August Horch

Porträt : Das wechselvolle Leben des August Horch

Allen Rückschlägen zum Trotz bleibt August Horch eine rheinische Frohnatur, ein Stehaufmännchen, das sich nach jedem Niederschlag mit neuem Elan und neuen Ideen wieder hoch rappelte.

Geboren am 12. Oktober 1868 im Moseldörfchen Winningen, interessiert sich August Horch früh für alles Technische. Der Sohn eines Dorfschmiedes geht nach der Lehre bei seinem Vater auf Wanderschaft, will aber nicht den Familienbetrieb übernehmen, sondern studieren! Er büffelt das nötige Grundwissen, die Erfahrungen aus der Zeit seiner Wanderschaft helfen. 1888 beginnt er ein Maschinenbau-Studium am Technikum Mittweida. In nur drei Jahren schafft es der Volksschüler und Schlossergeselle 1891 zum Ingenieurs-Abschluss, ein gewaltiger Sprung in der sozialen Hierarchie.

Neugier und Erfindergeist

Neugier und Erfindergeist führen Horch 1896 mit "Papa Benz" zusammen, der in Mannheim bereits Motorwagen bauen lässt. Nach nur vier Monaten überträgt der ihm bereits den Betrieb des Motorwagenbaus und ist verantwortlich für die Produktion des Velo, des ersten, serienmäßig hergestellten Automobils der Welt. Auch gegen den Widerstand der Firmenchefs will er noch leistungsfähigere Modelle entwickeln. Er stößt an Grenzen. 1899 macht sich Horch selbstständig. Mit dem Tuchhändler Salli Herz gründet er in Köln-Ehrenfeld die Firma "A. Horch & Cie". Bald meldet er sein erstes Patent an: Ein Abreißghestänge, das das Anspringen der Fahrzeugmotoren erheblich beschleunigt. Ein Jahr später ist der erste Wagen der Horch-Werke fahrbereit. Allerdings mangelt es an geschäftlichem Geschick, Horchs erstes Auto war seiner Zeit um Jahrzehnte voraus, aber unbezahlbar. Im zweiten Anlauf schafft er es dann doch noch, ein Automobil auf die Straße zu bringen, dass sich auch verkaufen lässt. Mit seinem "Phaeton" rollt Horch nebst Gattin am 23. Dezember 1900 durch Köln. Doch wieder gibt es zu wenig Käufer für das 5 PS starke Fahrzeug, das 4.100 Reichsmark kostet. Nur sechs Mobile werden im ersten halben Jahr verkauft. Im letzten Moment vor der Pleite kommt Hilfe aus Sachsen. Einige Unternehmer und Autoenthusiasten haben das Potenzial in Horchs Entwicklungen erkannt.

Drei Neuanfänge in Sachsen

Die neue Firmenanschrift lautet: Reichenbach / Vogtland, Obere Dunkelgasse. Im Frühjahr 1902 beginnt so die Geschichte der sächischen Autoindustrie. Der Verkauf der neuen in Reichenbach gefertigten Horch-Mobile, die zwischen 3.500 und 16.000 Mark kosten, läuft gut an. 50 Fahrzeuge finden 1903 einen Käufer. Horch, der als leitender Ingenieur etwa 5.000 Mark im Jahr verdient, testet die Neuwagen immer selbst. Als er expandieren will, spielt der Reichenbacher Stadtrat nicht mit.

Wie aus "Horch" ...

