Paulus

MDR FERNSEHEN | 16.10.2011 | 20:15 Uhr : Generalfeldmarschall Paulus: Der Verlierer von Stalingrad und die DDR

Er gilt als Hitlers Hoffnungsträger und führt die 6. Armee Anfang 1943 in die verheerendste Niederlage des Zweiten Weltkriegs, in der Schlacht von Stalingrad. Er überlebt und gerät in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Er sagt als Kronzeuge und nicht als Angeklagter bei den Nürnberger Prozessen aus, übersiedelt schließlich in die DDR, wohnt im Dresdner Nobelviertel "Weißer Hirsch", obwohl sich seine Familie im Westteil Deutschlands niedergelassen hat. Wie kam es dazu? Und wie lebte Friedrich Paulus mit seiner Schuld?

Paulus Spielszenen aus GMD

Unter seinem Oberbefehl wird die Stadt an der Wolga zum Massengrab, der Tod von Zehntausenden deutschen Soldaten ist für immer mit seinem Namen verbunden: Generalfeldmarschall Friedrich Paulus. Der Sohn einer typischen kleinbürgerlichen Beamtenfamilie der Kaiserzeit beginnt Anfang des 20. Jahrhunderts seine steile Karriere. 1910 tritt er ein in die preußische Armee, in einer Zeit, in der Militär und Beamtentum gute Aufstiegschancen versprechen.

Steile Karriere als Taktiker

Schauspieler Christian Wewerka (re) als Generalfeldmarschall Friedrich Paulus  am Kartentisch
MDR FERNSEHEN

Eine verhängnisvolle Entscheidung - Trailer zum Film

06.10.2011, 15:01 Uhr | 00:34 min

Nach der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg kann Friedrich Paulus seine Laufbahn auch in Hitlers Wehrmacht fortsetzen. Der brillante Taktiker schafft es bis in die obersten Kreise der militärischen Führung, arbeitet maßgeblich am geheimen "Unternehmen Barbarossa" zum Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 mit.

Er erhält im Januar 1942 den Oberbefehl über die 6. Armee - einen ursprünglich in Sachsen aufgestellten Kampfverband der Wehrmacht. Er führt sie in den Untergang, weil er Hitlers wahnwitzigen Durchhalteparolen bis zum Schluss folgt. Die Niederlage in Stalingrad im Februar 1943 wird zum Wendepunkt des Krieges.

"Meine geliebte Coca! ... Ich stehe als Soldat dort, wo ich jetzt stehe, auf Befehl. Was mein Schicksal sein wird, weiß ich nicht, ich muß aber nehmen, was Gott mir gibt. Dein Fritz"

Aus Paulus' Abschiedsbrief an seine Frau Constance, Januar 1943

Gehorsamer Soldat bis zum bitteren Ende

General Friedrich Paulus
GMD - Das Magazin

Das Dilemma des Friedrich Paulus

11.10.2011, 21:15 Uhr | 06:15 min

Paulus wird noch heute vorgeworfen, sich nicht gegen seinen Förderer Hitler gestellt zu haben, der ihn wenige Stunden vor seiner Gefangennahme durch die Sowjets noch zum Generalfeldmarschall befördert hat. Eine kaum verhohlene Aufforderung zum Selbstmord, der Paulus nicht folgt.

So geht er als ranghöchster Militär der Wehrmacht in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Dort stellt er sich erst nach langem Zögern gegen Adolf Hitler. Nach Stauffenbergs Attentat vom 20. Juli 1944 engagiert er sich aktiv im Widerstand.

Kronzeuge in Nürnberg und die letzten Jahre in der DDR

Bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen sitzt er dann nicht auf der Anklagebank, sondern tritt als Zeuge auf. Nach zehn Jahren Kriegsgefangenschaft zieht er 1953 - sechs Monate nach Stalins Tod - in die DDR. Von der Staatsführung hofiert, lebte er unbehelligt in Dresden.


Die DDR will mit Paulus Hilfe verhindern, dass die Bundesrepublik der NATO beitritt und so endgültig Teil des US-amerikanischen Machtbereiches wird. Doch sein propagandistisches Engagement scheitert. Viel mehr erreichen ihn Drohbriefe aus Ost und West. Gefragt wird er immer wieder nach seiner Verantwortung in Stalingrad. Am 1. Februar 1957 stirbt er in Dresden, ohne seine geliebte Frau wiedergesehen zu haben.

Zeitzeugen, Experten, Dokumente

Der Film widmet sich mit Paulus einer der umstrittensten Figuren der deutschen Geschichte, befragt werden darin Zeitzeugen, die an der Schlacht von Stalingrad teilgenommen und die Kriegsgefangenschaft überlebt haben, auch der Adjutant von Paulus in der DDR, Heinz Beutel, kommt zu Wort. Außerdem äußert sich mit dem Historiker und Paulus-Biografen Torsten Diedrich ein ausgewiesener Kenner zu Paulus' heute schwer nachvollziehbaren Motiven und tatsächlichen Handlungsmöglichkeiten.

