Meine Geschichte

Meine Geschichte : Verlorene Kindheit

Die Schwestern Luise und Josefine Schönemann hatten in der ehemaligen DDR eine unbeschwerte Kindheit. An einem Novembermorgen 1984 sollte sich jedoch alles ändern. Vater und Mutter, beide bekannte DEFA-Regisseure, wurden von der Staatsicherheit verhaftet. Für die damals sechs und zehn Jahre alten Mädchen bedeutete die Trennung von ihren Eltern und deren ungewisses Schicksal auch das Ende ihrer Kindheit ...

Es war ein Novembermorgen im Jahr 1984, der sich wie ein grauer Schleier über die Kindheit der beiden Schwestern Josefine und Luise legte. Mit einem Mal war alles vorbei, die unbeschwerte Kindheit und das Familienglück mit den Eltern Hans und Sybille.

Von einem Riss sprechen die beiden nun erwachsenen Frauen, wenn sie an den Ort des Geschehens in die Potsdamer Jägerallee zurückkehren: Sie waren sechs und zehn Jahre alt, als ihre Eltern an diesem Morgen von der Staatssicherheit verhaftet wurden. Bis dahin ahnten vermutlich auch Hans und Sybille Schönemann nicht, dass so etwas je passieren könnte.

Männer in langen Mänteln und mit Hüten

Hans und Sybille Schönemann arbeiteten als Regisseure bei der DEFA, schon zu Studienzeiten wurden sie für ihren Stil sowohl gelobt als auch getadelt. Nachdem aber ihre Filmvorschläge immer öfter abgelehnt wurden und sie faktisch nicht mehr in ihrem Beruf arbeiten konnten, entschlossen sie sich, die Ausreise aus der DDR zu beantragen.

Die Konsequenz daraus zog die Staatssicherheit. Und bald darauf pochten Männer in langen Mänteln und mit Hüten bei den Schönemanns an die Tür. Eine solche Szene kannten die beiden Mädchen nicht einmal aus Filmen. In ihrer Welt kam so etwas einfach nicht vor. Auch der Hinweis der Eltern auf die beiden Kinder hielt die Stasi-Leute nicht davon ab, sie mitzunehmen. Hastig drückte der Vater seiner älteren Tochter Josefine noch einen Zettel mit der Telefonnummer der Oma in die Hand. Ein Hilferuf.

"'Du musst sofort die Oma anrufen. Sag ihr nur: Sie soll sofort hierher kommen.' Dann hat er mir die Faust zugedrückt und ich bin los zur Schule und wollte unterwegs zur Telefonzelle."

Josefine Schönemann

Wechselbad der Gefühle

Wohin man ihre Eltern brachte und wie lange sie von ihnen getrennt sein würden, wussten die Mädchen damals nicht. Fortan lebten Josefine und Luise bei ihrer Großmutter und bei der Tante. Ihr Elternhaus betraten sie nach diesem Morgen nicht wieder. Erst drei Monate später erfuhren die Mädchen ganz beiläufig, dass ihre Eltern tatsächlich verhaftet worden waren.

"Ich hatte nicht mal gewusst, dass es so etwas in der DDR überhaupt geben kann, also ich war voll überzeugt, dass wir im friedlichsten, freundlichsten, besten Land der Welt leben, wo es einfach gar keine bösen Menschen gibt. Dass die plötzlich zu uns nach Hause kommen …"

Josefine Schönemann

Oma und Tante erzählten ihnen zwar, dass ihre Eltern in den Westen ausreisen wollten, mehr jedoch nicht. Dass sich ihre Eltern bei der DEFA diskriminiert und benachteiligt fühlten und diese Umstände auch für ihren Ausreiseantrag geltend gemacht hatten, erfuhren die Mädchen erst viel später.

Inzwischen waren Hans und Sybille Schönemann wegen "Beeinträchtigung staatlicher Tätigkeit" zu zwölf Monaten Haft verurteilt worden. Aus der Haft erreichten die Kinder Briefe und Päckchen, die sie in ein Wechselbad der Gefühle stürzten. Einerseits bedeuteten sie ein lang ersehntes Lebenszeichen, anderseits signalisierten sie, dass die Eltern in Not waren, erinnern sich Josefine und Luise. Einmal schickte ihre Mutter zu Ostern ein selbst bemaltes Ei aus dem Gefängnis an ihre Töchter:

"Das war wie ein Dschungel mit tausend Tieren. Da muss sie Tage dran gesessen haben. Das war schmerzhaft für uns, so ein Ei zu bekommen. (...) Damit sagte sie uns: 'Ich vermiss' euch so sehr und ich leb' noch.'"

Josefine und Luise Schönemann

Buchtipp:

Anne und Susanne Schädlich (Herausgeber): "Ein Spaziergang war es nicht. Kindheiten zwischen Ost und West "
317 Seiten,
München: Heyne 2012,
ISBN: 978-3-453-20008-1

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