Die Jahrhundertflut - 10 Jahre danach

Chronik : Die Jahrhundertflut 2002 in Sachsen-Anhalt

Durch die Ereignisse im Nachbarland Sachsen alarmiert, wird auch im weiteren Verlauf von Elbe und Mulde mit einer schweren Flutkatastrophe gerechnet. Überall in Sachsen-Anhalt werden Deichanlagen verstärkt und Evakuierungen vorbereitet. Vor allem an der Mulde jedoch, die im Normalfall schon einer der schnellsten Flüsse in Mitteldeutschland ist, reichen die Zeit und alle Anstrengungen nicht aus, das Schlimmste zu verhindern.

12. August, Montag:

Innerhalb von nur zwölf Stunden fallen auf dem Brocken im Harz, dem höchsten Berg Norddeutschlands, 101 Liter Regen pro Quadratmeter. Dies ist der höchste Zwölfstundenwert seit dem Beginn der Wetteraufzeichnungen 100 Jahre zuvor. Seit Tagen anhaltende, starke Regenfälle sorgen allerdings vor allem in anderen Teilen von Sachsen-Anhalt schon für kleinere Überschwemmungen.

13. August, Dienstag:

Drei Stadtteile von Dessau werden evakuiert. Rund 4.600 Menschen sollen bis zum Abend des nächsten Tages ihre Häuser verlassen.

14. August, Mittwoch:

Die Jahrhundertflut erreicht Sachsen-Anhalt, erste kleinere Orte in Ufernähe werden überschwemmt. Im Landkreis Bitterfeld tritt die Mulde über die Ufer und überflutet die Orte Jeßnitz und Raguhn. Bundeswehrsoldaten sichern einen Mulde-Deich bei Pouch in der Nähe von Bitterfeld mit Sandsäcken.

Aus allen Teilen Deutschlands kommen Soldaten, Mitarbeiter des Technischen Hilfswerks und viele Freiwillige. Viele von ihnen versuchen zunächst vor allem, Mulde-Dämme rund um Bitterfeld zu sichern und zu verstärken. Der Chemiepark Bitterfeld-Wolfen muss geschützt werden. Da kaum jemand genau weiß, wie stark nach Jahrzehnten die Böden des sogenannten Chemie-Dreiecks durch die DDR-Chemieindustrie belastet sind, wächst die Sorge, dass Schadstoffe ausgespült und mitgenommen werden. Eine Umweltkatastrophe droht.

In Dessau rechnet man für den Abend mit dem Eintreffen der Flutwelle. In den meisten Gebieten der Region gilt Katastrophenalarm. Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) zeigt sich bei einem Besuch in der Hochwasserregion erschüttert über das Ausmaß der Katastrophe. Ihre werde eine "nationale Aufgabe".

15. August, Donnerstag:

Das Dessau-Wörlitzer Gartenreich wird nach und nach überschwemmt. Gegen Mittag bricht bei Bitterfeld ein Damm der Mulde, das Wasser schießt in das 62 Quadratkilometer große Restloch des früheren Braunkohle-Tagebaus Goitzsche, das zwar seit seit Jahren schon kontrolliert und planmäßig geflutet wird, nun aber sogar überzulaufen droht.

Im Süden von Magdeburg wird das Pretziener Wehr geöffnet, um die Landeshauptstadt und unter anderem auch Schönebeck an der Elbe zu schützen. Die Überflutungsflächen können die Elbe etwas entlasten. Auch in der Landeshauptstadt selbst wird nun Katastrophenalarm ausgelöst. Rund 20.000 Einwohner vor allem östlich der Elbe sollen bis Sonnabend ihre Häuser verlassen. Seit Tagen schon steigt nach schweren Regenfällen das Wasser in tiefer liegenden Gebieten wie dem Herrenkrug, wo die Pferderennbahn schon arg in Mitleidenschaft gezogen wird.

Auch im Süden von Brandenburg wird das Elbe-Hochwasser bedrohlicher. Die kleine Stadt Mühlberg mit rund 5.000 Einwohnern wird fast komplett geräumt. Doch etwa 300 Bürger weigern sich, die Häuser zu räumen. Auch Niedersachsen, Hamburg und Schleswig-Holstein bereiten sich auf die Flutwelle vor, die im Norden Deutschlands nun Mitte der kommenden Woche erwartet wird.

Am Abend richten sich bange Blicke auf die Mulde bei Bitterfeld. Durch den Bau eines mehrere hundert Meter langen Deichs aus Sandsäcken soll noch einmal Zeit gewonnen werden. Der Katastrophenstab tagt bis in die Nacht hinein, um kurz nach Mitternacht eine folgenschwere Entscheidung zu fällen...

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