Exakt - Die Story | 17.08.2016 | 20:45 Uhr Vertuscht und verdrängt - Warum starben Vertragsarbeiter in der DDR?

"Schlagt die Algerier tot!" - mit diesem Ruf wurden im August 1975 Nordafrikaner durch Erfurt gehetzt. Schon in den beiden Monaten zuvor hatte es in der damaligen DDR-Bezirksstadt immer wieder tätliche Auseinandersetzungen zwischen Deutschen und Algeriern in Gaststätten und bei Tanzveranstaltungen gegeben.

Die Ausländer waren von der DDR-Führung angeworben und ins Land geholt worden. Sie sollten als sogenannte Vertragsarbeiter den Arbeitskräftemangel im Arbeiter- und Bauernstaat beseitigen. Die ersten kamen Mitte der 1960-er Jahre. Ihr Aufenthalt war zeitlich befristet. Sie lebten in isolierten Wohnheimen, durften in der Regel keine Familienangehörigen mitbringen und sollten nach dem Ablauf der Vertragszeit das Land wieder verlassen. Zum Ende der DDR gab es 94.000 Vertragsarbeiter.

Landolf Scherzer und Adelino Massuvira Joao
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Auseinandersetzungen in Erfurt führten am Ende dazu, dass Algerien seine Arbeiter fast völlig zurückzog. Die DDR-Bevölkerung reagierte mit Befremden und Ablehnung auf die algerischen Vertragsarbeiter.

Diese homogene Gesellschaft der DDR war es weitgehend nicht gewohnt, mit Fremden, gerade auch wenn sie aus dem außereuropäischen Raum kamen wie die Algerier, mit denen umzugehen.

Harry Waibel, Historiker

In den 1970-er und 1980-er Jahren gab es viel mehr Auseinandersetzungen zwischen Einheimischen und Ausländern als bislang bekannt. Dieses Bild stimmt so gar nicht mit dem offiziellen Selbstverständnis von damals überein. Nach Lesart der Führung bauten DDR-Bürger und ausländische Vertragsarbeiter sowie Studenten im Geiste des proletarischen Internationalismus gemeinsam den Sozialismus auf.

Julio Garcia Oliveras, Botschafter Kubas in der DDR
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Es war erst einmal eine Abwehr da in den ganz normalen Lebensbereichen. Da könnten die uns ja was wegnehmen und wenn es die Mädels auf dem Tanzsaal waren. Es war eine Abwehr gegenüber dem Fremden da. Und dann natürlich die Abwehr, weil es staatlich verordnet war. Weil hier Arbeitskräfte gekommen sind, die hier, von der Partei gerufen, hier die Lücken in der Industrie schließen sollten. Und in dem Sinne war es etwas, was man insgesamt als staatliche organisierte Politik abgelehnt hat.

Roland Jahn, Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen

Jahrelang hat der Historiker Harry Waibel tausende Stasi-Akten zu den Vorfällen ausgewertet. Und stieß dabei auf hunderte Vorfälle mit ausländerfeindlichen Motiven. Rassistisch motivierte Gewalttaten, die tausende Verletzte und sogar Todesopfer forderten.

So wie im Sommer 1979 in Merseburg. Bei einer Hetzjagd wurden zwei Kubaner durch Einheimische getötet. Die Ermittlungen gegen die mutmaßlichen Täter wurden auf Anweisung von ganz oben, von Stasi-Chef Mielke persönlich eingestellt, um das brüderliche Verhältnis zu dem Lande Fidel Castros nicht zu gefährden.

Zu Tode gehetzt in der Fremde: Raúl Andrés Garcia Paret

In seiner Heimat Kuba wurde der junge Mann begraben, nachdem er 1979 im ostdeutschen Merseburg ums Leben gekommen war. Wie er starb, erfuhr seine Familie lange Zeit nicht.

Ein großes Eingangstor zu einem Friedhof in Kuba. Das Tor ist gelb-weiß gestrichen und trägt unter der Jahreszahl 1925 die Inschrift: MORS ULTIMA RATIO
Der Friedhof von Santa Clara in Kuba. Hier befindet sich das Grab von Raúl Andrés Garcia Paret. Bildrechte: MDR/Bergmann/Fugmann
Ein großes Eingangstor zu einem Friedhof in Kuba. Das Tor ist gelb-weiß gestrichen und trägt unter der Jahreszahl 1925 die Inschrift: MORS ULTIMA RATIO
Der Friedhof von Santa Clara in Kuba. Hier befindet sich das Grab von Raúl Andrés Garcia Paret. Bildrechte: MDR/Bergmann/Fugmann
Drei Frauen gehen durch einen engen Gang zwischen Friedhofsmauern.
Die Mutter und die Schwestern besuchen das Grab von Raúl Andrés Garcia Paret. Ein ungesühntes Opfer rassistischer Gewalt in der DDR. Bildrechte: MDR/Bergmann/Fugmann
Fünf Frauen unterschiedlichen Alters stehen zusammen und schauen in eine Richtung.
Familie Paret erfährt erst durch unseren Reporter, dass ihr Angehöriger gewaltsam zu Tode kam. Sie sind geschockt. Bildrechte: MDR/Bergmann/Fugmann
Aus einem Grab in einer Wand ist die Deckplatte halb herausgerissen.
Parets Grab liegt auf de einfachen Teil des Friedhofs. Die umliegende Gräber sind - wie dieses hier - zum Teil verwahrlost. Bildrechte: MDR/Bergmann/Fugmann
Auf einem Foto sind mehrere Männer zu sehen, die in einer Gruppe zusammen sitzen und stehen.
Raúl Andrés Garcia Paret (rechts außen) als Vertragsarbeiter in den Leuna-Werken 1979. Bildrechte: MDR/Bergmann/Fugmann
Eine alte Frau zeigt auf eine Person auf einem gerahmten Foto, das sie in der Hand hält. Eine andere Frau steht neben ihr.
Die Schwester und die Mutter von Raúl Andrés Garcia Paret. Bildrechte: MDR/Bergmann/Fugmann
Eine Hand zeigt auf eine weiße Platte, auf der eine schwarze Inschrift steht.
Das ist das Grab von Raúl Andrés Garcia Paret. Neben der falschen Todesursache wurde der Familie auch ein falsches Sterbedatum mitgeteilt, das jetzt auf dem Grabstein steht. Bildrechte: MDR/Bergmann/Fugmann
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Das war das Resultat des Kulturschocks der jungen Kubaner mit den jungen Deutschen. Das gab es immer Samstagnachts, wenn alle unterwegs waren, zum Tanzen und Trinken. Auseinandersetzungen gab es nicht nur mit Kubanern, sondern auch mit anderen Ausländern wie Algeriern oder Jugoslawen. Dann kamen die Anrufe, hier eine Schlägerei und da eine, das war wie ein Art Weltkrieg.

Julio Garcia Oliveras, ehemaliger Botschafter Kubas in der DDR

Zuletzt aktualisiert: 18. August 2016, 18:38 Uhr