Exakt - Die Story | MDR FERNSEHEN | 24.02.2016 | 20:45 Uhr Milliardenindustrie Flüchtlingshilfe

Ohne freiwillige Helfer wäre der Andrang von Flüchtlingen in Deutschland derzeit nicht zu bewältigen. Das ist die eine Seite der Medaille. Die andere: Mit Flüchtlingshilfe wird viel Geld verdient und von der Flüchtlingsnot profitieren deutsche Unternehmen und Arbeitnehmer. Ein Milliardenmarkt, dem "Exakt - Die Story" auf den Grund geht.

Viele Milliarden Euro benötigen Kommunen, Land und Bund in den nächsten Jahren, um Flüchtlingen zu helfen und eine große Zahl von Ausländern zu integrieren. Unternehmen und Einzelpersonen profitieren seit Monaten davon. Die Nachfrage ist groß, das Angebot klein. Gesetzlich vorgeschriebene Verfahren werden angesichts der Dimension des Problems nicht eingehalten. Kontrollen gibt es so gut wie keine.

Wie die Wirtschaft mit Flüchtlingen verdient

Viele Wirtschaftszweige sind mittlerweile mit der Betreuung und Unterbringung von Flüchtlingen befasst. Sie liefern Wohncontainer oder fahren Flüchtlinge zu Behördengängen.

In einer Werkhalle stehen mehrere große Wohncontainer nebeneinander. Davor arbeiten zwei Männer an einem Arbeitstisch.
Die Firma Weldon in Polen produziert Wohncontainer. Ihre derzeit wichtigsten Abnehmer sitzen in Deutschland: Firmen, die Kommunen mit Unterbringungsmöglichkeiten für Flüchtlinge ausstatten. Bildrechte: Mia Media Leipzig GmbH
In einer Werkhalle stehen mehrere große Wohncontainer nebeneinander. Davor arbeiten zwei Männer an einem Arbeitstisch.
Die Firma Weldon in Polen produziert Wohncontainer. Ihre derzeit wichtigsten Abnehmer sitzen in Deutschland: Firmen, die Kommunen mit Unterbringungsmöglichkeiten für Flüchtlinge ausstatten. Bildrechte: Mia Media Leipzig GmbH
Zwei Frauen und ein Kind steigen in ein Taxi, das vor einem großen Haus wartet.
Auch das Taxi-Gewerbe profitiert vielerorts von den Flüchtlingen. Bildrechte: Mia Media Leipzig GmbH
Ein einer Hauswand hängt ein gelbes Schild mit der Aufschrift: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge
Der Staat bezahlt Fahrten von Flüchtlingen zu Behörden, beispielsweise zum Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in Chemnitz. Begründung: Fehlende Sprachkenntnis mache es Neuankömmlingen schwerer, sich in Bus und Bahn zurecht zu finden. Nach zunehmender Kritik gelobte das Bundesamt Besserung: Man wolle Fahrten zu der Behörde künftig bündeln. Bildrechte: Mia Media Leipzig GmbH
Ein Mann steht vor einem Bücherregal.
Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), sagt: "Die zusätzlichen Ausgaben für die Flüchtlinge werden in diesem Jahr nochmal deutlich nach oben gehen. Wir rechnen mit knapp 15 Milliarden Euro an zusätzlichen öffentlichen Ausgaben. Das sind 0,5 Prozent der Wirtschaftsleistung. Das wirkt sich wie ein massives Konjunkturprogramm für die deutsche Wirtschaft aus." Bildrechte: Mia Media Leipzig GmbH
Ein Mann in dunklem Anzug und mit Brille wird interviewt.
Beklagt mangelnde Kontrolle der eingekauften Leistungen durch Kommunen: Bernd Mesovic, stellvertretender Geschäftsführer von Pro Asyl e.V. "Es muss natürlich eine vernünftige Relation von Kosten und Aufgabenerfüllung bestehen. Das heißt, es muss auch kontrolliert werden: wie menschenwürdig, wie gut ist das Ganze? Im Moment können Sie die Debatte nur schwer führen, weil Ihnen selbst wohlwollende Kommunalpolitiker sagen: Bitte im Moment nicht, wir haben so viele Flüchtlinge, wir müssen nehmen, was kommt." Bildrechte: Mia Media Leipzig GmbH
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Der Andrang der Flüchtlinge schafft vielerorts eine große Nachfrage - nach Unterkünften und deren Ausstattung, medizinischer Hilfe, Sprachkursen, juristischem Beistand in den Asylverfahren, Integrationskurse, Bildungsangeboten, Lehrstellen. Mit rasanter Geschwindigkeit entsteht gerade ein neuer Milliardenmarkt - ein ganz legaler Markt, der von der Überforderung der EU, der Nationalregierungen, vieler Regionalparlamente und der kommunalen Entscheidungsträger profitiert. 

Die zusätzlichen Ausgaben für die Flüchtlinge werden in diesem Jahr nochmal deutlich nach oben gehen. Wir rechnen mit knapp 15 Milliarden Euro an zusätzlichen öffentlichen Ausgaben. Das sind 0,5 Prozent der Wirtschaftsleistung. Das wirkt sich wie ein massives Konjunkturprogramm für die deutsche Wirtschaft aus.

Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung

Sehr viele Hilfsbedürftige bedeuten massenhafte Geschäfte. Europaweit profitieren Hersteller von Wohncontainern, Ausstatter, Sicherheitsfirmen, Cateringunternehmen, private Bildungsträger und das nicht nur in Deutschland sondern auch in unseren Nachbarländern. So beispielsweise eine Firma in Polen, die Wohncontainer produziert und nach Deutschland liefert.

Etwa seit Juli, August 2015 verzeichnen wir einen Anstieg bei der Containerproduktion. Im Dezember haben wir bereits etwa 220 Einheiten monatlich produziert, und im Januar und Februar dieses Jahres werden es etwa 400 Container pro Monat.

Kazimierz Mikrut, Geschäftsführer Weldon

Wegen der gestiegenen Nachfrage und vollen Auftragsbüchern hat die Firma zusätzliches Personal eingestellt. Auch in anderen Branchen wird händeringend nach neuem Personal gesucht - beispielsweise im Sicherheitsgewerbe. Sicherheitsdienste bewachen die Unterkünfte und sorgen in den Heimen für Ordnung und Sicherheit. Der Verband der Sicherheitswirtschaft schätzt, dass im vergangenen Jahr 10.000 neue Stellen geschaffen wurden.

Auch das Taxi-Gewerbe freut sich über zusätzlichen Umsatz und Aufträge. Sie fahren Flüchtlinge zu Behörden- oder anderen Terminen. Begründung für diese vom Steuerzahler bezahlte Leistung: Die Neuankömmlinge kennen sich nicht aus, und da ist es einfacher, sie von einem ortskundigen Taxifahrer zu ihrem Behördentermin bringen zu lassen. Zwar sieht mancher in der Branche diese teuren Transporte durchaus kritisch - über zusätzliche Aufträge und Umsätze freut man sich dennoch.

Ich bin natürlich auch Geschäftsmann genug, um die Taxi-Fahrten gerne weiter zu vermitteln. Aber irgendwie muss das ja auch finanziert werden und das ist natürlich nicht nachzuvollziehen, dass dort so großzügig verfahren wird.

Rolf Kaaden, Vorstand Löwen-Taxi, Leipzig

Die Entwicklung muss nicht zwangsläufig nur negativ sein, sagen Experten. So könne die Lockerung von staatlichen Vorschriften auch zu neuer Kreativität führen. Aber: "Aus den Erfahrungen der 1990er Jahre weiß man, dass daraus schnell ein korrupter Markt werden kann", warnt beispielsweise die Menschrechtsorganisation Pro Asyl.

Ein Mann in dunklem Anzug und mit Brille wird interviewt.
Bildrechte: Mia Media Leipzig GmbH

Bernd Mesovic, stellvertretender Geschäftsführer Pro Asyl e.V., warnt: Die Kommunen sind zunehmend mit der Bewältigung des Themas Flüchtlinge überfordert.

MDR FERNSEHEN Mo 22.02.2016 17:36Uhr 14:04 min

http://www.mdr.de/exakt/die-story/video329922.html

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Wer kommt genau zu uns? Was brauchen Flüchtlinge am meisten und was bekommen sie? Antworten auf diese und weitere Fragen sowie jede Menge Fakten zum Thema Flüchtlinge in Mitteldeutschland haben wir in einer Webdoku zusammengefasst:

Zuletzt aktualisiert: 24. Februar 2016, 14:18 Uhr