Personen

Erich Emil Kästner

(1899-1974)

Ida Kästner und ihr Mann Emil stammten aus dem Raum Döbeln, waren seit 1892 verheiratet und kamen 1895 nach dem Bankrott ihres Döbelner Sattlergeschäftes nach Dresden. Mit der Übersiedlung wurde aus dem Vater ein Fabrikarbeiter, der sich stur weigerte, jemals wieder selbständig zu werden. Seine Frau Ida, die aus einer erfolgreichen Dresdner Fleischer- und Pferdehändlerfamilie stammte, empfand die Entwicklung ihres Mannes als Abstieg und sein resignierendes Verhalten trug nicht dazu bei, die Achtung seiner Ehefrau ihm gegenüber zu steigern. All ihren Ehrgeiz, ihre Wünsche und Hoffnungen übertrug die Mutter auf den nach siebenjähriger Ehe am 23. Februar 1899 geborenen einzigen Sohn.

Hinzu kam, dass Erich Kästners leiblicher Vater höchstwahrscheinlich der Hausarzt der Kästners, der 1933 nach Brasilien emigrierte jüdische Arzt Dr. Emil Zimmermann, war. Offenbar wussten nur sehr wenige etwas davon, schon gar nicht Emil Kästner und vermutlich auch nicht der leibliche Vater selbst, zu dem keine weiteren Beziehungen bestanden. Falls Erich Kästner jemals etwas darüber erfahren hat, was vermutet werden kann, so verband dieses gemeinsame Geheimnis Mutter und Sohn noch mehr und erklärt einerseits die Ablehnung des nach ihrer Meinung zu passiven Ehemannes durch Ida Kästner und andererseits die Gleichgültigkeit des Sohnes gegenüber Emil Kästner, zumindest bis zum Tod der Mutter.

Fortan unterließ die Mutter keine Anstrengungen, die der Bildung und Erziehung des Sohnes dienten. Zunächst bedeutete dies die Erhöhung des Kästnerschen Einkommens, denn der Lohn des "offiziellen" Vaters reichte nur für den normalen Lebensunterhalt. Zuerst wurde ein Zimmer untervermietet, dann lernte Ida Kästner mit 34 Jahren Frisieren und eröffnete im Schlafzimmer der Familie ein Frisiergeschäft, in dem der Sohn gelegentlich mithalf. Unverkennbar sind hier die Parallelen zu der Situation in "Emil und die Detektive".

Die Untermieter der Familie waren stets Lehrer, bei denen sich Mutter Kästner Anregungen zur Förderung ihres Sprösslings holte. Auf dessen Zeugnissen fanden sich regelmäßig nur Einsen und so trat er mit dreizehn Jahren zur Aufnahmeprüfung für die Übergangsklasse von der Bürgerschule zum Lehrerseminar an und bestand diese glänzend. Nach einem Jahr war er Schüler des Fletscher’schen Lehrer-Seminars in Dresden. Die Ausbildung wurde zwar vom Staat mitfinanziert, aber den größten Teil der Kosten trug die Mutter. Sie führte Erich ins Theater, lernte Radfahren und Schwimmen, um es dem Sohn beizubringen und unternahm mit ihm ausgedehnte Wanderungen. Von all diesen gemeinsamen Aktivitäten blieb der "offizielle" Vater stets ausgeschlossen.

Obwohl seine Mutter es gern gesehen hätte, wenn ihr Erich den Lehrerberuf ergriffen hätte, unterstützte sie ihn in seinem Wunsch zu studieren. Kästner wurde Hospitant am König-Georg-Gymnasium, an dem er 1919 das Abitur glanzvoll bestand.

Im Wintersemester 1919/20 begann das Studium in Leipzig. Erich Kästner hörte Germanistik und Theatergeschichte, außerdem Philosophie und Geschichte. Bedingt durch die Nachkriegsprobleme und die Inflation wurde diese Zeit für Kästner zu einem Gemisch aus Studium und Broterwerb. Für sein Stipendium bekam er bald nur noch ein paar Schachteln Zigaretten und so arbeitete er während der Leipziger Messe und als Buchhalter bei der städtischen Baugesellschaft. Außerdem war er bei Germanistikprofessor Albert Köster Famulus und schrieb für das Zeitungswissenschaftliche Institut, das er besuchte, Theaterkritiken. Die dortige Lehrkraft, Dr. Morgenstern, ein namhafter Leipziger Theaterkritiker, schickte seine Studenten in Erst- und Uraufführungen und forderte, dass noch in derselben Nacht die Kritiken an ihn gesandt werden, damit sie von der Tagespresse völlig unbeeinflusst blieben. Trotz des Mammutprogramms schrieb Kästner auch noch "für sich". Eine an das "Leipziger Tageblatt" gesandte satirische Glosse über die Geldentwertung (Max und sein Frack) führte zu seiner sofortigen Verpflichtung als Redakteur. Damit war Kästner in wirtschaftlich angespannter Zeit problemlos der Schritt in die finanzielle Selbständigkeit gelungen.

1925 promovierte der 26jährige mit der Arbeit "Friedrich der Große und die deutsche Literatur. Die Erwiderung auf seine Schrift ‘De la littérature allemande’" zum Dr. phil. Obwohl der Sohn nun relativ gut verdienender Redakteur war, blieb das "Wäscheband" zwischen Mutter und Sohn zeitlebens bestehen. Seit Kästners Auszug schrieben Mutter und Sohn sich fast täglich und die immer nach Hause gesandte Wäsche bedeutete für Ida Kästner die nicht zu unterbrechende Bindung zu ihrem Sohn. Selbst als sie hörte, dass der Sohn 1944 in Berlin ausgebombt war, fuhr sie mit dem Zug von Dresden nach Berlin und brachte ihm die Wäsche.

Leider endete die Leipziger Zeit durch die Veröffentlichung von Kästners Abendlied des Kammervirtuosen in der "Plauener Volkszeitung" und den daraufhin von missgünstigen Mitarbeitern der eigenen Zeitung provozierten Skandal jäh. Er wurde entlassen und traf im September 1927 in Berlin ein.

Hier erfuhr Kästner einen fast märchenhaften Aufstieg. Seine Gedichte, Essays und Kritiken wurden in renommierten Zeitungen, wie der Weltbühne, dem Tagebuch, der Vossischen Zeitung, dem Berliner Tageblatt, dem Montag Morgen, den Dresdner Neuesten Nachrichten und anderen veröffentlicht und gestatteten ihm ein Leben als freier Schriftsteller und Publizist, der die Berliner Café-, Kneipen- und Kleinkunstkultur in vollen Zügen genießen konnte.

Ab 1928 erschienen in schneller Folge die Bücher, die Kästners Namen endgültig zum Begriff machten: die Gedichtbände, das Hör- und Bühnenstück “Leben in dieser Zeit“, der Roman „Fabian“ und vor allem die Kinderbücher. Im Jahr darauf legte Kästner „Emil und die Detektive“ vor, was zunächst als Buch und 1930 als UFA-Film ein großer Erfolg wurde und seinen Verfasser berühmt machte. Andere erfolgreiche Kinderbücher, die zum Teil verfilmt wurden oder Vorlagen für das Theater lieferten, folgten.

Während in Kästners Gedichten Gesellschaftssatire, die individuelle Fehlhaltungen und gesellschaftliche Mängel aufdeckt, den Grundtenor bildete, zeigten die Kinder- und Jugendbücher eine heile oder zumindest heilbare Kinderwelt. Dies führte zu der teilweise berechtigten Kritik, dass in Kästners Kinder- und Jugendliteratur geradezu eine Idyllisierung der Zustände stattfände und auch schwerwiegendste ökonomische und soziale Konflikte auf wunderbare Weise durch sympathische Millionäre schlagartig gelöst werden. Aber die Literatur für die jüngere Generation war für Kästner nicht nur Gelegenheit zur Inszenierung der heilen Welt, sondern der "verhinderte Lehrer" sah sie auch als seine pädagogische Pflicht an, weil für ihn Erziehung das einzig legitime Mittel darstellte, auf die Gesellschaft Einfluss zu nehmen.

Die erfolgreichste Zeit im Leben Kästners nahm 1933 ein jähes Ende: Mit den Worten: "Gegen Dekadenz und moralischen Zerfall! Für Zucht und Sitte in Familie und Staat! Ich übergebe den Flammen die Schriften von Heinrich Mann, Ernst Glaeser und Erich Kästner!" hatte Goebbels auch Kästner, Mitglied des Schutzverbandes Deutscher Schriftsteller und des PEN-Clubs, zum verbotenen Schriftsteller erklärt; 1934 wurde sein Konto gesperrt und er für einige Tage verhaftet, zwar verhört, aber wieder frei gelassen.

