Personen

Lothar Ernst Paul Kreyssig

(1898-1986)

Lothar Ernst Paul Kreyssig kam am 30. Oktober 1898 im sächsischen Flöha zur Welt. Aufgewachsen in einem konservativen Elternhaus wurde der Jurastudent Kreyssig Mitglied einer schlagenden Verbindung. In seiner Referendariatszeit in Leipzig lernte er die Kaufmannstochter Johanna Lederer kennen, die er 1923 heiratete. Bald darauf kamen seine Söhne Peter, Jochen und Uwe zur Welt, 1939 schließlich Christoph.

Die Zeit bis 1928 nahm in seinen späteren Erinnerungen allerdings wenig Raum und Bedeutung ein, denn sie lag - als „vorgeburtliche Existenz" - vor dem Schnittpunkt seines Lebens, seiner Hinwendung zum Christentum.

Erst im Alter von 30 Jahren, nach dem Tod seines Vaters, begann Lothar Kreyssig, sich mit Theologie zu beschäftigen. Er begeisterte sich für die Heilige Schrift beim Lesen der schwärmerischen Werke Jakob Lorbers und stürzte sich mit Leidenschaft in den Glauben.

1934 trat Kreyssig der Bekennenden Kirche bei. Deren Mitglieder bestanden auf der freien Selbstbestimmung der Evangelischen Kirche und lehnten die Mitgliedschaft bei den nationalsozialistisch gleichgeschalteten Deutschen Christen ab. Kreyssigs Aktivitäten in diesem „Kirchenkampf" führten dazu, dass bereits im folgenden Jahr ein Verfahren gegen ihn eingeleitet wurde. Mit Betonung der herausragenden Fähigkeiten Kreyssigs als Richter endete dieses Verfahren für ihn jedoch zunächst folgenlos. Ende 1939 aber, Kreyssig war seit 1937 Amtsgerichtsrat in Brandenburg an der Havel, wurde wegen seiner Beteiligung an Tumulten zwischen Deutschen Christen und Mitgliedern der Bekennenden Kirche, dem „Kanzelkrieg", ein Dienststrafverfahren gegen ihn angestrengt, mit dessen Abschluss er 1942 in den Ruhestand versetzt wurde.

In den vorangegangenen Jahren als Richter hatte er sich immer wieder gegen die nationalsozialistische Justizwillkür gewandt. Die Judendiskriminierung wie die willkürliche Verfolgung politisch Missliebiger widersprachen seinem Empfinden der Rechtsgleichheit aller Menschen. Offen protestierte Lothar Ernst Paul Kreyssig gegen die Naziwillkür, nachdem er in seinem Amt als Vormundschaftsrichter von der auffälligen Häufung überraschender Todesfälle Geisteskranker erfuhr. Kreyssig wagte als einziger deutscher Richter einen mutigen Schritt: 1940 erstattete er Anzeige wegen Mordes gegen Reichsleiter Philipp Bouhler. Die Justiz ignorierte diese Anzeige, Kreyssigs nationalsozialistische Gegner sahen sich aber dadurch in ihren Zweifeln an seiner Treue zum Staat bestätigt.

Nach seiner Zwangspensionierung wandte sich Kreyssig verstärkt der Kirche und der Arbeit in seinem 1937 erstandenen Gutshof in Hohenferchesar in der Mark Brandenburg zu. Bis zum Kriegsende beherbergte Familie Kreyssig zwei jüdische Frauen und integrierte Kriegsgefangene aus Frankreich und Osteuropa in die Hofgemeinschaft.

Nach dem Krieg litt die Familie unter Plünderungen durch russische Soldaten und dreimaliger Vertreibung vom Hof im Zuge der Bodenreform. Aufgrund der antifaschistischen Haltung des Hausherrn durften Kreyssig und seine Angehörigen jedoch immer wieder auf den „Bruderhof" zurückkehren. Schnell gewann Kreyssig den Eindruck einer undemokratischen Politik durch die sowjetischen Besatzer. Er ließ deshalb seine anfänglichen Bestrebungen, wieder in den Justizdienst einzutreten, fallen und nahm umso lieber das Amt des Konsistorialpräsidenten der Kirchenprovinz Sachsen an. 1947 legte er es zugunsten des Präsesamtes, in das ihn die Synode wählte, wieder ab.

Als Präses brachte Kreyssig, seiner „visionären" und „prophetischen" Gabe folgend, unzählige Ideen in die Evangelische Kirche ein. Umstritten waren dabei seine Bemühungen um die Einheit der Christen in einer Ökumene, die auch die jüdische Religion mit einbeziehen sollte. Dass Kreyssig die deutsche Teilung ablehnte, sorgte ebenso für Ärger. Später gewann er aus seiner theologischen Perspektive aber auch der Teilung Positives ab: „Es ist gut, dass eine politische Katastrophe diesen Ereignissen folgte. Auf solche Weise müssen die Deutschen doch begreifen, wie schwer die Sünde des Nationalsozialismus wiegt."

Spät erst, im Alter von 60 Jahren, gründete er schließlich 1958 das "Hauptgeschäft" seines Lebens, die "Aktion Sühnezeichen". Ziel war, von deutscher Seite aus für das begangene Unrecht des Nationalsozialismus um Vergebung zu bitten: "Des zum Zeichen bitten wir die Völker, die Gewalt von uns erlitten haben, dass sie uns erlauben, mit unseren Händen und mit unseren Mitteln in ihrem Lande etwas Gutes zu tun; ein Dorf, eine Siedlung, eine Kirche, ein Krankenhaus oder was sie sonst Gemeinnütziges wollen, als Sühnezeichen zu errichten." Nach dem Mauerbau, der ihn von den internationalen Aktivitäten der "Aktion Sühnezeichen" ausschloss, zog sich Kreyssig aus der Leitung zurück. Ab 1962 begann er aber den Aufbau einer eigenen Sühnezeichenarbeit in der DDR. Im ersten ostdeutschen Sühnezeichen-Sommerlager entrümpelten die jungen Helfer drei zerstörte Kirchen in Magdeburg. Nur durch List konnte eine Sühnezeichengruppe entgegen der Blockierung der DDR-Behörden 1965 eine Pilgerfahrt durch Polen unternehmen. Kreyssig besuchte die Pilger und war mit ihnen in Auschwitz. Sein Biograph Konrad Weiß zeigte sich als junger Teilnehmer beeindruckt: "Das Schweigen des wortgewaltigen Mannes an diesem Ort hat uns Junge damals im Innersten erschüttert und uns besser verstehen lassen, wo wir sind. Mich haben jene Tage in Auschwitz verändert. Ich habe begriffen, was es heißt, ein Deutscher zu sein. Welche Verantwortung uns und noch vielen Generationen nach uns durch die Schuld der Väter aufgebürdet worden ist. Männer wie Kreyssig, die dem totalitären Anspruch der Macht tapfer widerstanden haben, haben unserem Volk einen unvergleichlichen Dienst erwiesen. Sie dürfen nicht vergessen sein."

Lothar Kreyssig, der 1971 nach Berlin und 1977 nach Bergisch-Gladbach umgezogen war, starb dort am 5. Juli 1986.

Zuletzt aktualisiert: 27. September 2010, 14:55 Uhr

© 2014 MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK