20.11.2009

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FAKT vom 05.12.2005

Galavit - Geschäfte mit dem "Wundermittel"

Manuskript des Beitrages

von Inga Klöver

Trotz der in Fachkreisen umstrittenen Wirkung mit Galavit wurden große Gewinne erzielt.

Albert Wagner und Werner Hinkelbein sitzen über alten Rechnungen, die bezahlt wurden für ein Medikament, das Hoffnung versprach im Kampf gegen den Krebs.

O-Ton: Werner Hinkelbein, Bruder

"Nach Aussage der damals behandelnden Ärzte, war es nur möglich die Krankheit noch geringfügig hinauszuzögern."

Die Immuntherapie mit Galavit, für die inzwischen verstorbene Ursula Wagner und deren Familie vor fünf Jahren ein Hoffnungsschimmer, der eine Verbesserung der Lebensqualität und eine längere Lebensdauer versprach. Die Behandlung mit 15 Ampullen kostete damals 16.800 Mark in der Klinik Carolinum.

O-Ton: Albert Wagner, Ehemann

"16.800 Mark, das muss man mal überlegen, das ist ein Reingewinn, da wird mit der Not der Patienten Wucher betrieben. Das ist verwerflich kann man nur sagen, mehr gibt es da keine Antwort."

Die Staatsanwaltschaft Kassel sieht das ähnlich.

O-Ton: Hans-Manfred Jung, Oberstaatsanwalt, Kassel

"Im Rahmen des hier eingeleiteten Ermittlungsverfahrens wird gegen derzeit vier Personen ermittelt. Die Vorwürfe lauten auf gewerbsmäßigen Betrug, bandenmäßigen Betrug und auf Wucher."

Eine dieser Personen ist nach FAKT vorliegenden Informationen der Arzt Dr. R., über dessen Arbeit wir bereits vor über vier Jahren kritisch berichtet haben. – Hier Archivbilder - Er hat im Carolinum, einer der Dr.-Ebel-Fachkliniken das umstrittene Medikament aus Russland angewandt. 196 Patienten so die Staatsanwaltschaft wurden hier damit behandelt.
Obwohl Dr. R. laut Information der Klinik im Carolinum als Chefarzt und Direktor des Europäischen-Onkologie-Instituts fest angestellt war, sehen sich der Leiter und der Anwalt der Klinik nur bedingt in der Verantwortung.

O-Ton: Ralf Mühlberg, Rechtsanwalt des Carolinums

"Verantwortung einmal für die Patienten, nämlich im guten Glauben auf die Wirkungsweise und Anwendungsweise des Immunmodulators ist den Patienten die Gelegenheit und die Chance gegeben worden, dieses Mittel in der Klinik zur Anwendung zu bringen. Die Klinik ist weiterhin ihrer Verantwortung nachgekommen, dadurch dass sie in dem Moment, wo berechtigte Zweifel aus der Fachärztlichen Hinsicht auftauchten, sofort die Behandlung mit dem Mittel eingestellt hat."

Die Klinik will also im Guten Glauben gehandelt haben. Dabei hätten Zweifel v.a. an der Seriosität des Preises, der in ihrem Hause für die Galavittherapie verlangt wurde, bei der Klinikleitung schon erheblich früher auftauchen können. Werner Hinkelbein hatte bereits im November 2000 einen Beschwerdebrief an den Leiter des Carolinums geschickt. Denn er hatte herausgefunden, dass die Ampulle Galavit in Moskauer Apotheken damals etwa siebeneinhalb US- Dollar kostete, während in Deutschland für 15 Injektionen 16.800 Mark zu zahlen waren.

O-Ton: Werner Hinkelbein

"Ich habe mich darüber geärgert, dass zum einen es hier in Deutschland möglich ist, dass ein Arzt derartige Machenschaften durchführen kann und dass eben eine Klinik, die von dem deutschen Gesundheitswesen anerkannt ist und von den Krankenkassen anerkannt ist, eigentlich die Plattform bietet für derartige Geschäfte."

