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exakt vom 11.11.2008

Gefährlicher Rockerkrieg

Manuskript des Beitrages

von Ernst Gernot

Den Motorradclubs "Hells Angels" und "Bandidos" wird die Nähe zur organisierten Kriminalität nachgesagt. Nun kämpfen die Clubs um die Vorherrschaft in Ostdeutschland.

Die Leipziger Innenstadt Ende September: Angehörige einer Rockergruppierung haben einen ganzen Straßenzug besetzt. Exklusive Bilder, die erstmalig deutlich machen, was los war in dieser Nacht. Eine Touristenmeile mitten im Stadtzentrum in der Gewalt einer martialisch wirkenden Gang. Die Männer gehören zu den berüchtigten Hells Angels, einer Truppe, die immer wieder wegen schwerer Straftaten in den Schlagzeilen ist. An diesem Abend kontrollieren sie mitten in Leipzig Autos, regeln den Verkehr und tun, als wären sie die Polizei. Stundenlang. Eine Machtdemonstration. Besucher eines Theaters beobachten verängstigt die Szenerie von den Fenstern aus.

O-Ton: Mitarbeiterin des Centraltheaters

"Also mir ist ganz schlecht geworden. Vor allem diese Gewalt, die die ausgestrahlt haben mit ihren Jacken. Dann haben wir gehört, dass eine andere Gang im Anzuge ist. Wir haben gesehen, dass die hier herumgestanden haben. Also das war schon eine bedrohliche Situation!"

Der Intendant des Theaters hatte sogar an eine Evakuierung der Besucher gedacht.

O-Ton: Sebastian Hartmann, Intendant des Leipziger Centraltheaters

Frage: "Hatten Sie Angst um Ihre Zuschauer, die heute Abend hier waren?"

"Ja, wir hatten heute Abend 300 Zuschauer. Wenn wir 600 oder 700 gehabt hätten, hätte ich höchstwahrscheinlich die Vorstellung abgesagt. Weil mir die Masse Mensch da zu groß gewesen wäre. 300 Menschen kann man noch ruhig halten. Ich hätte versucht, die Türen abzuschließen und die Leute über den Hinterhof nach draußen zu bringen."

Mit mehr als hundert Mann demonstrieren die Hells Angels an diesem Abend ihre Macht, sind Herr der Straße. Und die Polizei, die schaut einfach zu.

O-Ton: Daniel Kapferer, Polizeidirektion Leipzig

"Es ist richtig, dass am Anfang und am Ende der Gottschedstraße sich einige Mitglieder der Hells Angels postiert hatten und eine Sichtkontrolle der einfahrenden Fahrzeuge durchgeführt haben."

Frage: "Also die haben geschaut, wer reinfährt und wer rausfährt?"

"Richtig."

Frage: "Also was ist da die Botschaft? Wir sind Herren der Lage? Das ging ja den ganzen Nachmittag."

"Genau. Wir haben die Situation beobachtet. Wir haben uns im Hintergrund aufgehalten, um die Sache nicht zur Eskalation zu bringen."

Im Klartext: Eine Polizei, die das Heft des Handelns nicht mehr in der Hand hat. Was sich in der Leipziger Innenstadt an diesem Abend abspielt, sind die Vorboten eines Machtkampfes rivalisierender Rockerbanden: Hells Angels gegen Bandidos. Kurz zuvor hatten die besagten Bandidos hier in Leipzig ein sogenanntes "Chapter" eröffnet, wie sie ihre Niederlassungen nennen. Am Tor auf Spanisch die Botschaft: Blut für Blut. Das ist wörtlich zu nehmen. Bei dem Kampf um Macht und Einfluss hat es bereits Opfer gegeben – ein Kampf, der sich jetzt auch auf den Osten konzentriert. In Cottbus werden derzeit vor dem Landgericht Schüsse eines Bandido auf einen Hells Angel verhandelt.

In Weimar, wo sich die Bandidos inzwischen ebenfalls breit gemacht haben, wird öffentlich über die Sicherheit in der Stadt gestritten. Bei dieser Diskussion im Rathaus vor drei Wochen wollte man die Rocker selbst zunächst nicht hereinlassen.

O-Ton: Bandido

"Hier wird über uns gesprochen, und wird dürfen nicht rein. Das ist doch komisch, oder? Und dann steht morgen wieder Scheiße in der Zeitung."

Erst als sie ihre Pseudo-Uniformen ablegen, dürfen sie doch rein. Sage und schreibe 170 Ermittlungsverfahren wurden in Weimar bereits gegen Mitglieder der Gang eröffnet. 83 Mal geht es um besonders schweren Diebstahl, 25 Mal um Körperverletzung.

In Thüringen wird jetzt auf politischer Ebene über Verbote diskutiert. Fakt ist: Machtdemonstrationen der Rocker führen dazu, dass das Vertrauen in den Staat schwindet. In Brandenburg setzt die Polizei deshalb auf Härte. Hier gibt es allein drei Sonderkommissionen "Rocker".

O-Ton: Michael Gellenbeck, Landeskriminalamt Brandenburg

"Der Kurs in Brandenburg lautet: kein Zulassen von militanten Machtdemonstrationen! Das Heft des Handelns nicht aus der Hand geben. Nicht Rockergruppierungen die Straßenhoheit überlassen! Wenn man das einmal zulässt, dann erodiert das Rechtsbewusstsein der Bevölkerung insgesamt. Das polizeiliche Selbstverständnis und das Auftreten der Polizei werden in Frage gestellt. Und es ist dann eben nicht mehr möglich, zum einen Straftaten konsequent zu verfolgen, zum anderen Gefahren konsequent abzuwehren. Von daher ist der polizeiliche Auftrag klar der, derartige Machtdemonstrationen nicht zuzulassen!"

Machtdemonstrationen, wie sie in der Leipziger Innenstadt zugelassen wurden. Ein Vorgehen, das bei denen, die den Aufmarsch der Rocker erlebt haben, nur Kopfschütteln verursacht.

O-Ton: Mitarbeiterin des Centraltheaters

"Ich verstehe das überhaupt nicht, dass die Polizei nicht in der Lage ist, so was von vornherein zu unterbinden. Das verstehe ich nicht!"

O-Ton: Sebastian Hartmann, Intendant

"Ich bin extrem irritiert, wenn so etwas stattfindet. Wenn mitten in Deutschland fast über zwölf Stunden eine Straße kontrolliert wird von einer für mich kriminell militärisch organisierten Struktur. Also das ist was, wo ich davor stehe und sage: 'Was ist denn hier los?'"

Zuletzt aktualisiert: 12. November 2008, 13:21 Uhr

 

 
 
 
 
 
 

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