exakt vom 16.06.2009
Aussteiger Öff Öff in der Kritik
Manuskript des Beitrages
von Rainer Fromm
Jürgen Wagner bezeichnet sich selbst als Waldmensch Öff Öff und predigt ein Leben in der Wildnis ohne materielle Zwänge. Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen ihn.
Jürgen Wagner, 45. Bekannt wurde der Aussteiger als Öff Öff, der Waldmensch. In den Medien bringt er es zum Star – in Dutzenden von Medienauftritten berichtet er vom undressierten Leben in der deutschen Wildnis, predigt eine neue Gesellschaftsordnung ohne materielle Zwänge:
O-Ton: Jürgen Wagner, Öff Öff
"Ich habe nachgedacht und bin zu dem Ergebnis gekommen, Frieden und Gerechtigkeit in der Welt sind tausendmal wichtiger als der Beruf, mit dem man sich sein kleines Tellerrandnest einrichten kann."
Vor laufenden Kameras verspeist Öff Öff Insekten, bietet ein Programm, das Millionen Haushalte aufhorchen lässt. Der Waldmensch Öffi wird zur Touristenattraktion. Ganze Reisebusgruppen besichtigen Jürgen Wagner in den Wäldern von Sachsen.
Vergangene Woche: Wir treffen in Wendisch-Paulsdorf Patrick. Vier Jahre lang war er einer der engsten Weggefährten von Öff Öff. Die Story vom angeblichen Waldmenschen Jürgen Wagner ist für ihn erstunken und erlogen.
O-Ton: Patrick
"Regenwürmer, Kakerlaken oder sonstiges Getier, das hat er nie gegessen oder sich aus Überzeugung so ernährt. Sondern nur, wenn die Kamera auf ihn gerichtet war, um zu schocken oder zu zeigen: 'Ich bin der tolle Waldmensch', aber Schnecken, nichts. Also immer nur, wenn die Kamera auch an war."
Und auch die Schilderungen vom Leben in der Wildnis sind für Patrick Unsinn. Er führt uns in ein Zimmer des Hauses, das er rund ein dreiviertel Jahr lang gemeinsam mit Öff Öff bewohnte.
O-Ton: Patrick
"Am Waldrand schlafen und tagsüber in irgendwelchen Räumen sein, im Internet rumspielen ist für mich nicht im Wald leben. Was Schimpansen machen, das ist im Wald leben, aber im Wald zelten und tagsüber in Räumen sein ..."
Patrick zeigt uns ein Video. Die Bilder dokumentieren unter anderem das Zimmer, in dem der sogenannte Waldmensch Öff Öff nach Aussagen seiner damaligen Weggefährten tatsächlich übernachtete. Nach außen wurde ein anderes Bild präsentiert. Diese Grube wurde der Öffentlichkeit als Öffis Eigenheimbau vorgestellt. Das Erdloch liegt nur wenige Meter entfernt von seiner eigentlichen Unterkunft auf dem Gartengrundstück. Doch es bleibt nicht bei Täuschungsvorwürfen ehemaliger Anhänger.
Jetzt ermittelt auch die Staatsanwaltschaft in Görlitz gegen Jürgen Wagner. Am Freitag letzter Woche kommt es zur Hausdurchsuchung. Ein Tatvorwurf: die Verbreitung pornographischer Schriften.
O-Ton: Till Neumann, Staatsanwalt Görlitz
"Über die schwerwiegenden Hinweise oder über konkrete Hinweise möchte ich mich zum derzeitigen Ermittlungsstand nicht im Detail äußern. Es steht aber fest, dass es hier ernstzunehmende Ermittlungsansätze gibt."
Die Liste der Vorwürfe ist länger. Belastet wird Wagner unter anderem von ehemaligen Mitgliedern der Schenkerbewegung, wie sich die Organisation nennt, deren prominenter Kopf der Waldmensch ist. Aussteiger, wie diese frühere Vertraute, die aus Angst vor Nachstellungen nicht gezeigt werden möchte, erheben harte Vorwürfe. So arbeite die Schenkerbewegung mit dubiosen Methoden, mit denen staatliche Gelder erschlichen würden.
