FAKT | Das Erste | 17.01.2012 | 21:45 Uhr : Richter verurteilt kriminelle Spendensammler zu Bewährungsstrafe - trotz Millionenschaden
Immer wieder fallen gutgläubige Menschen auf die Masche herein: Angeblich wohltätige Organisationen bitten um Spenden – für den Tierschutz oder Kinderhilfsprojekte. Manchmal landet das Geld allerdings bei dubiosen Spendensammlern, die davon ihr Luxusleben finanzieren. FAKT erzählt den Fall von Familie S.
Carola Selenu aus Berlin-Wedding ließ sich vor 20 Jahren werben, in die "Deutsche Gesellschaft für Tiere und Natur" einzutreten. Seitdem ist sie Fördermitglied in dem Verein und spendet alle Vierteljahre 15,40 Euro, obwohl sie selbst knapp bei Kasse ist. Wie FAKT mehrfach berichtete, kamen die Spendengelder nicht gequälten Tieren zugute, sondern der Familie S., die damit ihr Luxusleben finanzierte. Die Masche mit dem Mitleid gutherziger Menschen klappt auch bei Kindern, dachte sich Familie S. und kassierte auch noch über den Verein "Kinder in Not" in München ab.
Spenden-TÜV warnt vor Schwarzen Schafen
Das deutsche Zentralinstitut für Soziale Fragen (DZI) ist eine Art Spenden-TÜV und prüft, ob wohltätige Vereine auch wirklich seriös arbeiten. Wer Zweifel hat, kann sich an das Institut wenden oder auf seine Internetseite schauen.
FAKT verfolgt die Machenschaften von Heidrun S. schon über mehrere Jahre. Ein Beispiel für die angeblichen Wohltaten des Vereins Kinder in Not ist der kleine Jorge Sanchez aus Paraguay. Im Internet wurde mit einer Fußoperation geworben, die der Verein angeblich bezahlt hat. FAKT hat den Jungen in Paraguay gesucht. Operiert wurden Jorge und sein Bruder tatsächlich, doch bezahlt hat die Behandlungskosten nicht Kinder in Not, sondern Peter Neumann, der in Paraguay Urlaub machte. Neumann erklärt: "Die Kinder haben mir sehr leid getan, wenn man die anderen Kinder sieht, die tagtäglich Fußball spielen und diese Jungs stehen daneben und schauen zu, weil sie einfach nicht laufen können, mir haben sie furchtbar leid getan. Und mir hat es Freude gemacht, ihnen helfen zu können."
Doch Kinder in Not e.V. wirbt auf seiner Internetseite weiter mit seinem angeblichen Engagement für Familie Sanchez. Aber was wurde aus den Vereinsgeldern? Ein Großteil wurde an zwei Firmen in der Schweiz und Liechtenstein überwiesen, hinter denen die Vereinsgründerin Heidrun S. steckt.
Kleine Geldstrafen für Veruntreuung von Millionen
Jahrelang stand Heidrun S. mit ihren beiden Söhnen im Visier der Ermittlungsbehörden. 2010 kam es endlich zum Hauptverfahren vor dem Landgericht München I. Das Gericht stellte für die Jahre 2002 bis 2004 fest, dass nur ein Zehntel der Vereinseinahmen für soziale Zwecke verwendet wurde. Die Beschuldigten gestanden die gewerbsmäßige Veruntreuung von insgesamt rund fünf Millionen Euro. Sie wurden zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt und kamen mit vergleichsweise kleinen Geldstrafen von 50.000 und 25.000 Euro davon.
Die kriminelle Millionenbeute musste Familie S. nicht zurückgeben. Die Ermittlungsverfahren für die Jahre nach 2004 wurden gleich mit eingestellt. Burkhard Wilke vom Spenden-TÜV kritisiert das Urteil als geradezu schädlich. "Letztlich muss man sagen, dass ein solches Urteil zur Nachahmung, zum Kopieren einer solchen kriminellen Konzeption geradezu einlädt."
Welche Rolle spielen die heutigen Vereinsvorsitzenden?
Warum fordern die Vereine das veruntreute Geld nicht zurück? FAKT fragte beim neuen Vorsitzenden von "Tiere und Natur" nach, einem gewissen Hans Pötz, der bei Gießen auf dem Hof des Bruders von Heidrun S. wohnt - bekam aber keine Antwort. Das Vereinsmitglied Manon Rohrbach hat Pötz angezeigt, weil dieser sich weigert, die veruntreuten Gelder von Familie S. zurückzufordern.
Auch "Kinder in Not" in München müsste die veruntreuten Millionen zurückfordern. Hier hat jetzt offiziell eine Natascha Marquardt das Sagen, die sich aber auch nicht zum Verein äußern will. Bei einem Besuch kommt kein Gespräch zustande, sondern es gibt wüste Beschimpfungen durch die Tür. An der Stimme erkennt der Reporter Frank Wolfgang Sonntag, dass es sich dabei um einen der beiden verurteilten Söhne der Familie S. handelt. Eigentlich sollte er im Verein keine Rolle mehr spielen …
Für die ahnungslosen Spender ist all dies eine herbe Enttäuschung. Und so geht es Tausenden. Per Dauerauftrag fließt das Geld unaufhörlich an die beiden Vereine. Die Verwendung aber bleibt weiter im Unklaren.
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