Die Jahrhundertflut - 10 Jahre danach

Zehn Jahre Flut : Noch viel zu tun für Sachsens Flutschutz

21 Tote und mehr als sechs Milliarden Euro Sachschaden - die Jahrhundertflut 2002 hat vor allem in Sachsen große Schäden hinterlassen. Elbe, Weißeritz, Mulde und viele Nebenflüsse traten über die Ufer und richteten schwere Schäden an. Zehn Jahre danach stellt sich die Frage, welche Konsequenzen hat Sachsen aus der Jahrhundertflut gezogen? Sind alle Schäden beseitigt? Welche Hochwasserschutzmaßnahmen wurden getroffen?

2002 wurde Freital-Hainsberg durch die Flut stark zerstört

In Sachsen sind bis 2012 rund 1,4 Milliarden Euro in die Beseitigung der Schäden und den Hochwasserschutz investiert worden. Nach Angaben des sächsischen Umweltministeriums haben Land, Bund und EU etwa die Hälfte, 530 Millionen Euro, in die Schutzmaßnahmen investiert. Von den geplanten Vorsorgemaßnahmen seien bislang 80 Projekte umgesetzt worden, weitere 55 seien im Bau. Bis 2020 sollen laut Ministerium weitere 500 Millionen Euro in den Hochwasserschutz fließen.

Hochwasserschutz im Wald

Wie Umweltminister Frank Kupfer in seiner Fachregierungserklärung Mitte Juli im Landtag erklärte, hat Sachsen seit 2002 viel dafür getan, um künftig Hochwasser dieser Art zu vermeiden. So seien 65.000 Hektar Überschwemmungsgebiete ausgewiesen worden. Auf diesen dürfe weder gebaut noch Landwirtschaft betrieben werden. Seit 2004 seien zudem Hochwasserentstehungsgebiete ausgewiesen. Hochwasserschutz werde zudem in den Wäldern betrieben. Der schrittweise Umbau der Wälder von reinen Fichtenbeständen zu Mischwäldern trage dazu bei, dass die Wälder mehr Wasser aufnehmen können.

Eine der wichtigsten Erkenntnisse aus der Flut 2002 war laut Kupfer die Einsicht, dass den Flüssen mehr Raum gegeben werden muss. Entsprechende Maßnahmen seien unter anderem an der Roten Weißeritz, der Göltzsch und dem Schwarzwasser durchgeführt worden. Ebenso notwendig war auch der Aufbau des Landeshochwasserzentrums, um Kommunen und Anrainer so schnell wie möglich über Gefahren per Fax oder SMS zu informieren. 2004 wurde der Nachrichtendienst gestartet. Für die Zukunft kündigte der Minister an, die Gebiete zu verkleinern, in denen vor Hochwasser gewarnt wird.

Momentaufnahmen : Flutbilder aus Radebeul - ein Perspektivwechsel

Häuser stehen unter Wasser Frauen mit Feuerwehrweste stehen vor einer überfluteten Straße Schnecken kleben auf einer Plasteflasche

Dramatische Szenen spielten sich im Sommer 2002 ab. Die Flut riss Mauern, Autos und Bäume mit sich. Fast unwirklich wirken diese Bilder eines Hobbyfotografen aus Radebeul - sie zeigen die Dramatik aus ungewohnter Sicht. [Bilder]


Grenzüberschreitende Karten entstanden

Parallel zum Wiederaufbau der flutgeschädigten Städte und Gemeinden in ganz Sachsen startete das Land noch im Jahr 2002 eine Initiative, um solche Katastrophen künftig zu verhindern. Daraus hervorgegangen sind die internationalen Projekte Ella und Label, in denen Hochwasserexperten aus mehreren europäischen Ländern arbeiten. Gemeinsam suchen sie nach Möglichkeiten, Hochwasser schneller zu erkennen, vor ihnen zu warnen oder sie gar zu verhindern. Erstes Ergebnis der internationalen Expertengruppe ist ein Atlas für die Elbe, der grenzübergreifende Überschwemmungskarten mit Plänen und Strategien zur Flutvorsorge enthält. Entstanden ist zudem eine Flutsimulation. Diese zeigt, dass Rückhalteräume an Moldau, Eger und Saale den Schutz entlang der Elbe deutlich erhöhen können. Demnach könnte bei der Aktivierung der Schutzräume der Wasserstand am Pegel Usti nad Labem um bis zu einen Meter gesenkt werden. Sachsens Innenminister Markus Ulbig lobte die "effektive" Zusammenarbeit mit allen Nachbarn: "Sie geht mittlerweile weit über den Hochwasserschutz hinaus."

