FAKT

FAKT | Das Erste | 02.05.2011 | 22:05 : Tötungslisten bei der Bundeswehr in Afghanistan

Der meistgesuchte Mann der Welt ist tot. Seit 1998 wurde nach Usama bin Laden gesucht - dem Chef des islamistischen Terrornetzwerks Al Kaida. Zuletzt waren 25 Millionen Dollar Kopfgeld auf ihn ausgesetzt. Die Hatz auf Führungsfiguren des Terrors gehört seit jeher zum militärischen Kalkül - auch wenn sie moralisch umstritten ist. Roland Kaestener, Oberst a.D und lange Jahre im Generalstab, räumt gegenüber FAKT gezielte Tötungen ein.

Bundeswehr macht bei Menschenjagd mit

Die Fahndungsliste des FBI ist nur der bekannte Teil der internationalen Jagd nach Topterroristen. Ein Offizier, der aus Afghanistan heimgekehrt ist, berichtet anonym von einem der größten Geheimnisse des Einsatzes: Einer Kopfliste mit den wichtigsten Talibanführern. FAKT liegt eine dieser geheimen NATO-Listen vor, mit der auch die Bundeswehr operieren soll. Darauf, ein paar Dutzend Namen von Taliban-Anführern. Ziel ist es, sie auszuschalten.

In Afghanistan findet eine Menschenjagd statt – an der offenbar auch die Bundeswehr beteiligt ist, nur dass in Deutschland kaum jemand davon weiß. Der Bundeswehr ist es strengstens verboten, Talibanführer in heimlichen Nacht-und-Nebel-Aktionen zu töten. Die mysteriösen Kommandounternehmen umgibt eine Mauer des Schweigens.

Todesliste und rechtliche Grauzone

Auf der sogenannten "Capture or kill"-Liste für die Bundeswehr gibt es keine Unterscheidung zwischen Personen, die gefangen oder getötet werden sollen. Es gibt nur Namen und Nummern - aufgeteilt sind die Talibanführer nach Regionen. Aber wer verbirgt sich hinter den Namen? Wir legen die Liste einem der besten Kenner Afghanistans in Deutschland vor – der Journalist Ratbil Shamel steht permanent in Kontakt mit Informanten in seiner Heimat. Die Namen sind ihm bekannt - unter ihnen die Talibanführer Shamsuddin und Mullah Abdul Salam. Letzterer wurde inzwischen gefasst, er gilt als einer der Hauptdrahtzieher der tödlichen Anschläge gegen die Bundeswehr.

Ratbil Shamel hält die Gesuchten alle für gefährlich. "Die werden über Leichen gehen und das eigene Leben ist ihnen auch nichts wert. Und werden alles tun, damit die Ziele von ihren Führern in Afghanistan auch durchgesetzt werden." Aus militärischer Sicht sei es nur konsequent, sie auszuschalten. So sieht das auch Oberst a.D. Kaestner. Zugleich räumt er ein: "Mit der gezielten Jagd auf die Anführer kann der Terror auch eskalieren." So seien etwa Racheaktionen möglich.

Führende deutsche Außenpolitiker bestätigen, dass die Todeslisten regelmäßig Geheimgremien des Deutschen Bundestages vorgelegt werden. Der Grünen-Verteidigungspolitiker Omid Nouripour mahnt, die Bundeswehr bewege sich zu oft in einer Grauzone. "Listen wie die, auf der auch bin Laden stand, gelten auch für die Bundeswehr. Es ist aber immer wieder gesagt worden, dass die Bundeswehr nur verhaftet und nicht an Killoperationen teilnimmt. Das kann nicht angehen, dass die Deutschen Soldaten selbst entscheiden müssen, was legal ist und was nicht. Das muss ihnen glasklar vorher gesagt werden."

Die Bundeswehr-Führung weiß genau - gezieltes Töten geht nicht. Entsprechend schemenhaft agieren die deutschen Vorgesetzten offenbar vor Ort. Nur Andeutungen, ihre Soldaten werden schon wissen, was zu tun ist. Der Afghanistan-Heimkehrer schildert, wie das vor Ort lief: "Niemand in der Bundeswehr würde sich trauen, den Satz zu sagen: Nimm den Mann fest oder erschieße ihn. Niemand würde sich den Schuh anziehen wollen, dafür verantwortlich zu sein. Die sagen: Hier Jungs, das ist die Liste. Kann jeder mal drauf schauen und das war's."

Zuletzt aktualisiert: 14. September 2011, 23:25 Uhr


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