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Exakt - Die Story | MDR FERNSEHEN | 17.10.2012 | 20:45 Uhr : Zündeln aus Frust: Lebensgefahr durch Feuerteufel

Ein Film von Stephan Heise

Verängstigte Anwohner, geschockte Eigentümer und ratlose Kripobeamte: Alle 22 Minuten legt in Deutschland jemand vorsätzlich Feuer, allein in Sachsen zwei Mal täglich. Doch noch nicht einmal die Hälfte aller Brandstifter wird überhaupt ermittelt Wer sind die Täter und was sind ihre Motive?

MDR Fernsehen EXAKT DIE STORY, "Zündeln aus Frust - Lebensgefahr durch Feuerteufel", am Mittwoch (17.10.12) um 20:45 Uhr. Kinderwagenbrand im Hausflur - häufig das Werk eines Brandstifters

Ein Wohnblock in Angst. Die Mieter eines Wohnhauses in Dresden-Gorbitz werden von einem Feuerteufel terrorisiert. Im Juli 2011 brennt es vier Mal in einer Woche. Es brennt im Keller und einer leerstehenden Wohnung. Ein Jahr später sind die Brandspuren beseitigt, doch vergessen können die Mieter nicht! Am Schlimmsten ist das gegenseitige Misstrauen unter den Nachbarn. Fälle wie dieser sind keine Seltenheit in Deutschland.

Die steigende Zahl der Zündeleien beobachtet Brandursachenermittler Frank Dieter Stolt mit großer Sorge. Allein im letzten Jahr kamen bei Brandstiftungen in Deutschland 18 Menschen ums Leben. Seine Arbeit erfordert ungeheure Sorgfalt, denn jeder Fehler kann verheerende Folgen haben. Schon häufig stand Frank Dieter Stolt als Gutachter vor Gericht, musste Ermittlungsergebnisse der Landeskriminalämter korrigieren.

Statistik Brandstiftungen Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen

Hilfe vom Psychotherapeuten

Der Prototyp des Serienbrandstifters ist jung, männlich, ledig, betrunken. Doch was treibt ihn an, teilweise über Jahre hinweg immer wieder Brände zu legen und dabei das Leben anderer zu riskieren? Wut und Frust sind das häufigste Motiv. Der forensische Gutachter Winfried Barnett untersucht seit Jahrzehnten Verhalten und Motive von Brandstiftern:

"Sie hätten genauso eine Scheibe einschlagen oder von einem parkenden Auto eine Antenne abreißen können. Wenn aber ein Feuer, das sie gelegt haben, ihnen eine gewisse Erleichterung verschafft hat, dann neigen einige immer wieder dazu, es immer wieder zu machen, um sich von diesem Unlustgefühl zu befreien."

Winfried Barnett, forensischer Gutachter

Gerade bei jüngeren Tätern setzen Richter häufig auf die Hilfe von Psychotherapeuten. Die Brandstifter sollen lernen, ihre Aggressionen anders abzubauen als durchs Zündeln. So soll die Gesellschaft vor Wiederholungstätern geschützt werden. Der Maßregelvollzug in Uchtspringe ist Psychiatrie und Hochsicherheitstrakt zugleich. Neben Mördern und Gewalttätern werden hier auch Brandstifter therapiert. Einer von ihnen ist Torsten Laue. Er zündelte aus Frust über seine Mutter, die Alkoholikerin war.

Dr. med. Stephan Sutarski
MDR FERNSEHEN

Interview mit Gerichtspsychiater Stefan Sutarski

17.10.2012, 20:45 Uhr | 09:48 min

Die Bilanz: 100.000 Euro Sachschaden. Menschen wurden zum Glück nicht verletzt. Torsten Laue war gerade mal 17 Jahre alt, als er die Brände legte. Und er war Mitglied in der Freiwilligen Feuerwehr Zerbst. Ein Feuerwehrmann, der zum Brandstifter wird? "Wenn Feuerwehrleute Brände legen, wollen sie endlich mal im Mittelpunkt stehen - ein Held sein", erklärt Gerichtspsychiater Stephan Sutarski.

Torsten Laue legte Dutzende Brände, obwohl ihm die Arbeit bei der Feuerwehr eigentlich gefiel. Die Feuerwehr war für ihn eine Familie, die er er selbst nie hatte. Gewalt, Alkohol und mehrere Heimaufenthalte prägten seine Kindheit. Eine Vita, die bei Brandstiftern nicht selten ist. Auch bei Torsten Laue entladen sich Frust und Zorn.

Wie lange Torsten Laue noch in Uchtspringe bleiben muss, ist offen. Chefarzt Dr. Ekkehard Wolff betont, dass er über die Erfolge und Misserfolge der Therapie ein Mal im Jahr beim Gericht Bericht erstattet, dass aber der Richter entscheidet, wie es weiter geht. Fakt ist aber auch, dass der Richter normalerweise den Empfehlungen der Klinik folgt. Uwe Kühne, der Anwalt von Torsten Laue hingegen ist fassungslos, dass sich so viele Jahre angeblich kein Therapieerfolg einstellte.

"Denn wenn ich einen Brandstifter, wie das bei Herrn Laue ausgeurteilt wurde, in so einer langen Zeit nicht mal therapieren kann, muss ich mir auch mal an die eigene Nase fassen und sagen, dass irgendwas an diesem System nicht stimmt."

Uwe Kühne, Rechtsanwalt

Wer durch Brandstiftung gesundheitliche Schäden anderer verursacht, muss mit einer Haftstrafe von mindestens zwei Jahren rechnen. Wer einen Menschen durch Brandstiftung tötet, kann unter Umständen lebenslang hinter Gitter kommen. Doch das Problem ist, dass man die Täter überhaupt erst ermitteln muss.

"Es gibt kaum ein Delikt, das so wenig belastbares Zahlenmaterial bietet wie die Brandstiftung. Das belastbarste Material bietet noch die polizeiliche Kriminalstatistik, die uns von einer Aufklärungsquote von 30 Prozent berichtet. Das heißt dann eben, dass 70 Prozent der Fälle nicht aufgeklärt werden."

Winfried Barnett, forensischer Gutachter

Zuletzt aktualisiert: 17. Oktober 2012, 15:26 Uhr

Wie ticken Brandstifter?

Viele Brandstifter haben eine ausgeprägte Affinität zu dem Element Feuer; sie wollen das Knistern hören, das Lodern sehen", sagt Heike Esch, zertifizierte Polizeiliche Fallanalytikerin beim Hessischen Landeskriminalamt in Wiesbaden, Brandstifter empfinden demnach bereits großes Vergnügen daran, Feuer zu legen, und Lust und Genuss an den Flammen selbst. Die Folgen des Brandes, was sie anrichten und wen sie gefährden, seien ihnen weitestgehend gleichgültig.

Es gehe um die Faszination des Feuers, sagt auch Volker Faust, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie. Der pathologische Brandstifter empfinde Spannung oder affektive Erregung, bevor er das Feuer lege. "Schlagen die Flammen um sich, zeige er sich interessiert, neugierig, gebannt. Oft, manchmal sogar regelmäßig, tauche er bei seinen Taten als 'Zuschauer' auf oder gebe sich gar als Entdecker der Tat.

(Spiegel Online, 25. Oktober 2011)

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