Hauptsache Gesund | 02.06.2016 Multiple Sklerose erkennen und beeinflussen

Multiple Sklerose äußert sich ganz verschieden. Anzeichen können etwa taube Finger, kribbelnde Füße oder auch Sehstörungen und Konzentrationsprobleme sein. Die Krankheit ist nicht zu heilen - aber zu beeinflussen!

Was bei der MS passiert

Grafische Darstellung des menschlichen Nervensystems.
MS ist eine Krankheit des zentralen Nervensystems. Bildrechte: IMAGO

Multiple Sklerose ist eine Krankheit des zentralen Nervensystems. Es handelt sich dabei um eine sogenannte Autoimmunerkrankung. Das bedeutet, Abwehrzellen greifen irrtümlicherweise körpereigenes Gewebe ab. Was bei der Krankheit passiert, lässt sich mit einem kleinen Vergleich erklären. Unsere Nervenbahnen ähneln Elektrokabeln. Bei beiden gibt es einen Leiter und um diesen herum eine schützende Isolierung. Bei MS wird die "Hülle" um die Nerven, das Myelin, durch entzündliche Prozesse durchlöchert oder in einigen Bereichen ganz zerstört.  Die Folge davon ist, dass Botschaften nicht korrekt oder auch gar nicht über den betroffenen Nerv geleitet werden. Weltweit gibt es ungefähr 2,5 Millionen Menschen mit MS.

Krankheit mit Tarnkappe

Multiple Sklerose schleicht sich ins Leben ein und zeigt sich bei jedem Patienten anders. Kleine Lähmungen, taube Hautstellen oder Kribbeln an Händen, Armen oder Beinen. Auch verschwommenes oder getrübtes Sehen, ein unsicherer Gang, eine "undichte" Blase und kleine Sprachstörungen sind typisch, werden aber häufig fälschlicherweise lange anderen Krankheiten zugeschrieben. Eine gefühlt unendlich große Erschöpfung kommt dazu. Darum wird MS auch oft als Krankheit mit tausend Gesichtern genannt.

Eine Frau hält sich zitternd eine Hand vor die Brust.
Kribbelnde Hände und Taubheitsgefühle können erste Anzeichen für MS sein. Bildrechte: IMAGO

Die Betroffenen begreifen Sachverhalte häufig schwerer, können sich nicht mehr gut konzentrieren, sich nichts mehr richtig merken und sind oft depressiv verstimmt. All diese Anzeichen sind für andere aber nicht unbedingt auffällig. Ein MS-Kranker sieht für sie kerngesund aus. Deshalb fälschlicherweise erteilte Ratschläge, sich nicht so hängen zu lassen, belasten MS – Patienten zusätzlich. Ob die Anzeichen wirklich von MS kommen, kann ein Neurologe anhand körperlicher Untersuchungen, einer Messung der Nervenleitfähigkeit, einer Kontrolle des Nervenwassers und einer Magnetresonanztomographie sicher feststellen.

Ursache Sonnenmangel?

Warum die Abwehrzellen die Schutzschicht der Nerven angreifen, ist bis heute weitgehend unklar. Weltweit forschen Wissenschaftler, um den Ursachen auf die Spur zu kommen. Ein Rätsel ist es hierbei bislang, warum nur die Menschen auf der Nordhalbkugel der Erde MS bekommen. Die Leute im sonnigen Süden dagegen kaum. Haben wir zu wenig UV-Licht heutzutage? Anderen Theorien zufolge leben wir seit Jahrzehnten zu reinlich. Das Immunsystem "langweilt" sich dadurch und greift körpereigenes Gewebe an. Demgegenüber steht die Hypothese, dass das Epstein-Barr-Virus, der Verursacher des Pfeifferschen Drüsenfiebers, zu den Entzündungen an den Nervenbahnen führt.

Bewegungsunscharfe Aufnahme eines Mannes, der durch eine Unterführung geht.
Gangprobleme und Konzantrationsschwierigkeiten können ebenfalls auf MS hinweisen. Bildrechte: IMAGO

So viel aber scheint klar: Die Entstehung von MS ist ein Prozess zu sein, bei dem viele Faktoren zusammenkommen müssen. Auch der Krankheitsverlauf gibt noch Rätsel auf. Denn MS verläuft nicht bei jedem Betroffenen gleich schnell und gleich schwer. Glücklicherweise führt das Leiden nur in weniger als fünf Prozent der Fälle  innerhalb weniger Jahre zu schwerer Behinderung. Die meisten Menschen leben nach der Diagnose zunächst zehn bis fünfzehn Jahre mit Krankheitsschüben. Das heißt, es gibt viele gute Tage, die sich mit schlechteren abwechseln. Erst nach etwa zwanzig Erkrankungsjahren verändert sich der Verlauf bei den meisten. Statt der Schübe schreitet die Entzündung an den Nerven nun konstant voran. 

Nicht zu heilen - aber zu beeinflussen!

Elektronenmikroskopische Aufnahme eines Nervenquerschnitts
MS entsteht, wenn die Schutzhülle der Nerven beschädigt ist. Bildrechte: IMAGO

Man kann an vielen "Stellschräubchen drehen", um MS-Patienten das Leben mit der Krankheit zu erleichtern und ihre Verlauf zu beeinflussen. Bei akuten Entzündungsschüben ist es vor allem Kortison, was hilft. In der restlichen Zeit versucht man mit einer Langzeittherapie, der sogenannten Basisbehandlung, das Fortschreiten der Krankheit zu bremsen, Schübe zu mildern und zu verzögern. Sie soll das fehlgeleitete Immunsystem besänftigen. Seit ein paar Jahren bereichern auch noch sogenannte monoklonale Antikörper das Spektrum der Behandlungsmöglichkeiten. Bisher kam diese Wirkstoffgruppe vorwiegend bei Krebspatienten zum Einsatz. Dabei handelt es sich, stark vereinfacht gesagt, um künstlich hergestellte Abwehrzellen. Sie "patrouillieren" im Blut durch den Körper und suchen nach bestimmten Gefahrensignalen, auf die sie "programmiert" sind. Treffen sie mit ihnen zusammen, lösen die Antikörper in unserem Organismus eine Abwehrreaktion gegen diese "Feinde" aus. Neben der medikamentösen Therapie sind Physiotherapie, Ergotherapie und weitere begleitende Maßnahmen eine wichtige Ergänzung. Speziell ausgebildete MS-Krankenschwestern helfen den Betroffenen, mit der Krankheit besser im Alltag zurechtzukommen.

Zuletzt aktualisiert: 02. Juni 2016, 22:54 Uhr

MS-Patientin
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