Hauptsache gesund

Hauptsache gesund | 06.12.2012 | 21:00 Uhr : Sensibler für Schmerzen

Eine Universal-Therapie gegen Rückenschmerzen gibt es nicht. Was dem einen gut tut, kann beim anderen wirkungslos sein. Die konservative Behandlung setzt vor allem auf schmerzlindernde und entzündungshemmende Medikamente, Physiotherapie und manuelle Therapie. Aber auch die Psyche spielt eine wichtige Rolle, denn Schmerzen brennen sich im Gehirn regelrecht ein. Man erwartet sie und empfindet sie stärker als ein Gesunder.

Schmerzpatienten haben eine niedrige Reizschwelle

Auf der Suche nach den Mechanismen der Reizverarbeitung bei chronischem Rückenschmerz führten Wissenschaftler der Universitäten Jena und Münster verschiedene Experimente durch. Dort wurden die Probanden an Rücken und Händen mit stumpfen Nadeln gestochen. Durch Gewichte konnte der Druck auf der Haut verstärkt werden. Das Fazit: Schmerzreize werden von gesunden und von rückenkranken Testpersonen unterschiedlich wahrgenommen. Der Effekt ist umso stärker, je länger die Rückenprobleme schon bestehen.

Blick auf das historische Hauptgebäude der Friedrich-Schiller-Universität
An der Friedrich-Schiller-Universität Jena wird der Schmerz erforscht.

Die Wissenschaftler führen dies darauf zurück, dass die Betroffenen durch ihr ständiges Leiden eine viel niedrigere Schmerzschwelle haben, und das nicht nur im Rücken. So werden auch sanfte Berührungen oft als Schmerz empfunden. Dr. Christian Puta, Sportwissenschaftler an der Universität Jena, erläutert: "Wenn man chronische Schmerzen hat, ist es wahrscheinlich so, dass das gesamte Nervensystem und die Verarbeitung im Gehirn empfindlicher auf Wahrnehmungen reagiert, die von außen kommen." Und dies betrifft sogar optische Reize: In Untersuchungen wurden den Probanden Figuren gezeigt, die etwas Schweres heben. Rückenschmerzpatienten schätzten die gehobenen Gewichte als viel schwerer ein, als sie tatsächlich waren. Denn das lange Leiden trübt ihr Urteilsvermögen. So werden die vorhandenen Schmerzen durch die Verarbeitung im Gehirn verstärkt, obwohl es keine Ursache gibt.

Auf der Suche nach neuen Therapien

Die genaue Analyse dieser Prozesse soll ein Ansatz für neue Therapien sein. Dr. Marc de Lussanet, Neurowissenschaftler an der Universität Münster, erklärt: "Wenn jemand Schmerzen empfindet, dann sind die auch tatsächlich da. Und es geht nun um die Frage, wo ist etwas gestört. Ist es direkt im Rücken, dann müsste man operieren." Eine Operation wollen Ärzte natürlich, so oft es geht, vermeiden. Die Wissenschaftler schlagen vor, neue Behandlungen zu entwickeln, um Sinnesreize wieder richtig einschätzen zu können. Denn bei einem chronischen Rückenleiden läuft das Schmerzgedächtnis im Gehirn auf Hochtouren - selbst wenn objektiv keine Schmerzen da sein dürften. Durch eine gezielte Schulung der Wahrnehmung könnte dieser Teufelskreis durchbrochen werden.

Zuletzt aktualisiert: 07. Dezember 2012, 08:59 Uhr

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