Personen

Wolfgang Kapp

(1858-1922)

Wolfgang Kapp kam am 24. Juni 1858 im New Yorker Exil seiner Eltern zur Welt. Der Vater, Friedrich Kapp, ein Revolutionär der 1848er und Beteiligter am Badischen Aufstand, war 1849 nach Amerika geflohen. Hier heiratete er seine Verlobte, die ihm aus Deutschland gefolgt war.

Im Gegensatz zu vielen anderen Emigranten, die sich bald in Amerika heimisch fühlten, blieben Friedrich Kapp und seine Frau Deutschland verbunden. Das Festhalten an der alten Heimat und der Glaube an die Gründung eines machtvollen nationalen deutschen Staates waren so auch Erziehungsgrundlage für den Sohn. "So wuchs dem in der Fremde geborenen Knaben ein gesteigertes Nationalgefühl zu; oft genug kehrte er mit blutigem Kopf aus der Schule oder von der Straße heim, wenn er sein Deutschtum betont, und der väterlichen Mahnung folgend, jeden Unglimpf mit der Faust abgewehrt hatte."

Nach der Rückkehr der Familie nach Deutschland 1870 war der Vater Abgeordneter der Nationalliberalen im Reichstag und Wolfgang Kapp besuchte das Friedrich-Wilhelm-Gymnasium in Berlin. Seinem Jurastudium in Tübingen und Göttingen folgte 1882 in Berlin die Promotion. Mit dem Beginn des Studiums trat er als Korpsstudent in die konservative Burschenschaft Hannovera ein, in der auch Bismarck Mitglied war. Damit trennten sich die Wege des liberalen Vaters und des nun in konservative Kreise eintretenden Sohnes.

Nach der Promotion und dem Referendariat als Regierungsreferent in Minden arbeitete er zwischen 1886 und 1890 als Hilfsarbeiter im Finanzministerium, bevor er Landrat in Guben wurde. 1884 hatte der 26jährige Kapp Margarete Rosenow, die Tochter eines Gutsbesitzers aus Preußisch-Eylau geheiratet, wodurch er in ostpreußische, agrarisch-konservative Interessenkreise gelangte, die seine zukünftige Karriere stark beeinflussen sollten. 1890 kaufte er selbst den Gutsbesitz Pilzen in Ostpreußen. In seiner Tätigkeit als Landrat fiel er durch seinen unermüdlichen persönlichen Einsatz auf. 1899 ins preußische Landwirtschaftsministerium berufen, unterstellte man ihm das Referat "Landarbeiterfrage". Hier galt er als "zäher Kämpfer" in Verhandlungen, besonders für den Umbau der Zoll- und Handelspolitik zugunsten der Landwirtschaft.

Während des Ersten Weltkrieges betraute ihn das Reichsministerium des Innern mit der Ausarbeitung von Kriegsversicherungen und der Vorbereitung der neuen wirtschaftspolitischen Phase Deutschlands, die dem Krieg folgen sollte. Die Grundannahme seines Denkens dabei war immer der Siegfrieden für Deutschland. Ab 1916 beteiligte er sich aktiv am Kampf gegen den Reichskanzler Bethmann-Hollweg und äußerte sich seit 1917 in mehreren Briefen an die Oberste Heeresleitung und den Großadmiral von Tirpitz über den Krieg und forderte einen härteren außenpolitischen Kurs. Er erläuterte ausführlich die fehlende Einsicht des Reichskanzlers bezüglich des von ihm geforderten uneingeschränkten U-Bootkriegs und bezeichnete England als den Todfeind, der mit allen Mitteln zu bekämpfen sei. Auf seine Initiative hin gründete sich im September 1917 in Königsberg die Deutsche Vaterlandspartei, deren Gründungsaufruf insgesamt 21 Persönlichkeiten unterschrieben. Die Partei genoss in den folgenden Monaten großen Zulauf, obwohl sie sich nicht als Partei im eigentlichen Sinn sah und auch keine Reichstagskandidaten aufstellte.

Das Kriegsende und die Niederlage Deutschlands waren für Kapp unfassbar. Die Schuld gab er, wie so viele konservative Politiker der damaligen Zeit, den Sozialdemokraten. Als Verfechter der Dolchstoßlegende verurteilte Kapp die so genannten Novemberverbrecher. Mit der neuen Regierung und Friedrich Ebert als Reichspräsidenten konnte er sich nicht identifizieren, sie widersprachen seinem Bild eines mächtigen deutschen Staates. Als die ihm verhasste Regierung dann den Versailler Vertrag unterzeichnete, mag er erste Putschpläne gefasst haben.

In General von Lüttwitz fand er einen Verbündeten. Als die bevorstehende Auflösung der Lüttwitz unterstellten Brigade Erhardt bekannt wurde, stellte dieser am 10. März 1920 der Regierung ein Ultimatum. Kapp forderte, die Regierung zu verhaften. Die reagierte mit elf Schutzhaftbefehlen, unter anderem gegen Kapp. Daraufhin besetzte die Brigade Erhardt das Regierungsviertel in Berlin und Kapp ernannte sich selbst zum Reichskanzler. Sowohl der zivile Staatsapparat und die Reichsbank als auch große Teile des Militärs lehnten aber eine Zusammenarbeit mit den Putschisten ab. Nach dem Beginn des Generalstreiks gab Kapp am 17. März 1920 auf. Über Brandenburg gelang ihm die Flucht nach Schweden, wo er um politisches Asyl bat. Nachdem die deutsche Regierung bekannt gegeben hatte, dass sie kein Auslieferungsgesuch stellen würde, erhielt Wolfgang Kapp von den schwedischen Behörden eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung, die ihn aber zwang, sich alle 14 Tage bei der örtlichen Polizei zu melden. Anfang Juli folgten ihm seine Frau und seine jüngere Tochter Anneliese ins Exil.

Als im Dezember 1921 der Hochverratsprozess vor dem Reichsgericht in Leipzig gegen v. Jagow, v. Wangenheim und Schiele, Kapps Verbündete im Putsch, begann, und v. Jagow zu fünf Jahren Festungshaft verurteilt wurde, entschloss sich Kapp, nach Deutschland zu kommen, um sich dem Gericht zu stellen. Er hatte aber keinesfalls vor, eine Schuld einzugestehen, vielmehr wollte er klarstellen, dass "das Märzunternehmen nicht Hochverrat gewesen" sei, denn "die Verbrecher am Volk und dem einst so strahlenden Vaterland" seien die Revolutionäre vom November 1918 gewesen.

Dazu sollte es jedoch nicht mehr kommen. Bei der im Gefängnis durchgeführten medizinischen Untersuchung hatte man hinter seinem linken Auge einen bösartigen Tumor festgestellt. Daraufhin wurde er in das städtische St. Georg Krankenhaus eingeliefert und wenige Tage später von seinem Schwiegersohn, einem ausgewiesenen Chirurgen, operiert. Die Operation verlief zwar erfolgreich, doch der Krebs hatte die inneren Organe bereits ergriffen. Am 12. Juni 1922 starb Wolfgang Kapp im Leipziger St. Georg Krankenhaus.

Zuletzt aktualisiert: 27. September 2010, 11:17 Uhr

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