Bereit für neue Hochwasser?

Nach Ansicht des Sprechers vom Landesamt für Umwelt und Geologie, Uwe Müller, fehlt in Sachsen teilweise noch das Bewusstsein für die Gefahren von Hochwassern, sowohl in der Bevölkerung als auch in der Politik. Im Gespräch mit dem SACHSENSPIEGEL verweist er auf eine entsprechende Studie: "Es gibt Untersuchungen, wonach das Risikobewusstsein vor einem Hochwasserereignis sehr gering ist, während des Ereignisses steigt es natürlich und nach sieben Jahren, wenn man keine Aktivität zu diesem Thema hat oder es kein Erinnerungshochwasser gibt ist das Bewusstsein wieder genauso niedrig wie es vor dem Ereignis war." Müller warnte, nicht leichtfertig mit dem Thema umzugehen, auch wenn Hochwasserschutz meist mit Einschränkungen oder höheren Investitionen verbunden ist.

Görlitz vermisst Pegel, Naturschützer Überflutungsflächen

Ein Fluss fließt entlang einer Mauer unterhalb eines Ortes
In Weesenstein wurden zum Schutz vor Hochwasser Häuser abgerissen, Überflutungsflächen geschaffen und Hochwasserschutzanlagen errichtet.

Auch der Görlitzer Landrat Bernd Lange hat mehr Verständnis für Hochwasserbelange gefordert. Nach den Hochwassern im Jahr 2010 in der Region seien zwar die Dämme instand gesetzt worden. Dringend notwendig seien allerdings auch Pegelmesspunkte zwischen Görlitz, Rothenburg, Bad Muskau und der Grenze zu Brandenburg. Im Ernstfall könnten die Einsatzkräfte kaum vorausschauend reagieren.

Der deutsche Naturschutzbund sieht im Hochwasserschutz noch "erhebliche" Lücken. Der Vorsitzende des Landesverbandes, Bernd Heinitz, vermisst noch weitere natürliche Rückhalteflächen. Das Verhältnis zwischen "Maßnahmen mit Beton und Stahl" und der Schaffung von Überflutungsflächen habe sich nachteilig entwickelt, kritisiert Heinitz. Bei nicht einmal zehn Prozent der Maßnahmen an den Gewässern erster Ordnung sei der Retentionsraum vergrößert worden.

Zuletzt aktualisiert: 13. August 2012, 22:27 Uhr

Investitionen seit 2002

- 1,4 Milliarden Euro für die Beseitigung von Schäden und Hochwasserschutzmaßnahmen investiert
- bis 2020 sollen knapp 500 Millionen Euro in Schutzmaßnahmen fließen
- 351 Vorhaben im Investitionsprogramm, davon 80 abgeschlossen und 55 im Bau
- 65.000 Hektar Überschwemmungsgebiete ausgewiesen
- 2004 Eröffnung des Nachrichtendienstes des Landeshochwasserzentrums
- 143 Kilometer Deiche und Hochwasserschutzanlagen wurden saniert und 23 Kilometer neu gebaut. 47 Kilometer befinden sich im Bau. Für 297 Kilometer laufen Genehmigungsverfahren
- Schwerpunkte beim Hochwasserschutz waren bisher in Dresden und Torgau (Elbe), Eilenburg und Grimma (Mulde) sowie an den Gebirgsflüssen wie beispielsweise in Glashütte, Aue oder Zwickau

Landestalsperrenverwaltung

- 1992 gegründet, zunächst für Trinkwasserversorgung, später auch für Gewässerunterhaltung zuständig
- 800 Beschäftigte
- zuständig für 3.300 Kilometer Fließgewässer und 650 Kilometer Hochwasserschutzdeiche
- Verantwortung über 80 Talsperren und Hochwasserrückhaltebecken
- Betreuung von 103 Pegeln

Projekt Labe

Das von der EU geförderte Projekt wurde 2006 gegründet. Ihm gehören Hochwasserexperten aus Deutschland, der Tschechischen Republik, Polen, Österreich und Ungarn an. Ziel ist eine Zusammenarbeit von Staaten, Ländern, Regionen und Kommunen entlang der Elbe. Erstes Ergebnis ist ein neuer Elbe-Atlas, der grenzübergreifende Informationen zu Hochwasserrisiken entlang der Elbe enthält. Im Projekt werden zudem Vorsorgemaßnahmen, die Raumentwicklung und der Katastrophenschutz abgestimmt.

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