FAKT | Das Erste | 02.05.2011 | 22:05 Uhr : Musterschüler: Integration auf Vietnamesisch
2010 lebten rund 120.000 Menschen vietnamesischer Abstammung in Deutschland, davon rund 40.000 mit deutscher Staatsbürgerschaft. Ein Großteil stammt von jenen Vietnamesen ab, die einst als Gastarbeiter oder zur Ausbilung in die DDR gekommen sind. In den alten Bundesländern ließen sich vor allem politische Flüchtlinge nieder.
Vietnamesen gelten als eine der am besten integrierten Einwanderer-Gruppen in Deutschland. Sie schneiden in der Schule und Ausbildung sogar oft besser ab als ihre deutschen Altersgenossen. FAKT besuchte drei vietnamesische Familien in Leipzig und fragte nach den Gründen.
Konkurrenz unter den vietnamesischen Kindern
Hai bereitet sich auf die letzte Abitur-Prüfung am Leipziger Schiller-Gymnasium vor. Wie rund 60.000 andere Vietnamesen kamen seine Eltern in den 80er-Jahren als Vertragsarbeiter in die DDR. Die Kinder dieser Migranten sind überdurchschnittlich erfolgreich. 43 Prozent aller Schüler mit vietnamesischem Pass besuchen ein Gymnasium. Bei den Deutschen sind es nur 29 Prozent. Und oft gehören die Vietnamesen zu den Klassenbesten, wie Hai und sein jüngerer Bruder Hoang.
Hai Nguyen Mau erzählt: "Ich vergleiche mich auch nicht so mit meinen deutschen Mitschülern, sondern weil ich so viele vietnamesische Mitschüler habe, vergleich ich mich fast nur mit den vietnamesischen Mitschülern, weil die sozusagen näher an mir dran sind. Sein Bruder ergänzt: "Man weiß auch, dass die einen ähnlichen Druck haben, von den Eltern ausgeübt. Bei den Deutschen ist es halt nicht so."
Die Eltern dieser leistungsorientieren jungen Vietnamesen stammen meist aus einfachsten Verhältnissen. Anders als ihre gut integrierten Kinder bleibt die erste Generation oft unter sich. Schulleiter Franz Walther lernt die Eltern nur selten kennen: "Wir wissen, dass die Eltern Läden haben, Gaststätten betreiben. Allerdings haben wir sehr wenig Kontakt zu den Eltern." Hauptgrund dafür sei, dass die ältere Generation die deutsche Sprache nicht so gut beherrsche.
Abi mit 2,2 muss reichen
Ein anderes Beispiel aus Leipzig-Lindenau. Hier betreiben ehemalige Vertragsarbeiter aus Vietnam einen kleinen Laden und ein Nagelstudio. Quang Hoang und seine Frau Huong arbeiteten zu DDR-Zeiten in einer Textil-Fabrik. Huong war Näherin, er als Gruppenleiter ihr Chef. Nach der Wende wurde beiden gekündigt, sie mussten sich selbständig machen. Der gemeinsame Sohn Viet macht gerade Abitur. Er hat seinen Eltern einen Notendurchschnitt von 2,0 angekündigt. Zufrieden ist der Vater damit nicht. Quang Hoang: "Ich habe gesagt, das geht nicht. Ich wollte immer 1,5 bis 1,7. Das ist mein Wunsch. Aber er hat gesagt, das ist sehr schwer, Papa."
Mittlerweile rechnet Viet mit einem Abi-Durchschnitt von 2,3 oder 2,2. Er ist damit zufrieden und sagt, sein Vater müsse das auch sein. Der lacht nur. Hoang Quangs zweites Standbein ist eine Kung Fu Schule. Er ist einer der wenigen Großmeister in Deutschland. Zum täglichen Training kommen deutsche und vietnamesische Schüler jeden Alters.
Papas Wunsch: Einsen in der Schule
Quang Nguyen ist stolzer Vater der beiden jüngsten Sportler. Einmal die Woche begleitet er die 10-jährige Havy und den 9-jährigen Toan ins Training. In jeder freien Minute kümmert sich der Vater entweder um die Hobbys seiner Kinder – oder um deren Schulnoten. Beide bringen fast nur Einsen nach Hause. Quang Nguyen erzählt, wenn seine Kinder zu Weihnachten oder zum Geburstag fragen, was er sich wünsche, dann sage er: "Ich wünsche mir nur eins: Dass du gut in der Schule bist. Dann freue ich mich. Etwas anderes brauche ich nicht."
Familie Nguyen kommt aus Vietnam. Ihr Restaurant haben sie trotzdem "China Town" genannt. Heute hat Tuon einen Freund mit nach Hause gebracht. Gleich geht es wieder zum Training. Die große Schwester hilft den Eltern im Geschäft. Havy berichtet, dass sie beim Dolmetschen kaum gebraucht werde. Der Papa spreche ja auch genug deutsch. Aber beim Schreiben helfe sie ihm. Der Papa lobt die gute Grammatik seiner Tochter, er habe viel vergessen.
Kinder sprechen besser Deutsch als Vietnamesisch
Havy und Tuon sind früh in den Kindergarten gegangen. Integration war nie ein Thema, sondern immer Alltag. Im Sommer kommt noch ein kleiner Bruder auf die Welt. Auch der wird wahrscheinlich bald besser Deutsch als Vietnamesisch sprechen.
Quang Nguyen: "Deutsche Sprache ist wie ein Schlüssel zum Leben. Ohne deutsche Sprache kann man nichts machen. Es ist das Wichtigste, die deutsche Sprache zu lernen." Das Ziel ist klar definiert: Sprache als Voraussetzung für Integration, Bildung als Voraussetzung für Teilhabe und Wohlstand.
Vietnamesen in Deutschland
Größere vietnamesische Gemeinden gibt es heute in Rostock, Leipzig, Dresden, Erfurt sowie in Berlin, München und Hannover. Trotz rassistischer Übergriffe vor allem nach der Wende ist Deutschland weiter beliebt - seit Jahren gehört Vietnam zu den zehn Ländern mit der höchsten Anzahl an Asylbewerbern in Deutschland.