Sein Verbleib in der Heimat sollte weder verurteilt noch heroisiert werden. Für ihn ergab sich daraus der Verzicht auf die Wirksamkeit als zeitkritischer Schriftsteller. Unterbrochen wurde die künstlerische Zwangspause durch ein überraschendes Angebot zum 25jährigen Bestehen der UFA 1942, das Drehbuch für den Jubiläumsfilm zu schreiben. Kästner schlug die Verfilmung der Abenteuer Münchhausens vor und schrieb unter dem Pseudonym Berthold Bürger das Drehbuch. Das Engagement Kästners muss mit Goebbels abgestimmt gewesen sein, aber der Reichsfilmintendant Fritz Hippler blieb die einzige amtliche Person, die sich im Zusammenhang mit der Sondergenehmigung für Kästner nennen und sehen ließ. Mit Hans Albers in der Hauptrolle und Josef von Baky als Regisseur, der 1950 auch "Das doppelte Lottchen" drehen sollte, wurde der Film ein großer Erfolg mit ebenso großen Folgen für Kästner: Hitler bekam einen Tobsuchtsanfall, als er hörte, dass ein "verbrannter" Schriftsteller für das Drehbuch verantwortlich war und verhängte nun über Kästner ein radikales Schreibverbot.

Das Kriegsende erlebte Kästner in Mayrhofen im Zillertal-Österreich, wohin er im März 1945 mit seiner Kollegin und Lebensgefährtin Luiselotte Enderle geflüchtet war. Wegen der Flucht und der nachfolgenden Wirren hörten seine in Dresden gebliebenen Eltern fast ein Jahr nichts von ihm. Das zerschnittene "Wäscheband" nahm der Mutter Lebenssinn und -freude, sie konnte nicht mehr per Post an dem teilnehmen, was das Leben des Sohnes ausmachte. Eine sich bis zu ihrem Tod 1951 steigernde geistige Umnachtung ließ sie ihren Sohn nur noch bei seinem ersten Nachkriegsbesuch 1946 in Dresden erkennen.

Da Kästner in gewisser Weise ein Vertreter des "anderen" Deutschlands war - er war weder emigriert noch hatte er sich kompromittieren lassen, fasste er im Nachkriegs-München, dem damaligen Treffpunkt für Künstler und Schriftsteller, schnell Fuß. Vom Herbst 1945 bis Frühjahr 1947 leitete er die Feuilletonredaktion der Neuen Zeitung, dem Millionenblatt für die Westzonen. Außerdem war er zwischen 1946 und 1949 Herausgeber der Jugendzeitschrift Pinguin. Er blieb für den Rest seines Lebens in München. Ein Anschluss an die ganz großen Erfolge gelang ihm nur noch 1949 mit dem "Doppelten Lottchen", das 1950 verfilmt wurde.

1957 veröffentlichte er sein autobiographisches Buch "Als ich ein kleiner Junge war", bei dessen Entstehung ihm sein an seinem Leben sonst nie aktiv beteiligter "offizieller" Vater mit seinem hervorragenden Gedächtnis half, bevor dieser am Silvestertag desselben Jahres in Dresden starb. Ebenfalls im Dezember 1957 wurde Kästners einziger Sohn Thomas geboren, allerdings nicht von seiner langjährigen Lebensgefährtin Luiselotte Enderle, sondern von der wesentlich jüngeren Friedel Siebert, mit der er über Jahre hinweg ein Verhältnis hatte. Dies führte im Hause Kästner/Enderle zu schweren Zerwürfnissen. Der Frauenfreund Kästner blieb immer unverheiratet und war nie nur für eine Frau eingenommen. Seine Biographen suchten die Gründe dafür unter anderem in seinem fast ungesund engen Verhältnis zur dominanten Mutter.

Der in der Nachkriegszeit vor allem durch seine Kinder- und Jugendbücher bekannte Autor, der jeden Brief an die Mutter mit "Dein oller Junge" unterzeichnete, starb am 29. Juli 1974 in München an Speiseröhrenkrebs.

Zuletzt aktualisiert: 06. Dezember 2007, 14:40 Uhr

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