Vertrauliches Dokument Glyphosat - Bundesinstitut hat Hinweise auf krebserregende Wirkung

Dem Institut für Risikobewertung in Berlin (BfR) liegen starke Hinweise aus Tierstudien auf eine krebserregende Wirkung des weltweit am häufigsten eingesetzten Pflanzengifts Glyphosat vor. Dies ergibt sich aus einem als vertraulich eingestuften Dokument des BfR, das dem ARD-Magazin FAKT vorliegt.

Demnach zeigte sich in Zwei-Jahres-Studien an Mäusen, denen unterschiedliche Mengen an Glyphosat ins Futter gemischt worden waren, in den Tiergruppen mit der höchsten Dosis des Pflanzengifts eine signifikante Steigerung von bösartigen Krebserkrankungen des Lymphsystems (maligne Lymphome). Das Bundeslandwirtschaftsministerium hat den 18 Seiten umfassenden Text des BfR an die Mitglieder des Agrarausschusses des Bundestages verteilt. Bei den Grünen herrscht über das Papier Empörung.

Grüne: Institut handelt nicht verantwortungsvoll

Der agrarpolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, Harald Ebner, warf der Behörde vor, nicht verantwortungsvoll zu handeln. "Das BfR hat bisher immer betont, dass sie keinerlei Hinweise auf krebserregende Wirkungen von Glyphosat hätten. Jetzt kommen sie im Nachhinein doch mit einer Studie raus, die evidente Hinweise auf eine krebserzeugende Wirkung zeigt. Das halte ich für schlicht und ergreifend skandalös", sagte Ebner FAKT. So könne ein derartig hochrangiges öffentliches Risiko-Bewertungsinstitut weder mit dem Bundestag noch mit dem Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft noch mit der Öffentlichkeit umspringen - "und schon gar nicht mit der Krebsgefahr einer Substanz, die da im Raum steht".

Im März hatten Experten der internationalen Krebsforschungsagentur in Lyon (IARC) Glyphosat überraschend als "wahrscheinlich krebserregend für den Menschen" eingestuft und den Stoff als "Gruppe-2A-Kanzerogen" klassifiziert. Das ist die zweithöchste Gefährdungsstufe. Aus dem BfR-Dokument geht nun aber auch hervor, dass diese Fütterungsstudien den IARC-Experten bei deren Krebseinstufung von Glyphosat gar nicht vorgelegen haben. In dem Dokument findet sich die Bewertung des BfR, dass die Krebssignale dieser Tierstudien, hätten sie der Krebsforschungsagentur der WHO (IARC) vorgelegen, wohl als Hauptargument einer krebserregenden Wirkung von Glyphosat gebraucht worden wären.

Exakt die Story "Glyphosat - Tote Tiere, Kranke Menschen"
Jedes Jahr werden Millionen Liter Pflanzenschutzmittel mit dem Wirkstoff Glyphosat auf den Feldern in Deutschland versprüht. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das BfR dagegen stuft die signifikanten Steigerungen von malignen Lymphomen bei Mäusen selbst nur als "sehr begrenzte Evidenz einer Kanzerogentität" ein. Und in den veröffentlichungen des BfR hieß es stets , es gäbe "keine Hinweise auf eine kanzerogene Wirkung von Glyphosat".

Am 29. Juli hat die internationale Krebsforschungsagentur der WHO (IARC) die ausführliche wissenschaftliche Begründung ihrer Krebseinstufung veröffentlicht. Diese Veröffentlichung wurde in der Fachwelt dringlich erwartet, da man sich von ihr Aufschluss hinsichtlich der Frage erhofftt, warum die Bewertungen von IARC einerseits und den internationalen Zulassungsbehörden andererseits derart gegensätzliche Ergebnisse zeigen.

Millionen Liter Pflanzengift verspritzt

In Deutschland werden jedes Jahr mehrere Millionen Liter an Pflanzengiften, die den Wirkstoff Glyphosat enthalten, verspritzt. Bundesweit sind es mehr als 5.000 Tonnen des reinen Wirkstoffs, die jedes Jahr ausgebracht werden. Folge ist unter anderem, dass sich in zahlreichen Lebensmitteln Rückstände von Glyphosat befinden. Das BfR wie auch die in Europa für Lebensmittelsicherheit zuständige Behörde EFSA halten relativ hohe Rückstände an Glyphosat bislang aber für vertretbar seien und lassen den Wirkstoff deshalb weiter zu. So sind zum Beispiel 20 Milligramm pro Kilo im Soja und 10 Milligramm pro Kilo im Weizen erlaubt.

Zuletzt aktualisiert: 20. Oktober 2015, 19:36 Uhr

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11 Kommentare

31.07.2015 09:46 Toxikologe 11

Fortsetzung: Fakt ist auch, dass alle übrigen, international anerkannten Gremien und Organisationen, darunter ein (wie die IARC) weiteres WHO-Gremium und die US-Umweltbehörde EPA Glyphosat wie das BfR bewerten und aus den kompletten Daten kein Krebsrisiko erkennen. Die US EPA genießt übrigens bei der Wirtschaft in den USA einen äußerst schlechten Ruf, sie ist viel zu umweltfreundlich und wirtschafts- und wachstumsfeindlich. Vielleicht gibt das dem einen oder anderen, der auf die Panikmache eingestiegen ist, ja doch zu denken.

