FIGARINO-Geschichte & Reportage | MDR KULTUR | 20.05.2017 | 18:05 Uhr Warum haben Kirchen Turm und Schiff?

Kirchen ähneln sich alle irgendwie: Ein Kirchturm mit Glocke gehört dazu, bunte Fenster und oft auch ein Grundriss in Form eines Kreuzes. Warum wurden Kirchen so gebaut und nicht ganz anders? FIGARINO-Reporter Max Reeg hat sich Kirchen angesehen und einen Experten gefunden, der ihm seine Frage beantworten kann.

Die Figarino-Geschichte:

Ein Baumhaus zum Selbstaufbau, das ist eine Herausforderung für Figarino und seinen Piratenkater Long John. Als das Haus nach einigen Widerständen endlich seinen Platz auf dem Baum im Hof gefunden hat, steht einem gemütlichen Picknick nichts mehr im Wege. Doch es kommt anders als gedacht …

Seit die Menschen auf die Idee gekommen sind, aus ihren Höhlen auszuziehen, bauen sie sich Hütten und Häuser. Dass wir in Häusern aus Stein leben, ist heute ganz normal. Doch es gibt auch Gebäude, die sind etwas Besonderes. Dazu gehören die Kirchen. Den berühmten Magdeburger Dom, die große Bischofskirche, wollen zum Beispiel jedes Jahr zig Tausend Besucher anschauen. Kirchen gehören zu den vielfältigsten und ältesten Gebäuden in Deutschland.

Standort: Frühere römische Tempel

Als man in Deutschland vor etwa 1.700 Jahren angefangen hat, Kirchen zu bauen, nahm man erst mal, was schon da war. Das erklärt der Geschichts-Experte Julien Reitzenstein von der Universität Halle:

Die ersten Kirchen im heutigen Deutschland standen in der Regel dort, wo sich vorher römische Tempel befunden hatten." Diese Tempel wurden nach dem Wegzug der Römer und nachdem viele Römer Christen geworden waren dann zu Kirchen umfunktioniert. Deshalb waren auch die Grundrisse der ersten Kirchen völlig verschieden. Sie richteten sich in der Regel nach den Fundamenten der römischen Tempel.

Julien Reitzenstein

Keine einheitliche Kirchenform

Typische, vergoldete Türme mit Zwiebelhaube eines russisch-orthodoxen Kirchengebäudes.
Vergoldete Türme mit Zwiebelhaube - typisch für ein russisch-orthodoxes Kirchengebäude Bildrechte: Colourbox.de

Anfangs machte also erst mal jeder, was er wollte. Eine auch nur annähernd einheitliche Form für Kirchen gab es nicht. Das war auch nicht so wichtig, denn in erster Linie dient eine Kirche ja dazu, dass sich die Gläubigen unter einem Dach treffen können, miteinander beten und Gottesdienste feiern. Ob ein Raum nun rund, eckig oder kartoffelförmig ist, spielt da ja erst mal keine Rolle. Das änderte sich aber bald, denn die Kaiser im frühen Mittelalter konnten durch den Kirchenbau ihre Macht und ihren Einfluss zeigen - und sie hatten ganz eigene Vorstellungen von Architektur.

Machtdemonstration beim Kirchenbau

Blick von der Galerie in den Magdeburger Dom beim Konzert "Russische Chormusik" mit dem MDR RUNDFUNKCHOR und Risto Joost beim MDR MUSIKSOMMER.
Große Kirchenräume spiegelten die Macht der Herrscher wider. Bildrechte: MDR/Andreas Lander

Wichtig war den Kaisern, dass die Kirchengebäude Macht demonstrierten. Deshalb wurde die Versammlungshalle so gebaut, dass ihre Spitze, der sogenannte Chor, nach Osten zeigte. Also dorthin, wo Jesus gelebt hatte. Der westliche Teil sollte dagegen die weltliche Macht des Kaisers ausdrücken. Deshalb wurde der Halle ein sogenanntes Westwerk vorgebaut, meistens mit zwei Türmen rechts und links des Haupteingangs. Alles im Kirchenbau hat also eine ganz bestimmte Bedeutung.

Türme, Langschiff, Querschiff & Co.

Kirchturm
Glocken rufen die Menschen zusammen Bildrechte: colourbox

Ab etwa dem 11. Jahrhundert waren Türme an Kirchen dann üblich. Und praktisch war das auch, denn man konnte eine Glocke in den Turm hängen und damit die Gläubigen zum Gottesdienst zusammenrufen. Die Bevölkerung wuchs ständig und es kamen immer mehr Kirchenbesucher. Deshalb mussten die großen Kirchen noch größer werden. Man baute nicht mehr nur von Ost nach West, sondern auch seitlich an: Im Querbalken hatten dann eine Menge Leute Platz. Und vom Himmel aus betrachtet, sieht das Kirchendach aus wie ein Kreuz: Den langen Balken nennt man das Langschiff. Die beiden kurzen Balken darüber bilden das Querschiff, das sich rechts und links ausdehnt.

Bunte Fenster in den Kirchen

Kirchenfenster
Findet man fast in jeder Kirche: Bunte Fenster Bildrechte: colourbox

Auch die Fenster in Kirchen sind beeindruckend. Oft sind sie sehr groß und laufen nach oben spitz zu. Diese Form nennt man Spitzbogen. Vorher kannte man vor allem die römischen Rundbogen; ab etwa 1.200 nach Christus kamen dann die Spitzbögen ganz groß in Mode. Der Vorteil: Man konnte mehr und größere Fenster einbauen als früher. Und man konnte so auch die Geschichten aus der Bibel unter die Leute bringen.

