Von der Beat-Demo zum Kahlschlagplenum : Ton, Steine, Scherben
Walter Ulbricht scheint nach dem Mauerbau von 1961 fest im Sattel. Er startet Reformen, um die Wirtschaft zu stabilisieren und so überhaupt die Existenz der DDR zu sichern. Und er leitet einen Kurswechsel in der Kultur- und Jugendpolitik ein. Doch damit bringt er die Hardliner in der Partei gegen sich auf. Sie scharen sich um Erich Honecker und der nutzt wieder einmal die Gunst der Stunde ... Ausgerechnet die Rolling Stones assistieren ihm.
Damit ein rotes Wirtschaftswunder gelingt, verlangt der Staatschef zudem neue, gut ausgebildete Spezialisten auch ohne Parteibuch. Und Ulbrichts politischer Alleingang geht noch weiter. Er räumt mit der bisherigen Jugendpolitik auf, fordert mehr geistige Freiheit statt "spießbürgerliche Musterknaben" - auch das aus pragmatischen Gründen. Pfingsten 1964 kommt es zum Deutschlandtreffen der FDJ. Hunderttausende Jugendliche vergnügen sich in den Straßen Ost-Berlins. Der zunächst nur provisorisch gedachte neue Jugendsender DT64 wird nun dauerhaft populäre, westlich beeinflusste Musik senden.
Ulbrichts Affront
Ulbrichts Liberalisierung geht direkt gegen die bisherigen Verantwortlichen in der Jugendpolitik, gegen Erich Honecker und seine Frau Margot, die Ministerin für Volksbildung geworden ist. Honecker fühlt sich in die Ecke gedrängt. War er beim Mauerbau noch Ulbrichts wichtigste Stütze, sind seine Vorstellungen von Jugend und Erziehung plötzlich nicht mehr gefragt. Das Verhältnis der beiden ersten Männer im SED-Staat kühlt merklich ab. Doch Ulbricht hat auch Gegner und die heimliche Opposition in der Partei schart sich um Erich Honecker und seine Frau.
Honecker nutzt die Gunst der Stunde
Der erste Schlag gilt der Jugendpolitik und dem neuen Lebensgefühl der Beat-Musik. Ein Vorkommnis ausgerechnet in West-Berlin spielt Honeckers Absichten in die Karten.
Ein Konzert der Rolling Stones auf der Waldbühne im September 1965 endet in schweren Tumulten und Verwüstungen.
Honecker nutzt die Gunst der Stunde für einen wichtigen Schachzug gegen Ulbricht. Anstelle des SED-Chefs leitet er inzwischen Sitzungen des Sekretariats. Ulbricht lässt sich immer häufiger vertreten, wohl noch immer in dem Glauben, Honecker völlig vertrauen zu können.
Leipziger Beat-Demo 1965
Von nun an ist es Bands in der DDR verboten, öffentlich Beatmusik oder Rock'n' Roll zu spielen. Die meisten Amateurgruppen verlieren sofort ihre Lizenz - unter dem Vorwand der Steuerhinterziehung. In der Hochburg Leipzig sind allein 44 von 49 Beat-Bands mit einem unbefristeten Spielverbot belegt, auch die beliebten "Butlers" dürfen nicht mehr auftreten. Zum Protest versammeln sich am 31. Oktober 1965 mindestens 1.000 junge Beatfreunde auf dem Leipziger Wilhelm-Leuschner-Platz. Gewaltlos und beinahe stumm stehen sie beieinander, bis die Polizei sie mit Wasserwerfern auseinander und mit Knüppeln durch die Straßen treibt. Hunderte Jugendliche werden verhaftet und wochenlang zum Arbeitseinsatz im Braunkohletagebau gezwungen. In der Presse beginnt eine Kampagne gegen Langhaarige, Beatfans, junge Christen und politisch Andersdenkende.
Das Kahlschlagplenum
Schließlich wagt sich Erich Honecker selbst aus der Deckung. Auf dem 11. Plenum des ZK der SED im Dezember 1965 rechnet er in einer Grundsatzrede mit der bisherigen, von Ulbricht geprägten Kulturpolitik ab. Die Mehrheit der Parteikader weiß er hinter sich.
Kinofilme wie "Spur der Steine" oder "Das Kaninchen bin ich" - faktisch die gesamte Jahresproduktion der DEFA - werden nach kurzer Zeit aus den Kinos entfernt oder gar nicht gezeigt. Aufmüpfige Künstler wie Wolf Biermann erhalten Auftrittsverbot.
Die Zeit des kulturellen Aufbruchs unter Ulbricht ist vorbei. Der wird von den Attacken der Honecker-Fraktion geradezu überrollt.
Er reagiert schließlich wie immer, wenn er sich großem Widerstand ausgesetzt sieht: Er stellt sich opportunistisch an die Spitze der Kritik und verurteilt die von ihm selbst eingeleitete Wende in der Kulturpolitik und die Monotonie des westlichen "yeah, yeah, yeah": "Ist es denn wirklich so, dass wir jeden Dreck, der vom Westen kommt, kopieren müssen?", fragt er nun. Seinen eigenen Mann, Kurt Turba, lässt er bedenkenlos fallen.
Erich Honecker hat seinen Chef geschickt ausgebremst. Doch einen direkten Zweikampf um die Macht, gar ein Putsch gegen den Ziehvater, traut er sich noch nicht zu.
31.10.1965 - Leipziger Beat-Demo
Das Verbot fast aller Leipziger Beat-Gruppen durch die Staatsorgane führt zu einer Demonstration von Jugendlichen auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz. Die Volkspolizei geht mit Hunden und Wasserwerfern gegen die Jugendlichen vor. Mehrere hundert von ihnen werden verhaftet und teilweise zum Arbeitseinsatz in die Braunkohlengruben geschickt. Einen literarischen Niederschlag finden die Ereignisse in dem Roman von Erich Loest "Es geht seinen Gang" (1978).
