Geschichte Mitteldeutschlands | Mit Video : Meine Geschichte: Bobbahnbauer Udo Gurgel
Udo Gurgel ist der Mann hinter den Rekorden: Der studierte Ingenieur baute die Hälfte aller Bobbahnen der Welt. Die Kunsteis-Pisten von Altenberg, Calgary, Lillehammer, Nagano, Salt Lake City und Turin gehören zu den Meisterstücken des Leipzigers. Bei "GMD - Das Magazin" spricht er über seine Karriere und die Gratwanderung zwischen Sicherheit und Geschwindigkeit.
Der gebürtige Schweriner und Wahl-Leipziger Udo Gurgel besucht noch heute eines seiner Meisterwerke, die Bob- und Rodelbahn Altenberg. Sie gilt immer noch als die schwierigste Bahn der Welt.
Ebenso schwierig war auch der Weg zum Bau, denn man musste bei der Konstruktion der neuen Kunsteisbahnen wie so oft von vorne anfangen.
Bereits bei der Errichtung der ersten Rennrodelbahn 1968 im thüringischen Oberhof war Gurgel als Bauingenieur dabei. Erst 1963 hatte er sein Ingenieursstudium in Cottbus abgeschlossen und sich die ersten Sporen als Konstrukteur verdient, als er in das Geschäft um Kunsteis und Rekorde einstieg.
Auf Vorlagen oder fertige Lösungen konnten die Bob-Bahnbauer der ersten Stunde jedoch nicht zurückgreifen. Bis dato gab es nur Natureisbahnen, die aber Ende der 1960er-Jahre durch das Kunsteis abgelöst wurden.
Der erste Computer gestützte Entwurf einer Bobbahn für Oberhof
Die Ingenieure um Udo Gurgel waren nicht nur jung, sie gingen auch ganz neue Wege: Sie entwickelten ein eigenes Computerprogramm. So konnte 1970 die weltweit erste am Computer entworfene Rennrodelbahn in Oberhof eingeweiht werden. Die Feuertaufe für die Ingenieure war bestanden. Der Bob- und Rodelsport in der DDR entwickelte sich zusehends und gewann auch international an Bedeutung. 1980 kam der nächste Auftrag für den Bobbahnpionier, jedoch von einem ganz besonderen Auftraggeber.
Das Ministerium für Staatsicherheit wollte für den hauseigenen Sportverband Dynamo perfekte Trainingsbedingungen schaffen, um international den Anschluss nicht zu verlieren. Die Anforderungen an die Bahn kamen direkt aus Berlin und das Projekt war selbstverständlich streng geheim. Nicht mal dem Konstrukteur Gurgel war es gestattet, Fotos vom Bau zu machen. Der Geheimhaltung und den damit widrigen Planungsbedingungen war es wohl geschuldet, dass die Bahn nach der Fertigstellung nochmal überarbeitet werden musste. Dennoch wurde sie weltbekannt und mit ihr Udo Gurgel und seine Männer.
Altenberg als Durchbruch in die internationale Welt des Bob-Bahnbaus
In der Szene hatte sich Gurgel mit der Bahn in Altenberg einen Namen gemacht, so dass er den bis dato größten internationalen Auftrag erhielt: den Bau der Bobbahn für die Winterspiele 1988 in Calgary. Er wurde herzlich empfangen, wie er heute berichtet, man befand sich mit den Kanadiern auf einer Augenhöhe. Die Frage, ob er nie daran gedacht habe die Chance zu nutzen und sich in den Westen abzusetzen, verneint er heute. Die Familie im Stich zu lassen, wäre für ihn nicht in Frage gekommen und Bobbahnen "Made in GDR" waren mittlerweile weltweit begehrt.
Fast parallel zu der Bahn in Calgary liefen die Arbeiten für eine Rodelbahn im lettischen Sigulda an, Austragungsort unzähliger Weltmeisterschaftsläufe. Für Udo Gurgel begannt ein Leben auf Baustellen und im Flugzeug. Mit der Anfrage für den Bau der Olympiabahn für die Olympischen Winterspiele 1994 im norwegischen Lillehammer schien er auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Doch dann kam die Wende und mit ihr der Wegfall seines staatlichen Arbeitsgebers. Der Ingenieur hatte nun die Wahl, seine Arbeit abzubrechen oder den Sprung in die Marktwirtschaft zu wagen. Tatsächlich beendete er mit Zustimmung der Norweger als Privatmann die Arbeiten an seiner zweiten Olympiabahn.
Zweite Karriere nach der Wende
Das war der Startpunkt seiner zweiten Karriere: 1993 gründete er ein Ingenieurbüro. In einem Leipziger Hinterhaus entwarf er mit einem Team aus drei Leuten nicht nur Garagen und Brücken. Seine alte Leidenschaft ließ Gurgel nicht los, er spezialisierte sich mehr und mehr auf Entwurf, Planung und Berechnung seiner Bahnen. Auftraggeber waren nun Sportverbände, für die er die olympischen Eiskanäle von Nagano, Salt Lake City, Turin und Whistler entwarf.
Der Sport, sagt Udo Gurgel, will immer weiter. Auch wenn Verbände und Auftraggeber das Profil und damit die Geschwindigkeiten einer jeden Bahn bestimmen, gerät er bei tödlichen Unfällen wie 2010 in Vancouver ins Grübeln. Ans Aufhören denkt er nicht, die Liste der Projekte des Bobbahnpioniers scheint noch lange nicht abgeschlossen: Zurzeit arbeitet er an der Olympiabahn von Sotschi. Diese, so heißt es, wird aber aus dem Geschwindigkeitsrausch der letzten Jahre aussteigen, spannend wird es bei den Wettkämpfen dort aber dennoch ganz sicher werden ...