Für die Menschen des Mittelalters müssen diese leuchtenden Fenster wie echte Wunder gewirkt haben. So etwas Buntes bekam man damals nur selten zu sehen. Dazu kamen dann noch geschnitzte und aus Stein gehauene Heiligenfiguren, mit denen die Kirche innen und außen geschmückt wurde. Aber: Eine prunkvolle Kathedrale, ausgestattet mit luxuriösen Buntglasfenstern, konnten sich schon damals nur reiche Städte leisten. Auf dem Lande musste man mit einem kleineren Kirchlein zufrieden sein.

Zuletzt aktualisiert: 17. Mai 2017, 09:54 Uhr

Historische Entdeckungsreise Der Magdeburger Dom und seine Geschichte

Auf ihren Dom sind die Magdeburger stolz. Er ist das Wahrzeichen der Stadt. 300 Jahre hat es gedauert, um ihn zu bauen. Wir nehmen euch mit auf einen Rundgang durch das beeindruckende Bauwerk und seine Geschichte.

Magdeburger Dom
Wer durch Magdeburg spaziert, bleibt irgendwann stehen und staunt über die beiden großen, über hundert Meter hohen Türme des Domes. Er ist das Wahrzeichen der Stadt. 300 Jahre hat man gebraucht, um ihn zu bauen. 1520 wurde er schließlich fertiggestellt. Bildrechte: IMAGO
Magdeburger Dom
Wer durch Magdeburg spaziert, bleibt irgendwann stehen und staunt über die beiden großen, über hundert Meter hohen Türme des Domes. Er ist das Wahrzeichen der Stadt. 300 Jahre hat man gebraucht, um ihn zu bauen. 1520 wurde er schließlich fertiggestellt. Bildrechte: IMAGO
Der Magdeburger Dom
Auf ihren Dom sind die Magdeburger ziemlich stolz, und das ganz zu Recht. Als er gebaut wurde, war ihre Stadt eine der wichtigsten im sogenannten Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Und das sieht man dem Dom auch an: Er ist nicht nur ziemlich hoch, sondern auch sehr prachtvoll gebaut. Bildrechte: IMAGO
Blick von der Galerie in den Magdeburger Dom beim Konzert "Russische Chormusik" mit dem MDR RUNDFUNKCHOR und Risto Joost beim MDR MUSIKSOMMER.
Alles an diesem Dom strebt in Richtung Himmel: die hohen Sandsteinpfeiler im Inneren, das spitz zulaufende Gewölbe, die typischen Spitzbögen der Fenster. Man nennt diesen Baustil Gotik, und der Magdeburger Dom war die erste gotische Kirche auf deutschem Boden und die erste Bischofskirche, die nach Martin Luthers Reformation vor 500 Jahren protestantisch wurde. Bildrechte: MDR/Andreas Lander
Detail der Grabplatte Königin Edithas
Wo heute der Dom steht, hatte der erste deutsche Kaiser Otto der Große im Jahr 955 schon einmal eine Kirche bauen und sich dort auch beerdigen lassen. Diese Kirche ist später abgebrannt. Aber der damalige Erzbischof von Magdeburg, Albrecht von Käfernburg, ließ genau an dieser Stelle den heutigen Dom errichten. Ottos Grab und auch das seiner Frau Editha sind heute noch hier zu finden. Auf dem Bild seht ihr einen Ausschnitt von Edithas Grabplatte. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Die Kanzel im Dom "Sankt Katharina und Sankt Mauritius" in Magdeburg.
Um die Kanzel herum gibt es Bilder und Figuren aus hellem Stein zu bewundern. Es sind Szenen aus der Bibel. Neben der Kanzel stehen zwei weitere Figuren: eine Prinzessin und ein Ritter. Nach ihnen wurde der Dom benannt: Katharina und St. Mauritius. Bildrechte: dpa
Vor der Skulptur "Heiliger Mauritius" steht 2014 im Dom in Magdeburg eine Besuchergruppe.
Der Heilige Mauritius lebte im 3. Jh. und war ein Offizier der römischen Armee. Bei der Überquerung der Alpen erhielt er den Befehl, alle Christen im damaligen Agaunum (heute St. Maurice in der Schweiz) zu töten, doch er weigerte sich und wurde dafür mit all seinen Männern selbst hingerichtet. Seine Lanze wurde später von den Christen als besonderes Heiligtum verehrt. Angeblich soll sie ein Nagelstück vom Kreuz Jesu Christi enthalten. Bildrechte: dpa
Vokalensemble Sjaella im gut besetzten Magdeburger Dom
Am Eingang des Mittelschiffs – so nennt man die große Mittelhalle des Domes - steht ein Taufbecken aus Porphyrstein. Es ist das älteste der Welt, 2.000 Jahre alt, älter also als der Dom selbst. Ursprünglich stand es als Springbrunnen in Italien. Auf einer Reise entdeckte es Otto der Große und nahm es mit nach Magdeburg. Bildrechte: MDR/Marco Prosch
Blick von der Galerie in den Magdeburger Dom beim Konzert "Russische Chormusik" mit dem MDR RUNDFUNKCHOR und Risto Joost beim MDR MUSIKSOMMER.
Seid ihr neugierig geworden? Im Magdeburger  Dom gibt es auch Führungen für Kinder. Sie finden regelmäßig alle zwei Wochen samstags um 14 Uhr statt. Treffpunkt ist der Büchertisch im Dom. Bildrechte: MDR/Andreas Lander
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