Gemeinsam mit ehemaligen Mitarbeitern gründet er 1904 eine neue Firma in Zwickau. Die wird nun zur Aktiengesellschaft, um mehr Kapital zu erwerben. Geschäftsführer August Horch steuert mit 2.000 Mark die geringste Einlage bei. Die Geschäfte laufen gut. Die Modelle aus Zwickau gewinnen bei den immer populärer werdenden Automobilrennen, etwa bei den von Hubert Herkomer begründeten Tourenwagenrennen. Die Siege nutzen dem Renommee der Marke. Doch die Aktionäre wollen auch satte Gewinne sehen. Diese Erwartung kollidiert mit Horchs Firmenphilosophie vom Unternehmen als großer Familie mit ihm als Oberhaupt. 1909 kommt es zum Bruch, nachdem Horchs teure, immer wieder neu entwickelte Modelle keine Siege mehr einfahren. 1907 war er mit seinen drei Sechszylinderwagen beim Kaiserpreisrennen leer ausgegangen, zwei Jahre später beim Prinz-Heinrich-Rennen. Der Aufsichtsrat beraumt im Juni 1909 eine außerordentliche Sitzung an. Horch soll seinen Posten als Geschäftfsführer räumen, nur noch als Konstrukteur im Unternehmen arbeiten.

... "Audi" in Zwickau wurde

Da scheidet Horch lieber gleich ganz aus und gründet gemeinsam mit ehemaligen Mitarbeitern eine neue Firma, ebenfalls in Zwickau. Das neue Unternehmen heißt "Audi": lateinisch für "Horch!". Am 24. August 1910 rollt der erste Audi durch das Werkstor. Und Horchs inzwischen 69-jähriger Vater dreht als einer der ersten damit eine Runde. Die neue Firma startet schnell durch: Audi-Automobile gewinnen zahlreiche Preise, so auf der Alpenrundfahrt 1914 den Großen Preis, den Teampreis und sieben weitere Ehrenpreise. Triumphal wird Horch Ende Juni in Zwickau empfangen. Das Modell heißt von da an "Alpensieger".

Doch als der Erste Weltkrieg ausbricht, muss auf Kriegsproduktion umgerüstet werden. Die Audi-Werke bauen nun Minenwerfer und Panzerwagen für die Front. Horch entwickelt gemeinsam mit drei Dutzend anderen Experten den A7 - ein 32 Tonnen schweres Monstrum mit zwei 100-PS-Motoren. Die deutsche Anwort auf die gepanzerten Kettenfahrzeuge, die die Briten seit 1916 einsetzen. Horch wendet sich in den Kriegsjahren allerdings immer mehr vom Ingenieurs-Dasein ab. 1920 wechselt er bei Audi vom Vorstand in den Aufsichtsrat und zieht nach Berlin, um als Verkehrsgutachter für Behörden zu arbeiten. Er spürt, dass er mit der technologischen Entwicklung im Autobau als Selfmademan nicht mehr mithalten kann. Anfang der 20er-Jahre beginnt auch der Niedergang der Audi-Werke in Zwickau.

Außergewöhnliche Projekte

Neben der Autobranche versucht sich August Horch auch in anderen Geschäftsbereichen – mit bisweilen erheiternden Ergebnissen. 1929 gründet er zum Beispiel auf dem Distelberger Hof nahe seiner Heimatstadt Winningen eine Hühnerfarm. Er plant, die Eier per Seilbahn auf die andere Moselseite zu transportieren – allerdings ohne zu bedenken, dass es dort bereits Bauern gibt, die Eier verkaufen. Zudem hat Horch seine Hühner wohl schlecht ausgesucht, sie sind zur Hälfte unfruchtbar. Am Schluss bleiben 30.000 Reichsmark Schulden. In den 40er-Jahren scheitert ein weiteres Projekt: Der Handel mit eigenem Wein. Auch der rentiert sich nicht und Horch muss den Distelberger Hof verkaufen. Er mag ein genialer Konstrukteur sein, als Unternehmer versagt er.

Das private Dilemma

All die Jahre bleibt kaum Zeit für seine Frau Anneliese, die er in Leipzig kennengelernt und 1897 geheiratet hatte. Auf alten Fotos sitzt sie zwar zuweilen neben ihrem Ehemann im neuesten Auto-Modell, die meiste Zeit bleibt sie aber sich selbst überlassen. Sie bekommt Depressionen und wird zum Pflegefall. 1933 engagiert August Horch die ehemalige Berliner Opernsängerin Else Kolmar als Haushaltshilfe. Die sich daraus entwickelnde Affäre wird für die Halbjüdin in der anbrechenden Nazi-Zeit zum Rettungsseil. Nach dem Tod seiner Frau wird er die 33 Jahre jüngere Frau heiraten.