Dokumente: "Noch weht die Hakenkreuzfahne über Stalingrad"

Friedrich Paulus verdankte Hitler seine Militärkarriere maßgeblich. So sieht er sich doppelt zum soldatischen Gehorsam verpflichtet und folgt dessen absurden Haltebefehlen bis zum Schluss. Ein Briefwechsel. [mehr]


Interview mit Erich Burkhardt: "Der Kessel war Front"

Erich Burkhardt aus dem sächsischen Oelsnitz war in einer Infanteriedivision der 6. Armee als Fahrer an der Ostfront eingesetzt. Über seine "Begegnung" mit Friedrich Paulus sprach er mit Christian Schulz. [mehr]


Hintergrund: Gefangenschaft mit Koch und Adjutant

Generalfeldmarschall Friedrich Paulus war Stalins persönlicher Gefangener. Anders als die einfachen Soldaten wurde er mit besonderer Aufmerksamkeit behandelt. [mehr]


Hintergrund: Paulus als Kronzeuge der Anklage in Nürnberg

Er hatte den Angriff auf die Sowjetunion maßgeblich mitgeplant. Doch bei den Kriegsverbrecher-Prozessen in Nürnberg trat er als Kronzeuge der Anklage auf. Ein Coup, der ihm den Ruf als Verräter einbringt. [mehr]


Hintergrund: Paulus und sein Leben in der DDR

Zehn Jahre saß Friedrich Paulus in sowjetischer Kriegsgefangenschaft. 1953 siedelte er über in die DDR. Was waren seine Motive und welche Hoffnung setzten Partei und Staat in ihn? [mehr]


Zuletzt aktualisiert: 18. Januar 2012, 13:09 Uhr

Stichwort: 6. Armee

In der 6. Armee kämpften viele Soldaten aus dem sächsischen Raum, denn der Stab dieser Truppe saß in Leipzig. Ursprünglich lief er unter dem Namen Heeres Gruppenkommando 4, dann wurde aus ihm noch vor dem Überfall auf Polen das Armeeoberkommando 10. Vor dem Frankreich-Feldzug erfolgte die Umbenennung in 6. Armee.

Unternehmen Barbarossa

Am 22. Juni 1941 begann der deutsche Überfall auf die Sowjetunion. Bis zum Wintereinbruch sollte der Feldzug beendet sein - doch es kam anders ... An den Planungen zur "Operation Barbarossa" war maßgeblich General Paulus beteiligt.

Ziel Hitlers und seiner NS-Ideologie war es, den gesamten europäischen Teil der Sowjetunion zu erobern. Das hieß für ihn, den "jüdischen Bolschewismus" zu vernichten und "Lebensraum im Osten" zu schaffen, also die Zivilbevölkerung gewaltsam zu vertreiben.

An dem Feldzug nahmen auf deutscher Seite rund 3,6 Millionen Soldaten teil. Der Wehrmacht folgten die mörderischen "Einsatzgruppen", die vor allem in der Ukraine die ersten Massentötungen an der jüdischen Bevölkerung vornahmen.

Angaben zum Film:

Buch: Christian Schulz
Regie: Christian Schulz / Pepe Pippig
Kamera: Frank Amann / Michael Baum
Musik: Philipp E. Kümpel / Andreas Moisa
Länge: 45 min.
Erstsendung: 16.10.2011 | 20:15 Uhr

Buchtipps:

Torsten Diesdrich: Paulus. Das Trauma von Stalingrad
Ferdinand Schöningh Verlag
Gebunden, 580 Seiten
Preis: 39,90 EUR
ISBN 3506764039

Der Historiker Torsten Diedrich befasst sich neben der militärischen Karriere bis zur Niederlage in Stalingrad auch mit Paulus' Kriegsgefangenschaft in der Sowjetunion und seinem Leben danach in der DDR.

Leonid Reschin: Feldmarschall Friedrich Paulus im Kreuzverhör 1943 – 1953, 2000, ISBN: 3-8289-0387-8

Peter Steinkamp: Generalfeldmarschall Friedrich Paulus : ein unpolitischer Soldat?, 2001, ISBN: 3-89702-306-7

Walter Görlitz: Paulus - "Ich stehe hier auf Befehl!" : Der Lebensweg des Generalfeldmarschalls Friedrich Paulus - Mit den Aufzeichnungen aus dem Nachlass, Briefen u. Dokumenten - Mit einem Geleitwort von Ernst Alexander Paulus, 1960

© 2012 MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK