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GMD - Das Magazin | MDR FERNSEHEN | 05.06.2012 | 21:15 Uhr : Fußball-EM: Ein Blick auf das deutsch-polnische Verhältnis

Am kommenden Sonnabend bestreitet die deutsche Elf das erste Gruppenspiel der Europameisterschaft in Polen und der Ukraine gegen die portugiesische Auswahl. Nicht nur deutsche Fans drücken "unseren Jungs" die Daumen. Im Team sind schließlich Lukas Podolski und Miroslav Klose - und deren familiäre Wurzeln liegen in Polen. Für "Geschichte Mitteldeutschlands - Das Magazin" Anlass genug, um über die politisch und kulturell versöhnende Kraft des Fußballs nachzudenken.

Die Spieler der deutschen Nationalmannschaft haben viele unterschiedliche Wurzeln. Aus ganz Europa kamen sie mit ihren Familien einst in die Bundesrepublik. In wenigen Tagen werden sie mit dem Bundesadler auf der Brust bei der Europameisterschaft auflaufen. Für zwei Spieler wird es eine ganz besondere EM, ein Turnier in der Heimat sozusagen: Die Stürmer Lukas Podolski und Miroslav Klose sind beide in Schlesien geboren. Als Spätaussiedler kamen sie mit ihren Familien in den 1980er-Jahren in die Bundesrepublik.

Die Region Schlesien

Die Region Schlesien liegt im Herzen Europas. Man kann ihre bewegte Geschichte unterschiedlich erzählen, aus politischer, wirtschaftlicher oder kultureller Sicht. Schlesien war stets umkämpft und die meiste Zeit seiner Existenz beherrscht von fremden Herren. Vor allem in der jüngeren deutsch-polnischen Geschichte wurde es zum Zankapfel der Mächtigen, unter deren Entscheidungen meist die einfache Bevölkerung zu leiden hatte. Bereits im 13. Jahrhundert begann die Besiedlung des Gebietes mit Deutschen. Nach dem Ersten Schlesischen Krieg 1742 fiel der größte Teil an Preußen. Der südliche Teil blieb bei Böhmen und wurde als Österreichisch-Schlesien bezeichnet. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Region dem polnischen Staat eingegliedert. Die vielen äußeren Einflüsse machten das Gebiet angrenzend an die Lausitz, Böhmen und Mähren, aber auch zu einem Landstrich mit einer unverwechselbaren kulturellen Vielfalt.

Exkurs: Stürmer Ernst Willimowski

Dem Schmelztiegel Schlesiens entsprang bereits Anfang des letzten Jahrhunderts ein berühmter Fußballer, wie Podolski und Klose heute war er ein umjubelter Stürmer: Ernst Willimowski spielte Anfang der 1920er-Jahre beim 1. FC Kattowitz, dem Club der deutschen Minderheit.

Zur selben Zeit wurde Schlesien unter polnische Verwaltung gestellt. Das war vorerst kein Problem für Willimowski, der nun in einem polnischen Verein - Ruch Wielkie Hajduki - Karriere machte, man kannte sich ja bestens untereinander. Mit 17 Jahren wurde er in die polnische Nationalmannschaft berufen, die er bei der Weltmeisterschaft 1938 mit seinen Toren bis ins Achtelfinale führte.

"Er hatte die Statur von Uwe Seeler, er hatte die Drehmomente, die Gerd Müller zu eigen waren und außerdem war er ein Schlitzohr. Ich habe ihn selbst noch spielen gesehen. Ein Weltmeister im Ausnützen jeder Torchance."

Herbert Zimmermann, Sportreporter

Doch mit Hitlers Überfall auf Polen 1939 brach auch über Schlesien das Unheil des Nationalsozialismus herein. Das Fußballspielen wurde den Polen verboten. Willimowski selbst sollte für die deutsche Nationalmannschaft spielen und galt deswegen nach Kriegsende als Verräter in seiner polnischen Heimat. Entwurzelt und zwischen den neuen Fronten blieb er nach Kriegsende in Deutschland, zunächst in Chemnitz, später ging er in den Westen, wo er noch ein paar Jahre kickte. In einer Nationalmannschaft spielte er jedoch nie wieder und nach wenigen aktiven Jahren wechselte er auf die Trainerbank.

Der Zweite Weltkrieg und der Terror der Nationalsozialisten sind das dunkelste Kapitel im deutsch-polnischen Zusammenleben in Schlesien, der das Verhältnis auch nach dem Kriegsende lange Jahre belastete. Der Großteil des ehemaligen Schlesiens gehörte nach 1945 zur neuen Volksrepublik Polen. Deutsches Brauchtum, auch die deutsche Sprache sollten nun bis zum Zusammenbruch des Ostblocks in den 1990er-Jahren in Schlesien verboten bleiben.

Buchtipp:

Thomas Urban
"Schwarze Adler, weiße Adler.
Deutsche und polnische Fußballer im Räderwerk der Politik"
191 Seiten,
Göttingen: Verlag Die Werkstatt 2011,
ISBN: 978-3-89533-775-8

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