Nicoleta & Mitica auf der Theaterbühne. Im Hintergrund eine Tafel und ein Weihnachtsbaum.
Theater machen ist im Klub "Clubul pentru educatie alternativa" groß angesagt. Bildrechte: MDR/Grit Friedrich

Zu Besuch in Rumänien Roma-Kinder in Bukarest

Wenn man in Rumäniens Hauptstadt Bukarest sagt, man geht nach Ferentari, dann erntet man erstaunte Blicke, denn dieser Stadtteil hat keinen guten Ruf. Hier leben viele Roma. Armut, Arbeitslosigkeit, Drogen und Müll prägen das Leben hier. Viele Kinder schwänzen die Schule. Doch seit ein paar Jahren gibt es einen Club an der Schule im Viertel, der so ähnlich funktioniert wie ein Hort bei uns. Hier gibt es tolle Angebote für Kinder. Aber nur wer lernt und seine Hausaufgaben macht, darf mitmachen. Figarino-Reporterin Grit Friedrich hat den Klub besucht.

Nicoleta & Mitica auf der Theaterbühne. Im Hintergrund eine Tafel und ein Weihnachtsbaum.
Theater machen ist im Klub "Clubul pentru educatie alternativa" groß angesagt. Bildrechte: MDR/Grit Friedrich

Die Kinder aus Ferentari lieben Streetdance. 25 Jungen und Mädchen proben in der Sporthalle hinter der Schule 136. Sie gehören zur "Trouble Crew". Diese Streetdance-Gruppe hat schon viele Preise gewonnen. Toto tanzt bei den Gruppenchoreografien immer ein wenig aus der Reihe. Jetzt hat er sein erstes Solo. Er tanzt den Moonwalk von Michael Jackson:

Im Internet habe ich mir ein paar Bewegungen abgeschaut. Ich hab mich so angezogen wie Michael Jackson. Ich trug einen Anzug mit Weste, einen Hut und Lederschuhe. Die anderen haben gesagt, dass ich gut tanze.  Später möchte ich auch mal Tänzer werden.
Toto

Wohnblock in Ferentari, einem Viertel in Bukarest
Ein Wohnblock in Ferentari. Bildrechte: MDR/Grit Friedrich

Bis vor wenigen Jahren gab es nur kaputte Spielplätze im Ferentari-Viertel. Doch gerade hier leben besonders viele Kinder. Einige Eltern arbeiten im Ausland, andere leben vom Betteln. Ihre Kinder waren mehr auf der Straße als in der Schule. Niemand hat sich um sie gekümmert. Mit dem Club hat sich das geändert. Die Kinder fingen an, Sport zu machen oder zu tanzen. Sie können aber auch jede Menge anderer Angebote nutzen, z.B. Basketball, Fußball, Gitarrespielen, Journalismus oder Fotografie lernen. Hilfe bei den Hausaufgaben gibt es ebenfalls. Auch Alex hat der Club begeistert. Er wohnt mit seinen Eltern in einer winzigen Einzimmerwohnung.

Ich wünsche mir ein eigenes Zimmer, in dem ich tanzen kann und machen, was ich will. Ich probe nur ab und an zu Hause. Wenn Mama sauber macht, dann stell ich mir den Fernseher an und tanze. Aber es ist zu wenig Platz. Im Club hat uns ein Amerikaner einen modernen Tanz beigebracht. Dann haben wir durch ein paar einfache Spiele gelernt, wie man selber einen Tanz gestaltet. Und am Ende sind wir damit aufgetreten.
Alex

Inzwischen gehört Alex zu den besten Tänzern des Clubs. Jede Woche trainiert er Streetdance. Beim Tanzen hat er viele Freunde gefunden. Keine Rabauken, die die Schule schwänzen, sondern Jungen wie Toto.

Musikkurs im Klub
Im Klub wird getanzt. Bildrechte: MDR/Grit Friedrich

Am glücklichsten sind die Kinder, wenn sie selbst etwas machen können, z.B. beim Musikkurs. Hier lernen sie verschiedene Instrumente kennen und können sie selbst ausprobieren. Natürlich kommen die Kinder nicht allein mit Liedern und Streetdance durchs Leben, aber im Klub vergessen sie ihre Sorgen und das beengte Leben zu Hause für eine Weile und lernen, an sich selbst zu glauben und ihre Zukunft in die Hand zu nehmen. Sie verdienen sogar ein wenig Geld bei Auftritten im Fernsehen oder in Filmen. Die Theatergruppe "Playhood" wurde im letzten Sommer für ihr neues Stück ausgezeichnet - als beste des ganzen Landes. Sie hatte kleine Szenen aus ihrem Alltag aufgeschrieben und gespielt. Da ging es auch darum, wie die Kinder versuchen, ihre Träume zu verwirklichen. Jetzt bereiten Toto und seine Freunde schon die nächsten Auftritte vor.

Schwarz-weiß-Archivfoto eines Zigeunerlagers
Roma und Sinti zogen früher durchs Land. Bildrechte: Bundesarchiv

Roma und Sinti

Weltweit gibt es etwa 12 Millionen Roma und Sinti. Viele Menschen nennen sie noch immer Zigeuner (auf Deutsch "Unberührbare"). Doch dieser Begriff gilt als Schimpfwort. Ursprünglich kommen die Roma und Sinti wahrscheinlich aus Indien. Man weiß nicht genau, warum sie ihr Land einst verlassen haben. Vielleicht wurden sie verfolgt oder vertrieben. Ihre Wanderung begann vor etwa tausend Jahren und führte sie bis nach Europa, wo die meisten von ihnen – verstreut über mehrere Länder – heute noch leben. Da sie eine dunklere Hautfarbe haben und auch anders leben als viele Europäer, wurden sie seit jeher vielerorts abgelehnt. Im Mittelalter verbot man ihnen sogar, in Städten zu leben. Daher zogen sie mit ihren Wagen umher und verdienten sich ihr Geld als Musiker und Handwerker. Manche waren aber so arm, dass sie betteln mussten. Oft machte man sie für Missstände im Land verantwortlich. Während des Nationalsozialismus wurden Roma und Sinti wie die Juden in Konzentrationslager gebracht. Man hielt sie für minderwertige Menschen. Eine halbe Million von ihnen wurde dort ermordet.

Zuletzt aktualisiert: 14. März 2017, 15:57 Uhr