31.07.2015 09:44 Toxikologe 10

"Ich finde Ebener u. FAKT handeln absolut richtig im Sinne der Verbraucher, daß das einige hier anders sehen/kommentieren liegt wohl in der ideologischen Verblendung derselben oder an schlichten Geschäftsinteressen."
Wer nicht Ihrer Meinung ist, ist gekauft, nicht wahr? Kann ja gar nicht sein, dass es Experten gibt, die etwas besser beurteilen können als Laien. Zur Information: Das BfR hat alle Studien berücksichtigt, die die IARC auch nennt. Aber die IARC hat nur einen kleinen Teil der Studien berücksichtigt und viele nicht, von denen sie zwar wusste, sie aber nicht hatte. Wäre das BfR so vorgegangen, hätte es mit Recht ein Riesengeschrei gegeben. Der IARC lässt man das durchgehen, denn das Ergebnis ist ja im Sinne der Panikmacher. Die brauchen keine Fakten, Fakten stören da nur.

30.07.2015 22:01 Klaus P.Petersen 9

Auf Grund der Vorkommnisse der letzten Jahre sollte man doch mal das BfR+ seine Mitarbeiter ein bisschen genauer unter die Lupe nehmen.
Es kann doch nicht sein, dass bei der Häufung von Beweisen aus der ganzen Welt dieses für ganz Europa verantwortliche Amt immer nur dasselbe Aussage bringt: Keine Gefahr
Da muss doch Jemand Anderes die Finger im Spiel haben, vielleicht fragen wir mal bei Monsanto nach, nur eine Idee.

29.07.2015 23:17 Ernst Günther 8

Ich halte Glyphosat für noch gefährlicher wie Tschernobyl oder Fukushima. Es ist ein Teufelszeug. Sollte es verboten werden, was ich hoffe wird Monsanto ein anderes Produkt anbieten. Das BFR sieht nicht gut aus. War da was? Ich würde mir wünschen, dass Fakt eine Sondersendung zu diesem Thema mit den Beteiligten und unabhängigen Fachleuten zeitnah anbietet.Es ist im Interresse aller Menschen und auch Tieren- Nutz und Wildtiere überfällig.
Mit freundlichen Grüßen Günther Ernst [...] | [Anmerkung der MDR.DE_Redaktion: Adresse entfernt]

29.07.2015 22:23 Clemens 7

Ich finde Ebener u. FAKT handeln absolut richtig im Sinne der Verbraucher, daß das einige hier anders sehen/kommentieren liegt wohl in der ideologischen Verblendung derselben oder an schlichten Geschäftsinteressen.

29.07.2015 16:20 Gilles-Éric Séralini jr. 6

Gehört es heutzutage nicht mehr zum journalistischen Grundverständnis, auch den "Angeklagten", in diesem Falle das BfR zu Wort kommen zu lassen?

Welch ein Meisterwerk journalistischer Handwerkskunst. Pfui MDR!

29.07.2015 14:25 Thorsten Niggemeyer 5

Es wäre mal schön, wenn Sie als öffentlich- rechtlicher Sender faktenbasierender berichten würden, anstatt der Brisanz den Vorzug zu geben. Die Berichterstattung und Ihre Quellen zu diesem Thema sind sehr einseitig und unsachlich. Der Bürger hat ein Recht auf sachliche Berichterstattung.

29.07.2015 13:15 Toxikologe 4

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hat bereits auf den Vorwurf von Fakt und Grünen reagiert und eine weitere Stellungnahme zur Thematik unter dem Titel "BfR hat offen über alle vorliegenden Informationen zur Bewertung der Kanzerogenität
von Glyphosat berichtet" ins Netz gestellt. Ich bin gespannt, wie und wann "Fakt" nun darüber berichten wird. Oder sollte der so an der Wahrheit orientierte Name der Sendung nur Schall und Rauch sein?

29.07.2015 11:56 Sabine Haake 3

Ich denke davon ist auf unserer Nahrung nichts notwendig. Ist jemand geistig auf der Höhe wenn er solch ein Zeug produzieren läßt, vertreiben läßt, oder auf seinen Feldern versprüht ???

29.07.2015 11:34 Toxikologe 2

Um Fakten geht es in dieser Debatte schon längst nicht mehr, nur um Panikmache, um eine politische Auffassung durchzudrücken, die sich um Fakten längst nicht mehr schert.
Was jetzt als vermeintlicher Skandal hochgepuscht wird, ist keiner. Bereits vor gut 1,5 Jahren hat das BfR in einer im Internet verfügbaren Präsentation "Stand der toxikologischen Neubewertung von Glyphosat durch das BfR" entsprechende Daten präsentiert und kommentiert. Eine ausführliche Darstellung und Diskussion dieser Daten findet sich im Draft Assessment Report (DAR) zu Glyphosat der EFSA Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit. Auch dieser Bericht ist seit über einem Jahr frei zugänglich. Dass diese Fachliteratur von dem grünen "Experten" Harald Ebner nicht einmal erwähnt wird, spricht Bände.