GMD - Das Magazin | MDR FERNSEHEN | 07.02.2012 | Mit Video : Harte Männer, wilder Osten - Der Bau der Erdgastrassen
Die Erdgastrassen waren die Prestigeprojekte der DDR. Hier wollte sich der andere deutsche Staat mit den Bruderländern messen und sich auf der internationalen Bühne beweisen. Viel Kraft und Energie steckte das kleine Land in ein Projekt, das für viele ihrer jungen Männer und deren Familien zum wohl prägendsten Ereignis ihres Lebens geworden ist. Wir trafen "Trassniks" aus zwei Generationen und sprachen mit ihnen über ihre Abenteuer an der Trasse.
Sowjetisches Erdöl und Erdgas waren der Stoff, der die Wirtschaft in allen sozialistischen Staaten am Laufen hielt. Gemeinsam beschloss man, unter der Führung des großen Bruders die schier unerschöpflichen Erdgasvorkommen Sibiriens zu erschließen. Die DDR konnte beim "Sozialistischen Gemeinschaftswerk" sicher nicht fehlen, hing sie doch genauso am Tropf der sowjetischen Bodenschätze. Als einer der kleinsten, aber wirtschaftlich nicht zu unterschätzenden Staaten des sozialistischen Wirtschaftsgebietes, übernahm man auch einen Abschnitt des Jahrhundertbauwerks Erdgastrasse.
Als DJ an die Trasse
Die DDR-Führung machte das Großvorhaben zum "FDJ-Jugendprojekt" und legte es damit in die Hände der jungen Werktätigen. Einer von ihnen war Hajo Obuchhoff, der als Schallplatten-Unterhalter mit einer mobilen Disko bei den so genannten Trassniks für Stimmung sorgte.
Das war auch bitter nötig, denn bei der schweren Arbeit unter Extrembedingungen mit Temperaturen von 35 Grad unter Null, war Ablenkung gefragt. Dass sie als Trassniks in Gebieten unterwegs waren, die seit dem Zweiten Weltkrieg keine Deutschen mehr gesehen hatten, wurde Hajo Obuchoff erst klar, als er mit seinen Kollegen von Kindern mit einem gestreckten rechten Arm begrüßt wurde:
Der Ruf der Wildnis in die sibirische Steppe
Zehntausende folgten dem Ruf der Trasse in die Wildnis der sibirischen Steppe, um ein Stück mehr von Welt zu sehen und die Freiheit der unglaublichen Weite zu erleben, verlockend genug, wenn man aus einem nur knapp 100.000 km² großen Land kam. Zudem konnten Schweißer, Schlosser oder Maurer, die über die Jahre zu zehntausenden an den Bauabschnitt gebracht wurden, mit hohen Gehältern rechnen.
Sogar eine Luftbrücke für den Transport von Waren wurde eingerichtet. Es sollte den Arbeitern an nichts fehlen, nicht mal an Parfüm und elektrischen Haarschneidern, die schienen den Verantwortlichen wohl besonders wichtig:
Seite 1/2
Stichwort: Erdgastrasse
Begonnen hat alles 1974. Damals vereinbarten die DDR, Ungarn, die CSSR, Bulgarien und Polen mit der UdSSR, gemeinsam die bis dato längste Erdgasleitung der Welt zu bauen. Jedes der teilnehmenden Länder sollte etwa 550 der insgesamt 2.750 Kilometer langen Trasse in Eigenregie und Finanzierung fertigstellen.
Im Gegenzug sollten die Bruderländer von der UdSSR einen Teil des in Orenburg geförderten Erdgases kostenlos geliefert bekommen. Der DDR wurde der Bauabschnitt von Krementschug am Dnepr bis nach Bar in der Westukraine übergeben. Am 13. September 1982 erfolgte der erste Spatenstich für das Projekt unter Federführung der Jugendorganisation FDJ.
Zehntausende Arbeiter, Angestellte und Ingenieure waren bis Ende 1998 am Bau in mehreren Abschnitten beteiligt. Finanzielle Anreize lockten die jungen Leute, bei ihrer Rückkehr nach mindestens drei Jahren konnten sie auf eine Neubauwohnung oder ein Auto hoffen. Die meisten sagen, die Zeit an der Trasse prägt sie bis heute.
Links ins WWW
Der MDR ist nicht für den Inhalt externer Internetseiten verantwortlich!
Buchtipp
Hajo Obuchoff, Lutz Wabnitz (Fotograf), Frank Michael Wagner:
Die Trasse - Ein Jahrhundertbau in Bildern und Geschichten, 176 Seiten,
mit zahlreichen Fotos in Duoton, ISBN 978-3-360-02139-7, 19,95 €
Veranstaltungstipp:
"Die Trasse" - Fotoausstellung und Buchpräsentation
Eröffnung mit Hajo Obuchoff und Lutz Wabnitz
Donnerstag, 23. Februar 2012 | 19:00 Uhr
Fotogalerie Friedrichshain
Helsingforser Platz 1
10243 Berlin



