Exakt - Die Story | MDR FERNSEHEN | 09.05.2012 | 20:45 Uhr : Diagnose Ärztemangel - Weite Wege auf dem Land
Sachsen-Anhalt zählt zu den Bundesländern, in denen in ländlichen Gegenden akuter Ärztemangel herrscht. Schon jetzt fehlen hier 400 Ärzte. Doch die Bevölkerung wird immer älter - und damit nimmt die Zahl der Krankheiten zu. Auf immer weniger Ärzte kommen in naher Zukunft immer mehr Patienten. Was wird dagegen unternommen?
Erika Brauer wohnt in der 1.500-Einwohner-Gemeinde Goldbeck in Sachsen-Anhalt. Die 79-Jährige hat Unterschriften gesammelt, damit sich endlich wieder ein Arzt in dem kleinen Ort in der Altmark niederlässt. Der nächste Arzt ist 20 Kilometer entfernt, und diese Entfernung zwingt die Goldbecker, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren. Das kostet viel Geld und setzt voraus, das die Patienten mobil sind.
So wie den Goldbeckern ergeht es auch anderen sachsen-anhaltinischen Gemeinden. Ein Arzt muss in Sachsen-Anhalt statistisch gesehen 293 Patienten versorgen (Stand 2011). In Hamburg, dem Land mit der höchsten Ärztedichte, sind es dagegen nur 167. Viele Ärzte gehen in den Ruhestand und können ihre Praxis nicht an Jüngere übergeben. Etwa 400 Ärzte fehlen in Sachsen-Anhalt, besonders auf dem Land. Die Bevölkerung wird gleichzeitig immer älter und damit steigt auch die Zahl der Krankheiten.
Von Agnes zu "Mopra" - die mobile Praxisassistentin
Professor Dr. Wolfgang Hoffmann vom Institut für Community Medicine an der Universität Greifswald hatte die Idee, wieder Gemeindeschwestern, wie Schwester Agnes aus dem gleichnamigen DDR-Fernsehfilm, einzusetzen. Das Institut für Community Medicine untersucht in einer Machbarkeitsstudie die Möglichkeit, speziell ausgebildete "Agnes"-Fachkräfte als verlängerten Arm des Hausarztes zu Patienten fahren zu lassen. Mobile Praxisassistentin heißt die "Schwester Agnes" in Sachsen-Anhalt und wurde vor vier Jahren als große Innovation gefeiert. Ärzte können die Ausgaben für die Schwestern extra abrechnen, 17 Euro gibt es für einen Hausbesuch.
"Agnes"-Finanzierung steht auf der Kippe
Das Geld für die mobilen Schwestern gibt es aber nur in mit Ärzten unterversorgten Regionen. Die Vergütung der fahrenden Schwestern wird in Landkreisen gestrichen, die als "gut versorgt" gelten. Doch was für Krankenkassen eine "gut versorgte" Region ist, ist es nicht unbedingt auch für die Patienten. Die Bedarfsplanung orientiert sich nämlich an Zahlen aus den frühen 90er-Jahren. Gemessen wird an der Bevölkerungszahl, jedoch nicht daran, wie viele Alte und Kranke in einer Region leben. Doch wer kümmert sich nun um gehbehinderte, ältere Patienten? Viele Landärzte arbeiten bis ins Rentenalter, machen Überstunden und Hausbesuche und betreuen 1.000 Patienten. Welcher junge Mediziner möchte solch ein Arbeitspensum übernehmen?
Prämien für Mediziner
Ein anderer Weg ist die Anwerbung junger Ärzte mit Prämien: 60.000 Euro für die eigene Landarztpraxis und bis zu 700 Euro monatlich während des Medizinstudiums bekommen Studenten, wenn sie sich verpflichten, nach ihrem Abschluss aufs Land zu gehen. Trotz der bundesweiten Werbung haben sich nur 20 Studenten als Nachwuchs-Landärzte verpflichtet.
Neues Modell: Filialpraxis
Dr. Carola Lüke ist Internistin und Hausärztin in einem Modellprojekt gegen den Ärztemangel. Vormittags arbeitet sie im Krankenhaus Genthin, nachmittags in einer sogenannten Filialpraxis. Sie ist keine Unternehmerin, sondern Angestellte bei der Kassenärztlichen Vereinigung. Krankenkassen, Land Sachsen-Anhalt und Kassenärztliche Vereinigung bezahlen Miete, Lohn, Einrichtung und Geräte. Der Arbeitstag für Dr. Carola Lüke ist lang, doch sie muss die Verantwortung einer eigenen Praxis nicht tragen. Doch was passiert, wenn ihre Kollegen in der Umgebung in den Ruhstand gehen?



