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Vereinswechsel mit Folgen

Handgeld für Vereinswechsel

Offensichtlich funktionierte das System so gut, dass man damit auch, ganz diskret natürlich, bei begehrten Spielern Werbung für den Verein machen konnte. Um solche lukrativen Angebote wahrzunehmen, brauchte man allerdings eins: Insiderwissen. Im Gegensatz zu den Profis in der Bundesrepublik, die solche Geschäfte mit einem eigenen Management abwickeln konnten, vertraten sich die Amateurspieler zumeist selbst. Wer von Jena begehrt und umworben wurde, bekam auch entsprechende Offerten, wie der ehemalige Fußballer Lutz Lindemann heute berichtet. Insider verrieten dem Erfurter Spieler, dass er seine Karriere bei Jena richtig ankurbeln könne. Lindemann, der bereits sieben Jahre erfolgreich für Erfurt spielte, wollte hoch hinaus und vor allem international spielen. So folgte er auch einer Einladung des Co-Trainers vom FC Carl Zeiss Jena.

"Ich wurde eingeladen in sein Haus mit dem Blick über Jena und mit dem Spruch: 'Wenn du hier ein paar Jahre spielst, gehört dir auch so ein Haus.'"

Lutz Lindemann, ehemaliger Fußballspieler

Mit einem Trabant voller Früchte, die ebenfalls vom Club kamen, machte sich Lindemann auf den Weg nach Erfurt. Wie er heute berichtet, vermittelte man ihm den Eindruck, dass das in Jena ständig so ist. Er wechselte und bekam dafür ein sogenanntes Handgeld von 15.000 Mark. Zwar kannte er kleinere Beträge von 150 oder 300 Mark für einen Vereinswechsel, aber diese Summen waren ihm neu.

Der Historiker Micheal Kummer bestätigt ebenfalls, dass es seit den frühen 1950er-Jahren Belege für "Handgeld" gibt. Für die 1980er-Jahre kann man von Summen um die 50.000 Mark sprechen, so Kummer. Auch hier legte sich der Schleier des Schweigens über die Praxis, denn der Großteil der Fußballer wechselte den Verein nicht und wer nicht wechselte, der wusste auch nichts vom Handgeld.

Erfurt und Jena: Beginn einer Feindschaft

Für die Erfurter Fans war der Wechsel von Lutz Lindemann 1977 nach Jena pures Dynamit! Zu oft schon hatte sich Jena beim Kader des benachbarten Erfurter Clubs bedient. Flugblätter wurden verteilt und ganze Parteikollektive drohten mit dem Austritt, doch es half alles nichts. Erzfeind Jena bekam sogar Rückendeckung aus Berlin. Als Schwerpunktclub würde Jena genau Lindemann gut gebrauchen.

"Es gab im Großen und Ganzen bis in die Mitte der 80er-Jahre keine Chance, dagegen etwas zu tun. Das ist so der Beginn der erbitterten Feindschaft vieler Erfurter Fans gegenüber dem Jenaer Club."

Michael Kummer

Lutz Lindemann rückte sofort in die Nationalmannschaft auf, deren Trainer die alte Jenaer Legende Georg Buschmann war. Lindemanns Traum vom internationalen Parkett hatte sich erfüllt. Wenn jedoch der Carl Zeiss Jena gegen Rot-Weiß Erfurt auflief, dann ging es auch nicht spurlos an ihm vorüber.

"Wenn da 20.000 singen: 'Gelb-Weiß-Blau - Lindemann - du Sau!', dann hast du dir schon die Frage gestellt, was hast du jetzt verbrochen?"

Lutz Lindemann

Das Prämienkarussell des FC Carl Zeiss Jena drehte sich weiter und weiter. Als der Club 1981 zum ersten und einzigen Mal ins Finale des Europapokals einzog, ließ der Generaldirektor eine Rekordsumme von 20.000 Mark pro Spieler überreichen. Aber wohin mit dem Geld? Denn auf die Sparkasse konnte man es nicht bringen, das wäre aufgefallen, so Lutz Lindemann heute. Ein Treppenwitz, dass die Jenaer Spieler, wie viele, die nicht legal zu so viel Geld gekommen waren, meistens auf ihren Geldscheinen sitzen bleiben mussten. 32 Jahre später beendet Lutz Lindemann seine Karriere, gerade zu dem Zeitpunkt, als die "Jenaer Verhältnisse" republikweit fleißig kopiert werden, auch in Erfurt.

Zuletzt aktualisiert: 22. August 2012, 16:28 Uhr

Buchtipp

Michael Kummer:

"Die ungleichen Bedingungen des FC Rot-Weiß Erfurt und FC Carl Zeiss Jena in der DDR"
Tulpe-Verlag Eisenach 2012,
ISBN: 978-3-940292-70-4

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