Geschichte Mitteldeutschlands

GMD - Das Magazin | MDR FERNSEHEN | 07.02.2012 | Mit Video : Harte Männer, wilder Osten - Der Bau der Erdgastrassen

Die Erdgastrassen waren die Prestigeprojekte der DDR. Hier wollte sich der andere deutsche Staat mit den Bruderländern messen und sich auf der internationalen Bühne beweisen. Viel Kraft und Energie steckte das kleine Land in ein Projekt, das für viele ihrer jungen Männer und deren Familien zum wohl prägendsten Ereignis ihres Lebens geworden ist. Wir trafen "Trassniks" aus zwei Generationen und sprachen mit ihnen über ihre Abenteuer an der Trasse.

FDJler an der Trasse
GMD - Das Magazin

Abenteuer Erdgastrasse

07.02.2012, 21:15 Uhr | 06:56 min

Sowjetisches Erdöl und Erdgas waren der Stoff, der die Wirtschaft in allen sozialistischen Staaten am Laufen hielt. Gemeinsam beschloss man, unter der Führung des großen Bruders die schier unerschöpflichen Erdgasvorkommen Sibiriens zu erschließen. Die DDR konnte beim "Sozialistischen Gemeinschaftswerk" sicher nicht fehlen, hing sie doch genauso am Tropf der sowjetischen Bodenschätze. Als einer der kleinsten, aber wirtschaftlich nicht zu unterschätzenden Staaten des sozialistischen Wirtschaftsgebietes, übernahm man auch einen Abschnitt des Jahrhundertbauwerks Erdgastrasse.

Als DJ an die Trasse

Die DDR-Führung machte das Großvorhaben zum "FDJ-Jugendprojekt" und legte es damit in die Hände der jungen Werktätigen. Einer von ihnen war Hajo Obuchhoff, der als Schallplatten-Unterhalter mit einer mobilen Disko bei den so genannten Trassniks für Stimmung sorgte.

Galerie: Der Ruf an die Trasse

Hajo Obuchoff an einen Ziehbrunnen Seine Erlebnisse schrieb Hajo Obuchoff in einem Buch nieder Hajo Obuchoff als Schallplattenunterhalter in einer mobilen Disko der FDJ

Hajo Obuchoff (Foto) und Christian Lemm folgten dem Ruf an die Trasse und landeten in der sibirischen Wildnis. Jahre lang bauten sie mit an dem Mammutprojekt, eine Zeit, die sie bis heute prägt. [Bilder]


Das war auch bitter nötig, denn bei der schweren Arbeit unter Extrembedingungen mit Temperaturen von 35 Grad unter Null, war Ablenkung gefragt. Dass sie als Trassniks in Gebieten unterwegs waren, die seit dem Zweiten Weltkrieg keine Deutschen mehr gesehen hatten, wurde Hajo Obuchoff erst klar, als er mit seinen Kollegen von Kindern mit einem gestreckten rechten Arm begrüßt wurde:

"Irgendwann hab' ich mal angehalten und bin zu den Kindern hingegangen, aber die haben mich gar nicht verstanden ... bis mir mal einer gesagt hat, wenn man im Kino oder Fernsehen Deutsche sieht, dann sind das Leute aus dem Krieg und da war das halt so üblich."

Hajo Obuchoff, Autor von "Die Trasse - Ein Jahrhundertbau"

Der Ruf der Wildnis in die sibirische Steppe

Christian Lemm mit seiner Frau Daniela - von 1987 bis 1993 war das junge Elternpaar durch die Trasse getrennt
Christian Lemm mit seiner Frau Daniela heute - von 1987 bis 1993 war das junge Ehepaar durch die Trasse getrennt

Zehntausende folgten dem Ruf der Trasse in die Wildnis der sibirischen Steppe, um ein Stück mehr von Welt zu sehen und die Freiheit der unglaublichen Weite zu erleben, verlockend genug, wenn man aus einem nur knapp 100.000 km² großen Land kam. Zudem konnten Schweißer, Schlosser oder Maurer, die über die Jahre zu zehntausenden an den Bauabschnitt gebracht wurden, mit hohen Gehältern rechnen.

Sogar eine Luftbrücke für den Transport von Waren wurde eingerichtet. Es sollte den Arbeitern an nichts fehlen, nicht mal an Parfüm und elektrischen Haarschneidern, die schienen den Verantwortlichen wohl besonders wichtig:

"Die Funktionäre erwarteten die Besten aus der DDR. Und dann haben sie uns gesehen, mit solchen Haaren. Da haben sie gesagt: 'Was, das sind eure Besten? Wie sieht dann der Rest aus, der in der DDR geblieben ist?'"

Hajo Obuchoff, Autor von "Die Trasse - Ein Jahrhundertbau"

Stichwort: Erdgastrasse

Begonnen hat alles 1974. Damals vereinbarten die DDR, Ungarn, die CSSR, Bulgarien und Polen mit der UdSSR, gemeinsam die bis dato längste Erdgasleitung der Welt zu bauen. Jedes der teilnehmenden Länder sollte etwa 550 der insgesamt 2.750 Kilometer langen Trasse in Eigenregie und Finanzierung fertigstellen.

Im Gegenzug sollten die Bruderländer von der UdSSR einen Teil des in Orenburg geförderten Erdgases kostenlos geliefert bekommen. Der DDR wurde der Bauabschnitt von Krementschug am Dnepr bis nach Bar in der Westukraine übergeben. Am 13. September 1982 erfolgte der erste Spatenstich für das Projekt unter Federführung der Jugendorganisation FDJ.

Zehntausende Arbeiter, Angestellte und Ingenieure waren bis Ende 1998 am Bau in mehreren Abschnitten beteiligt. Finanzielle Anreize lockten die jungen Leute, bei ihrer Rückkehr nach mindestens drei Jahren konnten sie auf eine Neubauwohnung oder ein Auto hoffen. Die meisten sagen, die Zeit an der Trasse prägt sie bis heute.

Buchtipp

Hajo Obuchoff, Lutz Wabnitz (Fotograf), Frank Michael Wagner:
Die Trasse - Ein Jahrhundertbau in Bildern und Geschichten, 176 Seiten,
mit zahlreichen Fotos in Duoton, ISBN 978-3-360-02139-7, 19,95 €

Veranstaltungstipp:

"Die Trasse" - Fotoausstellung und Buchpräsentation
Eröffnung mit Hajo Obuchoff und Lutz Wabnitz
Donnerstag, 23. Februar 2012 | 19:00 Uhr

Fotogalerie Friedrichshain
Helsingforser Platz 1
10243 Berlin


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