Personen

Christian Thomasius

(1655-1728)

Christian Thomasius
Christian Thomasius

Am ersten Tag des Jahres 1655 in Leipzig geboren, begann Thomasius nachdem er Magister der Philosophie geworden war, in Leipzig mit dem Studium der Rechte. 1697 promovierte er zum Dr. iuris. Aufsehen erregte Christian Thomasius an der Leipziger Universität zunächst mit seiner Untersuchung De crimine bigamiae. Das gewählte Thema löste einiges Befremden unter den Kollegen der juristischen Fakultät aus. Denn Thomasius behauptete, dass sich die Pflicht zur Einehe naturrechtlich nicht ableiten lasse. Noch mehr Widerstand löste jedoch 1687 sein Verstoß gegen die damalige Tradition, Vorlesungen in lateinischer Sprache abzuhalten, aus. Er war der Erste, der in einem deutschen Hörsaal deutsch gesprochen hat. Seit 1711 hielt man Vorlesungen weitgehend in Deutsch. Eine Maßnahme, die dem Bürgertum den Weg in die Aufklärung ebnete, da jetzt auch "Ungelehrte" Zugang zu Wissen erhielten.

Darüber hinaus betätigte sich Thomasius als Publizist und Verleger. In seiner ab 1688 herausgegebenen Zeitschrift "Teutsche Monate" griff er die Heuchelei der Rechtgläubigen, den scholastisch überalterten Universitätsbetrieb sowie den fürstlichen Polizeistaat an. Die "Teutschen Monate" erschienen zwei Jahre lang. Schließlich entfernte man Thomasius auf Betreiben der Geistlichkeit und seiner Juristenkollegen wegen seiner aufklärerischen Gesinnung aus Leipzig. Als Vorwand nannte man ein Gutachten, worin er die reformiert-lutherische Mischehe zwischen fürstlichen Personen für einwandfrei erklärte. Das brachte ihm den Vorwurf der Glaubensschändung ein. Endlich hatte man einen Grund gefunden, den ungeliebten Rechtsphilosophen aus dem Amt zu entlassen.

1690 verließ Thomasius Leipzig und siedelte nach Halle über. Hier war er maßgeblich am Aufbau der 1694 gegründeten Friedrichs-Universität beteiligt. Seinem Einfluss ist es zu verdanken, dass die Saalestadt bald zu einem Zentrum der Aufklärung und des Pietismus von internationalem Ansehen wurde. Mit Thomasius' Unterstützung konnte der, von den Altlutheranern angefeindete Pietist August Hermann Francke, der Halle ein bedeutendes Stiftungswerk hinterließ, in der Stadt Fuß fassen. Später entfernte sich Thomasius allerdings wieder von der pietistischen Frömmigkeitsbewegung, deren feindliche Einstellung gegenüber weltlichen Freuden er ablehnte.

Sein philosophisches und rechtswissenschaftliches Verständnis schlug sich in dem Werk Fundamentum iuris naturae et gentium von 1705 nieder. Er forderte darin ein Recht ohne religiösen Bezug. Drei Prinzipien des Naturrechts sollten den Menschen zur Glückseligkeit führen: Die Regel des Ehrbaren oder Honestum, die lautet "Was du wilt/daß andere sich thun sollen/das tue dir selbsten." Die zweite Regel, das Wohlanständige beziehungsweise Decorum ist durch den Satz "Was du wilt/daß andere dir thun sollen/das thue du ihnen" definiert. Drittens heißt es bei Thomasius für das Gerechte, das Iustum: "Was du dir nicht wilt gethan wissen/das thue du andern auch nicht." Hier nahm er bereits die Trennung von Moral und Recht vorweg.

Thomasius größtes Verdienst auf rechtlichem Gebiet besteht darin, positiv auf die Abschaffung der Folter eingewirkt zu hat. Bereits 1705 bezeichnete er in einer Disputation die Folter als Schmach christlicher Staaten. Darüber hinaus sagte er dem Hexenwahn den Kampf an. Im Gegensatz zu früheren Gegnern der Hexenverfolgungen stellte er in seiner Argumentation den Glauben an den Teufel in Frage. Damit entzog er dem Hexenwahn, der auf der Vorstellung des Teufelspaktes beruhte, die Grundlage. In der Dissertation De crimine magiae forderte er 1701 die Abschaffung der Hexenprozesse, da die Hexerei für ihn nur ein fiktives Verbrechen darstelle. Thomasius führte aber nicht nur den Glauben an einen Pakt mit dem Teufel ad absurdum, sondern er wehrte sich dagegen, diejenigen zu verurteilen, die die Existenz eines Teufels, der die Menschen zu allerlei Schaden anstiftet, leugnen:

"Denn so ferne es nicht folgt/daß/ wenn ich einen Gott glaube/ich auch nothwendig einen Teuffel glauben muß/also folgt hinwieder keineswegs nicht/daß/ da ich einen Teuffel leugne/ich auch nothwendig Gott und seine Existenz leugnen muß"

"Zu was nützet denn also das Bündniß auff Seiten des Teuffels?"

"Denn wenn gar keine Hexen und Zauberer sind, so kan auch niemand mit denselben einige Gemeinschafft haben."

Die Historiker des 19. Jahrhunderts feierten Thomasius als den Vorkämpfer der protestantischen Geschichtsschreibung sowie der aus dem Protestantismus entstandenen Aufklärung. Sowohl sie als auch die neuere Hexenforschung sehen in dem Hallenser Universitätsprofessor denjenigen, dem das Verdienst gebührt, dem Hexenwahn in Deutschland ein Ende bereitet zu haben.

Am 23. September 1728 ist der Jurist in Halle gestorben.

Zuletzt aktualisiert: 05. Dezember 2005, 16:31 Uhr

© 2014 MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK