Personen

Ernst Keil

(1816-1878)

Am 6. Dezember 1816 kam in Langensalza Ernst Keil zur Welt. Als Gründer und Verleger der erfolgreichen Familienzeitschrift „Die Gartenlaube“ ist er heute nicht nur dem historisch interessierten Mitteldeutschen ein Begriff.

Die Idee, seine Zeitschrift „Gartenlaube" zu nennen, kam Ernst Keil 1852 während seiner Inhaftierung im sächsischen Landesgefängnis auf Schloss Hubertusburg. Hinter Gittern saß der Verleger wegen seiner früheren publizistischen Aktivitäten: Sein Eintreten für nationalstaatliche Ideen unter dem Einfluss der 1848er Revolution hatte ihm neun Monate Haft eingebracht. Und auch durch die von ihm redigierte, in seinem eigenen Leipziger Verlag erschienene Zeitschrift „Der Leuchtturm" machte er sich nicht gerade beliebt.

Weitaus mehr Aufsehen im Vergleich zum "Leuchtturm" erregte Keil jedoch mit der "Gartenlaube". Die am 1. August 1853 von Keil gegründete und als Familienblatt konzipierte Zeitschrift hatte sich spätestens 1883 mehr als etabliert. Es wurde das erfolgreichste Blatt seiner Art und zum Inbegriff eines Zeitgefühls. Nur wenigen Familien war sie unbekannt.

Keils Anspruch mit seinem Druckerzeugnis, breite Volksschichten zu erreichen und bildend auf sie einzuwirken, war durchaus nicht neu. Bereits um 1800 entstand mit der Pädagogik ein neues Wissensgebiet, das Reformen in Fragen der Erziehung und Familie für notwendig hielt. Auch die Neuhumanisten entsprachen den neuen Erfordernissen nach besserer Bildung mit ihrem Eintreten für Reformen im Schul- und Universitätssystem. Damit an die Stelle der unmündigen Masse das reflektierende Individuum treten könne, wurden auch Änderungen der Familienstruktur gefordert: Die Großfamilie ersetzte die Kernfamilie; das Aufgabenfeld der Mutter bestimmten die durchweg männlichen Pädagogen vollkommen neu, indem man ihr die psychische und physische Erziehung der Kinder und deren Alphabetisierung übertrug.

Die Literatur brachte den Bildungsroman hervor, der an Fallbeispielen demonstrierte, wie ein junger Mensch seine Individualität (er)findet. Kurzum, Bildung wurde zur zentralen Forderung des 19. Jahrhunderts, und dem entsprach eine stetig ansteigende Leserschaft, sowie ein explodierender Bücher-, Zeitungs- und Zeitschriftenmarkt. In diesem Umfeld, das nachträglich mit Namen wie Romantik, Biedermeier oder Realismus versehen, und mit Idealen wie Schwärmerei, Häuslichkeit und Gemütlichkeit gleichgesetzt worden ist, entstand Ernst Keils „Gartenlaube". So nimmt es denn heute auch wenig Wunder, wenn die Zeitschrift in der Familie den idealen Adressaten sah. Auch der Name der Zeitschrift wies darauf hin: Die Gartenlaube als Schauplatz unbeschwerter Geselligkeit, die einerseits der Wissensvermittlung diente und gleichzeitig Unterhaltung und Entspannung bot.

Federführend in der belehrenden Unterhaltung der „Gartenlaube" waren Autoren wie Eugenie Marlitt, Theodor Storm, Paul Heyse, Friedrich Spielhagen, Leopold von Sacher-Masoch, Wilhelm Raabe und Otto Ludwig, die dort mit zumeist belletristischen Themen aufwarteten. Für viele Romane, Erzählungen und Gedichte war dieses Blatt der Ort der Erstveröffentlichung. Und doch wollte Keil sie keineswegs als Literaturzeitschrift missverstanden wissen. Der Allgemeinbildung und immer wichtiger werdenden Wissenschaft zuliebe hatten auch technische und naturwissenschaftliche Artikel ihren festen Platz.

Außer den erfolgreichen Autoren und der Themenvielfalt hatte Keil eine Neuerung auf Lager, mit der der Leipziger Verleger bereits bei früheren publizistischen Schöpfungen wie dem erwähnten „Leuchtturm" reüssieren konnte: das Layout. Keil legte großen Wert auf die optische Gestaltung der Zeitschrift, insbesondere auf die Illustrationen - erst Holzschnitte und Zeichnungen, später Photographien. Allerdings, so seine Maxime, mussten Bild und Text in engster Beziehung zueinander stehen, damit nicht etwa der Eindruck einer willkürlichen Aneinanderreihung von Wort und Bild entstünde. Diese Verknüpfungen, die großen Anklang beim Lesepublikum fanden, führten auch dazu, dass die „Gartenlaube" der einzig ernstzunehmenden Konkurrenz auf dem Gebiet der gebildeten Volksblätter den Rang ablaufen konnte: Karl Gutzkows „Unterhaltungen am häuslichen Herd", die nur ein Jahr vor der „Gartenlaube" gegründet worden waren.

Mit dem Tod Ernst Keils am 23. März 1878 in Leipzig und der Übernahme der „Gartenlaube" durch den Kröner-Verlag änderte sich so manches. Nicht nur, dass die Auflagenzahlen sanken, auch die politische Einstellung des Blattes wandelte sich. Anfangs eine nationale und liberale Gesinnung vertretend, setzte sie sich während des Kulturkampfes für Bismarcks Politik ein. Am 30. September 1944 musste die „Gartenlaube", die im letzten Jahrzehnt ihres Bestehens den Namen „Neue Gartenlaube" trug, aufgrund kriegswirtschaftlicher Maßnahmen ihr Erscheinen einstellen.

Zuletzt aktualisiert: 24. August 2007, 16:26 Uhr

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