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exakt vom 21.09.2004

Deutschland - Mitnahmementalität und Schmarotzertum?

Manuskript des Beitrages

von Barbara Dobke, Sibylle Schimpf

Kanzler Schröder warf den Menschen in Deutschland eine Mitnahmementalität vor. Aber es gibt Menschen, die nehmen die ihnen zustehenden Leistungen gar nicht erst in Anspruch.

O-Ton: Marion Krieg

"Ich betrete nie wieder in meinem Leben ein Sozialamt!"

O-Ton: Reporterin

"Aber Wohngeld würde Ihnen doch eigentlich zustehen?"

O-Ton: Marion Krieg

"Bestimmt, ja. Aber ich mache das nicht. Ich gehe nicht betteln."

Marion Krieg ist 47. Sie, ihr Mann und die beiden Kinder leben von 800 Euro im Monat. Geld, dass ihr Mann als Gärtner verdient. Jeder Euro läuft bei ihr durchs Haushaltsbuch – sonst käme sie nie über die Runden.

O-Ton: Marion Krieg

"Vom 15. – da hat mein Mann Geld gekriegt – da waren so 100 Euro übrig. Da muss ich hinkommen bis zum Ersten wieder."

100 Euro für 14 Tage und vier Personen. Für Lebensmittel, Schulhefte und Kleidung. Familie Krieg hätte längst Unterstützung vom Staat zugestanden. Wohngeld – ergänzende Hilfe zum Lebensunterhalt, in Form von Beihilfen für Kleidung und Anschaffungen. Doch die hat sie nie beansprucht.

O-Ton: Marion Krieg

"Was man so kriegt, wie eben Sozialempfänger, dass mache ich nicht. Wie eben… Manche kriegen eben noch Bekleidungsgeld. Das mache nicht."


O-Ton: Reporterin

"Warum nicht?"

O-Ton: Marion Krieg

"Nee."

Sie will nicht – wie sie sagt – betteln gehen. Zumindest nicht solang das Gehalt ihres Mannes fliesst. Nur einmal sei sie zum Sozialamt gegangen. Wiedermal hatte ein windiger Arbeitgeber der Familie den Lohn für drei Monate vorenthalten. Der Kühlschrank war leer, das Portemonnai alle. Doch statt erhoffter schneller Hilfe bekam sie hier im Amt nur Bürokratie.

O-Ton: Marion Krieg

"Erst mal hat sie mir die ganzen Papiere zum Ausfüllen gegeben, dass sollte ich abgeben. Dadurch, dass ich eben in Not war und nicht wusste, was ich machen sollte, kein Geld für meine Kinder hatte und da hat die dann gesagt, ich muss dass alles abgeben und ging eben kein Weg rein, dass sie mir geholfen hat."

Unverrichteter Dinge ist Marion Krieg damals wieder gegangen. Zu Fuß andertalb Stunden, weil es für die Bahn nicht mehr reichte.

O-Ton: Marion Krieg

"Ich hab… Von hier bis nach Lindental bin ich gelaufen und hab nur geheult. Ich war fix und fertig. Zu Hause bin ich dann meinem Mann in die Arme gefallen und..."

Kanzler Schröder allerdings sieht eine andere gesellschaftliche Realität. In der Zeitschrift "Guter Rat" behauptet er:

Zitat Bundeskanzler Schröder

"In Ost wie West gibt es eine Mentalität bis weit in die Mittelschicht hinein, dass man staatliche Leistungen mitnimmt, wo man sie kriegen kann."

Dabei sollte es der Kanzler spätestens seit 2001 besser wissen. Im Rahmen des sogenannten "Ersten Armuts- und Reichtumsberichts" der Bundesregierung wurden Missbrauch und Nichtinanspruchnahme von Sozialleistungen untersucht.

Ergebnis: Mitnahmementalität komme zwar vor. Allerdings nur in einem geringen Rahmen. Rund sieben Prozent der Armen in Deutschland beziehen Leistungen des Staates ohne sie zu brauchen. Aber: 34 Prozent verzichten wie Marion Krieg auf Sozialleistungen, obwohl sie so arm sind, dass sie einen gesetzlichen Anspruch hätten. Menschen, die vor allem aus Scham auf staatliche Hilfe verzichten.


O-Ton: Ulrich Schneider, Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband

"Wenn ich zum Sozialamt gehe, gestehe ich ein, dass ich verloren habe, dass ich es nicht geschafft habe. Ich habe da nichts verloren. Ich kann mir selber helfen, diese Mentalität ist sehr weit verbreitet. Es ist das genau Gegenteil von Mitnahmementalität."

Und: dem Staat erspart die Nichtinanspruchnahme eine Menge Geld. Nach Berechnung der Caritas verzichteten Bedürftige bislang auf jährlich 2,25 Milliarden Euro. Der Schaden durch Missbrauch beläuft sich auf gerade 0,15 Milliarden Euro. Und Experten glauben, dass die Schelte des Kanzlers den Anteil der Bedürftigen die auf Geld aus Scham verzichten, noch erhöhen wird.

Rechte: dpa
Viele Menschen nehmen soziale Leistungen nicht in Anspruch

O-Ton: Ulrich Schneider, Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband

"Wenn man der Ansicht ist, es wird irgendwo zu viel gezahlt, dann muss die politische Debatte geführt werden und da muss im Zweifelsfall eine Mehrheit ein Gesetz ändern. Aber man kann nicht auf der bestehender Rechtsansprüche Menschen in irgendeiner Form diffamieren."

Marion Krieg beantragt jetzt übrigens Arbeitslosengeld II. Nicht weil sie es "mitnehmen" will – sondern weil sie es eigentlich längst gebraucht hätte.

Zuletzt aktualisiert: 21. September 2004, 21:15 Uhr

 

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