Exakt

Exakt - Die Story | MDR FERNSEHEN | 16.01.2013 | 20:45 Uhr : Mehr Schein als Sein - Wie weit kommt frech?

Titelmissbrauch, Urkundenfälschung, Betrug - allzu oft wird dreist geschummelt. Je nach krimineller Energie sind es gewitzte Lügner, redegewandte Hochstapler oder skrupellose Betrüger, die gutgläubige Mitbürger in die Irre führen. Die einen tun es aus reiner Geldgier. Andere haben den Bezug zur Wirklichkeit verloren. Sie erfinden phantasievolle Geschichten, um einmal ganz oben mitzuspielen.

Vor sechs Jahren wurde aus Lothar Blickensdorf über Nacht Lo Graf von Blickensdorf. Ein Künstlername macht die Verwandlung vom Bürger zum Grafen möglich – ganz legal. Inzwischen unterschreibt Lothar Blickensdorf fast alle Dokumente mit seinem Künstlernamen und zum Beispiel seine EC- und Kreditkarten laufen auf seinen adligen Namen. Auch seinen Kleidungsstil hat er der neuen gräflichen Existenz angepasst, zumindest dem Klischee. Für ihn erweist sich der hoheitliche Künstlername als wahrer Türöffner. Er wird seither zu Empfängen und Veranstaltungen geladen, zu denen er zuvor kaum Zutritt hatte, die Partnersuche gestaltet sich ganz unkompliziert und die Menschen begegnen ihm mit ausgesuchter Höflichkeit. Aus Lothar Blickensdorf wurde namentlich Lo Graf von Blickensdorf. Ein Graf ist er nicht.

Über den Wolken

Hochstapler haben es beim Täuschen ihrer Mitmenschen meist gar nicht so schwer. Sie nutzen Lücken im System und oftmals leben sie ihre Rolle regelrecht. Auch Thomas Salme profitierte von Schwachstellen, er nutzte die EU-weite Uneinheitlichkeit von Fluglizenzen für sich aus. Salme flog 13 Jahre lang als Pilot von Verkehrsflugzeugen unbehelligt quer durch Europa. Eine halbe Million Passagiere beförderte er, rund 10.000 Flugstunden kamen zusammen. Salme lebte seinen Kindheitstraum. Als Jugendlicher bekam er von seinem Vater ein Radio, mit dem er die Funksprüche abhörte und so die Pilotensprache auswendig lernte. Später machte er den Flugschein für einmotorige Kleinflugzeuge. Mehr war für ihn finanziell nicht drin. Ein Freund ermöglichte es ihm in der schwedischen SAS Flugakademie im Flugsimulator zu üben, nachts und heimlich. Doch Thomas Salme wollte richtig fliegen.

Mit einer gefälschten schwedischen Fluglizenz bewarb er sich im Ausland und bestand den Simulatortest. Seitdem hob Thomas Salme regelmäßig ab. Er wechselte mehrfach den Arbeitgeber, flog für verschiedene Gesellschaften in unterschiedlichen Ländern. Seine gefälschte Lizenz wurde sogar mehrfach regulär verlängert. Dabei spielte ihm in die Hände, dass in der EU jeder Mitgliedsstaat seine eigenen Lizenzen ausstellt: Ein Stück Papier, das weder einheitlich noch fälschungssicher ist. Eine Fluggesellschaft in Italien beispielsweise weiß nicht, wie eine schwedische Fluglizenz aussieht. Anfang März 2010 kamen die Behörden Thomas Salme auf die Schliche – sie hatten einen Tipp bekommen.

"Ich hatte nie die Angst, niemals das Gefühl jemanden in Gefahr zu bringen oder den Passagieren etwas Böses anzutun."

Thomas Salme

Was man für einen Job nicht alles tut

Ein weites Feld für Betrügereien und Unehrlichkeit bietet heutzutage der Bewerbungsmarkt. Jeder möchte eine Arbeit haben, vielleicht sogar den Traumjob. Um die zahlreichen anderen Bewerber auszustechen, ist vielen jedes Mittel recht. Sicherheitsberater Ulrich Büchsenschütz kennt sich damit bestens aus. Er arbeitet für die Control Risk Group, die von DAX-Unternehmen beauftragt wird, Bewerbungsunterlagen von Führungskräften und Top-Managern zu durchleuchten. Ulrich Büchsenschütz schätzt, dass jede 5. bis 6. Bewerbung in Deutschland Schummeleien enthält.

Marco Löw war einmal Betrugsermittler und Vernehmungsexperte bei der Kriminalpolizei. Heute schult er deutschlandweit Personalchefs im Erkennen von Bewerbungsbetrügern. Seine Kunden möchten anonym bleiben.

"Kein Unternehmen möchte nach außen darstellen: Wir haben ein Problem mit Mitarbeiterkriminalität, ein Problem mit Bewerbungsbetrug. Tatsache ist aber, dass fast jedes größere Unternehmen dieses Problem hat."

Marco Löw

Weißer Kittel mit Flecken

Die Schreckensvision für Leib und Leben schlechthin sind für viele Menschen falsche Ärzte. Hannelore und Jens Aldegarmann betrieben über 40 Jahre lang in Großbreitenbach gemeinsam eine Praxis. Kurz vor dem Ruhestand fanden sie nach langer Suche endlich einen Nachfolger. Dr. Baur half gleich in der Praxis mit und wollte später auch die Urlaubsvertretung für die Aldegarmanns übernehmen.

"Er war ganz kompetent. Na er kam mit kompletter Arztkleidung, picobello gekleidet. Der hatte einen Notfallkoffer, der war ausgestattet besser als meiner und hat also keinerlei Unsicherheiten irgendwie gezeigt."

Jens Aldegarmann

Doch Dr. Baur ist kein Arzt. Nichtsdestotrotz behandelte er in der Praxis Patienten und viele von ihnen waren begeistert von dem jungen, seriös wirkenden Arzt.  Für das Fehlen seiner Approbationsunterlagen erfand Dr. Baur immer neue Ausreden bis Jens Aldegarmann sich schließlich bei der Kassenärztlichen Vereinigung erkundigte. Dort war er unbekannt. Die Aldegarmanns riefen die Polizei und Dr. Baur entpuppte sich als Sascha Gotic, der es im richtigen Leben nur in den Sanitätshilfsdienst geschafft hatte.

Zuletzt aktualisiert: 15. November 2013, 10:48 Uhr

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