Gefeiert im Dritten Reich

Ausgerechnet die Nazis retten Horch vor dem völligen Ruin. Auf der Internationalen Automobilausstellung in Berlin im Februar 1933 fällt der Startschuss für den Reichsautobahnbau. Der Führer will den Wohlstand des Volkes künftig an der Länge seines Autobahnnetzes messen. Das Auto wird zum Fetisch und Horch als urdeutscher Unternehmer gefeiert. 1937 erscheint seine Autobiografie "Ich baute Autos". Sein 70. Geburtstag wird ein großes Ereignis, über das auch der Reichsrundfunk berichtet.

Flucht nach Kriegsende

Das Kriegsende erlebt Horch in Langenhessen bei Werdau, vor den sich mehrenden Bombenangriffen auf Berlin flüchtete er sich bereits 1941 in die sächsische Provinz. Nun fürchtet er, dass ihm die Wertschätzung der Nazis zum Verhängnis werden könnte. Im Juli 1945 flüchtet er erst nach Helmbrechts in Oberfranken, dann weiter nach Münchberg. Im Osten wird er mitverantwortlich gemacht für die unmenschliche Behandlung von Zwangsarbeitern in den Audi-Werken. In Zwickau soll ihm die 1939 verliehene Ehrenbürgerwürde aberkannt werdem. Er kommentiert von Münchberg aus: "Es gibt kein Sprichwort, das wahrer ist als 'Undank ist der Welten Lohn.'".

Unermüdlicher Schaffungsdrang

Indessen wandern hunderte Facharbeiter und Ingenieure von Sachsen nach Bayern ab. Denn in Ingolstadt wird im September 1949 die Auto-Union, der einstige Zusammenschluss aus Audi, DKW, Horch und Wanderer, neu gegründet - der Grundstock für die späteren Audi-Werke.

Als mitteloser Mann stirbt August Horch am 5. Februar 1951 im Alter von 82 Jahren in Münchberg mit den Worten: "Ich will leben, sind denn die Ärzte auch tüchtig?". Seinem Wunsch folgend wird er in seinem Heimatdorf Winningen beigesetzt.

Zuletzt aktualisiert: 21. August 2009, 22:19 Uhr

Anneliese Horch

Über Anneliese Horch, geb Schultz ist nicht sehr viel bekannt. Am 5. Oktober 1897 heiratet sie August Horch. Beide hatten sich in Leipzig kennengelernt. In seiner Autobiografie ist ihm die Trauung gerade einmal eine kurze Notiz wert. Auf Fotos sitzt Anneliese zwar zuweilen neben ihrem Ehemann im neuesten Auto-Modell, die meiste Zeit bleibt sie aber sich selbst überlassen.

Die Horchs adoptieren die Waisen Eberhard & Liselotte – so hat Anneliese wenigstens eine Aufgabe.

Doch schon bald bekommt sie schwere Depression, andere körperliche Gebrechen kommen hinzu. Sie wird zum Pflegefall. 1938 erblindet sie und ist nahezu bewegungsunfähig. Horch gibt seine Frau in ein evangelisches Pflegeheim, wo sie schließlich 1946 stirbt.

Else Kolmar

1933 engagiert August Horch die ehemalige Berliner Opernsängerin Else Kolmar (geb. Moll) als Haushälterin. Die geschiedene und alleinerziehende Künstlerin ist zu diesem Zeitpunkt 32 und soll Horchs Frau bei der Haushaltsführung unterstützen.

Schon bald verlässt ihr Verhältnis jedoch die Grenzen des rein Dienstlichen. 1948 heiratet August Horch sie schließlich.

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