O-Ton: Aussteigerin
"Man wird ja laufend aufgefordert, kriminelle Dinge zu tun."
Frage: "Was?"
"Zum Beispiel ist mir auch ein Mietvertrag gegeben worden, den ich unterzeichen sollte. Ich sollte dann beim Arbeitsamt Hartz IV und Miete beantragen für eine Zwei-Zimmer-Küche-Bad-Wohnung. Tatsächlich habe ich aber nur ein verfallenes Zimmer bewohnt."
Eine Masche mit Methode. Das behauptet dieser Zeuge der Staatsanwaltschaft. In der Schenkerbewegung brachte er es zum Vereinsvorsitzenden und hatte damit wie kaum ein Zweiter Einblick in die interne Buchhaltung des Vereins.
O-Ton: Zeuge
"Natürlich wurde auch Gästen nahe gelegt, Mietverträge zu unterschreiben für Wohnungen, die man nicht vermieten kann, die eigentlich gar nicht einer rechtlichen Überprüfung standhalten, was eine Wohnung ist, also die der Definition Wohnung gar nicht entsprechen."
Donnerstag letzte Woche, Löbau Kittlitz. Wir sind mit Jürgen Wagner verabredet. Wir konfrontieren ihn mit den Aussagen seiner früheren Anhänger. Er bestreitet unsaubere Finanzgeschäfte, verteidigt aber die Beschaffung der Arge-Gelder für seine Gruppe.
O-Ton: Jürgen Wagner, Öff Öff
"Wenn aber, und das sage ich auch ganz offen, Verbündete oder Menschen, die in dem Verein mitmachen und in den Verbündetenprojekten sind, wenn die sagen: 'Wir haben die Möglichkeit, dass das, was an Mietgeldern gegeben wird oder reinkommt nicht für einen privaten Vermieter verwendet wird, damit er seinen nächsten privaten Urlaub auf Mallorca damit finanziert. Sondern es geht in eine Vereinskasse, damit wir hier gemeinsame Projektarbeit machen können.' Wenn die das wollen, dann ist das in keiner Weise irgendetwas Schmutziges oder das, worüber sich andere aufregen oder Vorwürfe machen müssen."
Was kaum bekannt ist: Inzwischen hat die Schenkerbewegung in ganz Deutschland ein Netzwerk aufgebaut. Grundstücke existieren in Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern. In Projekten würden im Zeichen der Liebe suchtkranke und psychisch gestörte Menschen betreut, heißt es im Internet. Aussteiger der Schenkerbewegung, kurz SB, dagegen haben ganz andere Erinnerungen.
O-Ton: Aussteigerin
"Nichts davon stimmt. Die SB ist meines Erachtens nur ein Haufen von Alkoholikern, Kriminellen, Süchtigen und kranken Menschen und Öff Öff bereichert sich an diesen Menschen. Ich sehe da nichts Idealistisches – gar nichts."
Die Vorwürfe seiner früheren Anhänger – für Öff Öff die Verleumdung von Irregeleiteten.
O-Ton: Jürgen Wagner, Öff Öff
"Das sind alles solche Leute, die wegen Suchtgesellschaft an ihren idealistischen Ansprüchen gescheitert sind und jetzt versuchen, hinter sich etwas auszuradieren, was für diese idealistische Weite oder diese Höhe ihrer Motive steht oder stand."
Der Traum vom Leben im Einklang mit der Natur, das Ideal einer heilen und friedlichen Welt. Jetzt hat es Kratzer bekommen. Knapp 20 Jahre lang ging die Selbstinszenierung um die Welt. Was als Alternativprojekt Schule machen sollte, beschreiben Aussteiger heute als Abzocke.
O-Ton: Patrick
"Da sind Leute mit ein paar Tausend Euro Erspartem gekommen und sind nach ein, zwei Jahren komplett pleite wieder gegangen ohne einen einzigen Cent."
Patrick zeigt uns sein Privatvideo: In Paulsdorf setzen er und seine Freunde Jürgen Wagner letztes Jahr vor die Tür, transportieren seine Besitztümer in die Natur. Das Ende ihres Schenkertraums.
Zuletzt aktualisiert: 17. Juni 2009, 14:48 Uhr