Das Exempel: Klaus Renft Combo und "The Butlers"
Der damals 16-jährige Klaus Jentzsch gründet die "Klaus Renft Combo" 1958 als Schülerband unter dem Mädchennamen seiner Mutter. Nach einem Verbot 1962 wird die Band unter dem Namen "The Butlers" zur absoluten Kultgruppe der Leipziger Beatszene. Mit ihrer kontroversen Musik und ihrem Auftreten blieb die Gruppe unter ständiger Beobachtung von Partei und Staatssicherheit. 1965 wird sie als eine der ersten Beatbands verboten.
Unter dem Namen "Klaus Renft Combo" dürfen die Musiker 1967 wieder auftreten und arbeiten immer enger mit dem Texter Gerulf Pannach zusammen. 1975 wird "Renft", so das sich durchsetzende Kürzel, endgültig verboten. Klaus Renft reist nach West-Berlin aus, zwei Bandmitglieder werden verhaftet und reisen nach ihrem Freikauf ein Jahr später ebenfalls aus. Erst 1990 tourte die Band wiedervereint durch die Noch-DDR.
15.12.-18.12.1965 - 11. Plenum des ZK
Das 11. Plenum des ZK beschließt die zweite Etappe des "Neuen ökonomischen Systems", leitet als sogenanntes "Kahlschlagplenum" aber auch eine verschärfte Auseinandersetzung der SED mit Schriftstellern und Künstlern ein. Den Bericht des Politbüros an die 11. Tagung des Zentralkomitees hält Erich Honecker. Er wirft den Kreativen u. a. "Nihilismus", "Skeptizismus" und "Pornographie" vor. "Unsere DDR ist ein sauberer Staat. In ihr gibt es unverrückbare Maßstäbe der Ethik und Moral, für Anstand und gute Sitte", heißt es in seinen Ausführungen.
Zahlreiche Filme, Theaterstücke, Bücher und Musikgruppen werden als systemkritisch abgestempelt und zum Teil verboten. Darunter "Der Bau" von Heiner Müller, "Der Tag X" von Stefan Heym sowie faktisch die gesamte Jahresproduktion der DEFA - zum Beispiel "Jahrgang 45", "Carla" und "Das Kaninchen bin ich". Auch Frank Beyers "Spur der Steine" gerät unter Honeckers Verdikt. Allein Christa Wolf wagt einen Vorstoß gegen die Verbotsmaßnahmen der SED. Das Plenum beendet eine kurze Phase der Liberalisierung nach dem VI. Parteitag der SED 1963.
"Das Kaninchen bin ich" (1965)
Korrupte Richter und systemuntergebene Opportunisten sind das Thema in "Das Kaninchen bin ich". Der Film, in dem ein junger Mann wegen "staatsfeindlicher Hetze" zu mehreren Jahren Zuchthaus verurteilt wurde, wurde am Vorabend des 11. Plenums des ZK der SED 1965 gezeigt - als Beispiel für die "Abweichungen" der Künstler von der offiziellen Parteilinie. Der Film wurde wegen seiner Systemkritik verboten - und wurde erst nach dem Mauerfall vom Schubladenmief befreit. Regisseur Kurt Maetzig reagierte nach dem Verbot mit einer "Selbstkritik", die im "Neuen Deutschland" erschien und beugte sich so dem Druck von oben.
"Spur der Steine" (1966)
Als Nachwirkung auf das "Kahlschlagplenum" vom Dezember 1965 kommt es bei der Uraufführung des dort scharf kritisierten DEFA-Spielfilms "Spur der Steine" zum Eklat durch bestellte Randalierer. Im Chemnitzer Schauspielhaus fordern sie Gefängnis für Regisseur Frank Beyer und "Bewährung in der Produktion" für Hauptdarsteller Manfred Krug. Das Werk, das die Konflikte auf einer DDR-Großbaustelle schildert, wird drei Tage später "wegen Herabwürdigung der Partei" und "antisozialistischer Tendenzen" verboten. Erst im Oktober 1989 darf der Film wieder gezeigt werden.
1973 - Gründung des Komitees für Unterhaltungskunst
In den 1970er-Jahren richtete die Partei auf Bezirks- und Kreisebene ein weit verzweigtes Netz lokaler Arbeitsgruppen ein. Zur "Koordination all dieser Koordinierungen" - so die Formulierung in den Arbeitsrichtlinien - wurde 1973 das Komitee für Unterhaltungskunst beim Ministerium für Kultur gegründet: Organisiert wurden Festivals und Wettbewerbe, Talentsuche und Nachwuchsförderung, aber vor allem auch die Begutachtungspraxis für Kapellen und ihre Produkte. In der Sektion Rock waren am Ende der DDR 570 Mitglieder registriert - Musiker, Texter, Manager und Wissenschaftler.
Zu den Aufgaben gehörte auch die Verwaltung des Mangels - zum Beispiel im Blick auf Studiokapazitäten, die offiziell nur beim VEB Deutsche Schallplatte und beim Rundfunk der DDR existierten. Daneben allerdings entwickelte sich in der DDR ein informeller Sektor samt privateb Veranstaltern und illegalen Veröffentlichungen.
Buchtipps:
Lindner, Bernd: DDR Rock & Pop. Komet, Köln 2008 (nur antiquarisch)
Rauhhut, Michael: Beat in der Grauzone. DDR-Rock 1964 bis 1972 – Politik und Alltag. BasisDruck, Berlin 1993 (nur antiquarisch)
