Geschichte Mitteldeutschlands : Meine Geschichte: Bodo Welker und der vertraute Feind
Das Schicksaal von Hans Bodo Welker steht für das vieler junger Männer seiner Generation: ein Wechselbad zwischen nationalsozialistischer Ideologie, eingebrannten Feindbildern und persönlichen Erfahrungen im Krieg und in der Nachkriegszeit. Er hat seine ganz persönlichen Erlebnisse aufgeschrieben und berichtet in "Geschichte Mitteldeutschlands - Das Magazin" von den Wirren des Kriegsendes und wie aus alten Feinden neue Freunde wurden.
Hans Bodo Welker blickt vollkommen verstört und starr in den Lauf einer Pistole. Er soll ein Aufständischer sein und mit denen geht die Rote Armee kurz nach dem Einmarsch nicht zimperlich um. Zu klar scheinen die Erinnerungen auch noch bei den Kavalleristen von dem zu sein, was sie im Krieg erlebten, was sie auf ihrem langen Weg nach Deutschland gesehen hatten. Sollte aber deswegen ein Offizier einen 15-jährigen Jungen auf freiem Feld und ohne jegliche Kampfhandlung erschießen?
Der Offizier lenkte ein, aber ohne ordentliches Dokument ließ er den Jungen nicht laufen. Zu wirr schien die Lage zum Kriegsende und in den ersten Tagen nach der Kapitulation zu sein. Versprengte Einheiten und verblendete Hitlerjungen trieben immer noch ihr Unwesen, obwohl der Krieg schon längst vorbei war. Mit seinem Freischwimmerzeugnis wies sich Bodo Welker vor dem Offizier aus und der jagte ihn davon. Dies war eines der prägendsten Ereignisse, die der junge Mann aus Halle an der Saale während des Krieges verarbeiten musste.
Aufwachsen im Nationalsozialismus
Hans Bodo Welker wuchs in Halle auf und besuchte das Stadtgymnasium. Wie viele andere steckte auch er mitten in der nationalsozialistischen Erziehungsmaschinerie: Jungvolk, Hitlerjugend. Als der Schulbetrieb nicht mehr aufrecht erhalten werden konnte, meldete er sich freiwillig zur Marine. Als Kadett schickte man ihn mit anderen Halbwüchsigen zur Ausbildung nach Dänemark - der erste Einschnitt in einem sonst so behüteten Leben. Bei einer Ruderübung gerät er mit anderen Kadetten in das Visier eines englischen Tieffliegers. Vermutlich sieht der Pilot, wer da in seinem Fadenkreuz ist und lässt schließlich von den jungen Männern ab.
Mit einem Mal zerplatzt die Blase von Heldentum und Kriegslust, die den jungen Männern anerzogen wurde. Bodo Welker verlässt Dänemark mit der Hoffnung, heil aus diesem Krieg herauszukommen. Der Glaube daran, dass es auch Menschlichkeit unter Feinden geben kann, begleitet ihn fortan durch den Krieg. Zum Kriegsende findet er Unterschlupf auf einem Landgut bei Verwandten in Mecklenburg. Dort erlebt er den Einmarsch der Roten Armee und muss mit ansehen, wie ein junges Mädchen vergewaltigt wird. Wo ist die Menschlichkeit geblieben?
Als Bodo Welker kurz darauf nun selbst knapp der Erschießung entgeht, scheint für den jungen Mann die Hoffnung auf Menschlichkeit zwischen Feinden vergebens gewesen zu sein. Bald darauf kann er zu seiner Familie nach Halle zurückkehren und erlebt dort, wie sein Vater als Spion von der neuen Besatzungsmacht verhaftet wird. Erst als der vermeintliche Feind in die elterliche Wohnung einquartiert wird, wendet sich das Blatt. Nachdem sich seine Mutter in den Kriegstrümmern schwere Knochenbrüche zugezogen hatte, ist es der einquartierte Leutnant Victor, der wieder die ersehnte Menschlichkeit zurück bringt.
Aus dem vermeintlichen Feind wird ein Freund, der die Familie in der schweren Nachkriegszeit unterstützt. Drei Jahre nach seiner Verhaftung kehrt auch der Vater zurück zur Familie. Bodo Welker schwört sich, sein Leben in den Dienst der Menschen zustellen. Er will fortan Menschen zusammenbringen, damit aus ihnen nie wieder Feinde werden. Als Dolmetscher arbeitete er Jahrzehnte im internationalen Luftverkehr und konnte so ein kleines Stück dazu beitragen, Menschen aus aller Welt näher zusammenzubringen.
