftsfaktor in der Region. Im Lausitzer Braunkohlerevier, gelegen im südöstlichen Brandenburg und nordöstlichen Sachsen, lagern rund zwölf Milliarden Tonnen Braunkohle. Damit ist es nach dem Rheinischen Revier die zweitgrößte Braunkohlelagerstätte in Deutschland.

Fluch und Segen

Noch heute versorgen die mit der Lausitzer Braunkohle gespeisten Kraftwerke ihre Kunden mit Energie - und sichert die Braunkohle damit tausende Arbeitsplätze. Doch es gibt auch eine Schattenseite. Seit 1924 das erste Dorf umgesiedelt wurde, fielen in den nächsten Jahrzehnten 136 weitere Orte der Kohle zum Opfer. Dabei verloren über 27.000 Menschen ihr Zuhause. Es war vor allem dem erhöhten Energiebedarf der DDR geschuldet, dass die Förderkapazität immer mehr erhöht wurde, um mit der Braunkohle das Kraftwerk Boxberg zu füttern.

"Braunkohle um jeden Preis" hieß das Motto angesichts der Ölkrise, nachdem die Sowjetunion ihre Rohöl-Lieferungen eingestellt hatte. Geologische Erkundung in der Muskauer Heide hatten riesige Braunkohlelagerstätten zutage gefördert. So lautete der Auftrag des Politbüros, weitere Tagebaue zu erschließen und die Kohlegruben gänzlich auszuschöpfen. Dadurch bedingte Umsiedlungen nahm man in Kauf. Für den Tagebau Nochten begannen 1966 die ersten Umsiedlungen. Betroffen war zunächst ein Ortsteil von Mühlrose. Weitere Ortschaften folgten. 1979 verschwindet Tzschelln, 1987 ein Ortsteil von Nochten von der Landkarte. Den Menschen, die in Nachbardörfer oder in Weißwassers Neubaugebiet zogen, blieben nur Erinnerungen.

Von und mit der Kohle leben

Seit Anfang der 1970er-Jahre förderten gigantische Schaufelradbagger Tag für Tag Rohbraunkohle. Im verbliebenen Dorf Mühlrose unweit der Grube lernten die Menschen, von und mit der Kohle zu leben. Viele arbeiteten als Gleisbauer, Grubenarbeiter, Mechaniker oder Baggerfahrer. Dreck und Staub überzog das Dorf. Proteste gegen eine Kohleverladestelle direkt neben dem Ort blieben ungehört.

Dann änderte das Jahr 1989 alles. Plötzlich stand überall der Raubbau an der Natur auf dem Prüfstand. Auch für den Tagebau Nochten setzte die Politik eine klare Grenze, die sogenannte A-B-Linie, die nicht überschritten werden durfte, solange es kein neues Kraftwerk gab. Diese Linie lag vor den Dörfern Rohne, Schleife und Mühlrose. Die Menschen atmeten auf, schmiedeten Pläne für den Tourismus. Denn der Urwald Weißwasser mitten im Tiergarten Trebendorf, nördlich des Ortes gelegen, ist ein Schatz der Natur. Niemand glaubte, der Tagebau könnte noch kommen.

Neue Abbaupläne

Dann übernahm der schwedische Energiekonzern Vattenfall den Tagebau. Er verstand die A-B-Linie als Zeichen, ein neues Braunkohlekraftwerk zu bauen. Die A-B-Linie fiel. Der Konzern beantragte 2006 eine Erweiterung des Tagebaus Richtung Nordwesten für den Abbau von rund 300 Millionen Tonnen Braunkohle, um damit die Versorgung des Kraftwerks Boxberg sicherzustellen. Nach diesen Plänen müssten über 1.600 Menschen ihre Heimat verlassen. Geplant ist die teilweise Überbaggerung von Klein Trebendorf und Schleife-Siedlung sowie die vollständige Überbaggerung von Rohne und Mulkwitz, außerdem der Urwald Weißwasser und der frühere herrschaftliche Tiergarten. Das Dorf Mühlrose bliebe eine Insel in der riesigen, über 100 Quadratkilometer großen Wüste des Tagebaus Nochten. Mit dem Lärm der Riesenbagger und dem Staub des Tagebaulochs. Schweren Herzens entschieden sich die Mühlroser, gemeinsam ihr Dorf zu verlassen.

Proteste gegen Nochten II

Doch Proteste von Anwohnern und Umweltaktivisten gegen neue Tagebaue in der Lausitz forderten noch Anfang des Jahres den Stopp aller Investitionen für den Tagebau Nochten II. Sie sehen nicht nur Natur und Kulturgut in Gefahr. Sie kritisieren auch die hohe CO2-Emission aus den Kraftwerken und den enormen Eingriff in den Wasserhaushalt. Denn das Abpumpen des Grundwassers führt zu hohen Sulfat- und Eisenoxidablagerungen in Flüssen und Seen der Region, die langfristig die Trinkwasserversorgung und die Fischerei gefährden können.

Unterdessen beschloss Vattenfall, sich aus dem Geschäft mit der Lausitzer Braunkohle zurückzuziehen - eine Folge der Energiewende. Der Konzern sucht nun einen Käufer. Bis der gefunden ist, liegt die Umsiedlung auf Eis. Auch die des kleinen Dorfes Mühlrose.

Ausstellungstipp: "Was bleibt. 90 Jahre Ortsumsiedlung im Lausitzer Kohlerevier" 01.04.-30.06.2015

Sächsisches Industriemuseum, Energiefabrik Knappenrode
Ernst-Thälmann-Straße 8
02977 Hoyerswerda / OT Knappenrode,
Tel: 03571 604267

Buchtipp Jürgen Matschie:
"Brunica - Leben mit der Kohle"
214 Seiten,
bautzen: Domowina-Verlag 2011,
ISBN: 978-3-7420-2202-8

Zuletzt aktualisiert: 10. März 2015, 10:22 Uhr