Aus dem Antwortschreiben geht hervor, dass der Klinikleiter den hohen Preis für vollkommen gerechtfertigt hielt. Und in dem Schreiben wird auf einen Zeitungsartikel vom 30. Oktober 2000 verweisen. Wer den liest, der findet auch Warnungen von Fachmedizinern, die auf die mangelnde Beweiskraft der veröffentlichten Studien über Galavit hinweisen und von dessen Einsatz abraten. Doch die Klinik reagierte erst sechs Monate später.

O-Ton: Dr. Rudolf Ratzel, Fachanwalt für Medizinrecht

"Wenn eine Klinik merkt, dass nicht nur die abstrakte oder auch die konkrete Gefahr der Schädigung von Patienten besteht, sondern auch darüber hinaus ein wirtschaftliches Verhalten offenkundig wird, dass mit den hier üblichen Abrechnungsmethoden und Klinikbehandlungen nicht in Einklang zu bringen ist, dann denke ich schon dass eine Klinikleitung normaler weise den Dingen nachgehen sollte und wenn sich der Verdacht auf diese Missstände bestätigt auch abstellt."

Nachfrage: "Und zwar innerhalb kürzester Zeit?"
Antwort: "Ja."

Stellt sich also die Frage, wer hat den im Gegensatz zu Russland extrem hohen Preis festgelegt und auf welchem Weg ist das in Deutschland nicht zugelassene Galavit legal ins Land gekommen? Die Klinik scheint dabei formal außen vor zu sein. Zwei Vertriebesgesellschaften haben die Beschaffung inklusive Bezahlung des Medikaments übernommen. Ihnen hat die Klinik nach eigenen Angaben ein Büro im Carolinum zur Verfügung gestellt.

O-Ton: Fachanwalt für Medizinrecht

"Da sind komplizierte Bezugswege einzuhalten mit denen die Klinik in keinem Fall befasst werden wollte und sollte. So ist also diese Beschaffung ausschließlich über diese Firmen erfolgt und selbstverständlich hat auch die Klinik mit den Preisen nichts zu tun gehabt. Sie hat keine Einnahmen aus diesem Medikament erzielt."

Das Carolinum will in keinerlei Beziehung zu den genannten Firmen stehen, doch was ist mit ihrem festangestellten Chefarzt?

Unsere Recherchen haben schon damals ergeben, dass Dr. R. just in einem dieser Unternehmen, der Euro-Biogen- Pharma, Mitglied im Aufsichtsrat war. Und noch ein Fragezeichen: Weshalb wurde am Carolinum zur Behandlung der Galavit-Patienten extra das Europäische Onkologie-Institut gegründet. Dessen Direktor, Dr.R., dessen Geschäftsführer Dr. Hans-Jürgen Ebel, der wiederum Geschäftsführer des Carolinums und der Namensgeber der Dr. Ebel-Fachkliniken ist. Ganz ohne Mitverantwortung für diese Strukturen dürfte die Klinik wohl kaum sein.

O-Ton: Fachanwalt für Medizinrecht

"Die Klinik hat sicherlich in sofern eine Mitverantwortung als sie durch die Bereitstellung der Stationären Einrichtungen dafür gesorgt hat, dass das Therapieverfahren an dieser doch nicht geringen Zahl von Patienten im Rahmen der Gesamtstrategie durchgeführt werden konnte. Ohne die stationäre Einrichtung, wäre das wohl an dieser Stelle mit diesen Personen nicht möglich gewesen."

Und da ist noch etwas: Das Carolinum hat sich nach eigenen Angaben im Jahr 2001 von ihrem Chefarzt Dr. R. getrennt. Nach FAKT-Recherchen arbeitet er heute an einem anderen Ort aber wieder in einer Dr.-Ebel-Fachklinik.

Zuletzt aktualisiert: 05. Dezember 2005, 22:35 Uhr

 

 
 
 
 
 

 

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