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Hauptsache Gesund | 10.11.2016 | 21:00 Uhr Arzneimittel eines vergangenen Staates

Erinnern Sie sich noch an "Summavit"? Es war das einzige Multivitaminpräparat in der DDR. Oder an "Bromhexin"? Das waren Hustentropfen. Medikamente, die Millionen Ostdeutsche oft ein Leben lang begleitet haben. Das Überraschende ist, dass sich 200 dieser Arzneimittel über die Wende hinweg bis heute gehalten haben: Sie werden von Ärzten verschrieben, von Patienten eingenommen. Nicht wenige werden auch in den neuen Bundesländern produziert, meist von internationalen Pharmakonzernen.

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„Im Jahr 1989 gab es in der DDR etwa 2000 verschiedene Arzneimittel.“, erklärt Evelyn Guthmann. Sie war damals stellvertretende Direktorin in einem pharmazeutischen Zentrum. Heute gehören ihr zwei Apotheken in Meißen: „Nach der Wende brachten viele Kunden ihre DDR-Medikamente zur Entsorgung zurück. Da begann meine Sammelleidenschaft.“ Ein Vierteljahrhundert später begann sie, die Geschichte der DDR-Arzneimittel aus ihrer Sicht aufzuschreiben. Jede Verpackung, jedes Arzneifläschchen, hat die inzwischen 61jährige sorgfältig aufbewahrt. Und weil ihre Schwester so gern fotografiert, haben die Frauen jedes einzelne Präparat im Bild festgehalten. Ein Buch ist entstanden, das die Apothekerin im Selbstverlag herausgibt.

Reise in die Vergangenheit?

Apotheke
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Es hat nichts mit Nostalgie zu tun. Es ist die Aufarbeitung eines kleinen Aspekts der Medizingeschichte. Wer weiß denn noch, was Medikamente damals gekostet haben, welche Informationen ein Rezept enthalten musste oder wo in der DDR bereits homöopathische Arzneimittel produziert wurden? Vieles Wissen wäre verloren gegangen, hätte es das Engagement der beiden Frauen nicht gegeben. Warum manche DDR-Arzneimittel überlebt haben, andere aber nicht, erklärt Evelyn Guthmann an einem Beispiel: „Berlin Chemie hatte die bekannte „Spalt“-Tablette produziert. Unter dem gleichen Namen wurde aber auch im Westen ein Arzneimittel verkauft. Der West-Konzern setzte sich durch und sorgte dafür, dass der Name des im Osten produzierten Medikaments geändert werden musste. So konnte dieses Arzneimittel nur unter einem anderen Namen überleben.“ Was unter ostdeutschen Apothekern noch immer scherzhaft als „DDR-Spalt“ bezeichnet wird, heißt heute Titralgan®. Andere Medikamente waren im Westen nicht bekannt. So blieb die Nachfrage gering und sie wurden schließlich vom Markt genommen.

Einige haben „überlebt“!

Nach bundesdeutschem Recht (Arzneimittelgesetz), benötigen Medikamente eine Zulassung. Sie ist Nachweis ihrer Wirksamkeit, Qualität und Unbedenklichkeit. Laut Einigungsvertrag musste jede Arznei der ehemaligen DDR eine westdeutsche Zulassung erwerben. Dafür waren klinische Studien notwendig. Die kosten viel Geld. Nur wenige Firmen konnten diese Hürde nehmen und dürfen heute weiter unabhängig produzieren. Dazu gehören zum Beispiel Pharma Wernigerode (stellt „Kamillan“ her),  Bombastus in Freital (Tees und Schüssler Salze) und APOGEPHA in Dresden, die Mictonorm® herstellen. Der Wirkstoff dieses Medikaments wurde bereits in den 70er Jahren in Dresden entwickelt. Inzwischen hat es eine europäische Zulassung und wird bei Harninkontinenz bzw. einer überaktiven Blase eingesetzt.  Ein Beispiel für jene Arzneimittel, die in der DDR selbst entwickelt wurden: „Es ist nicht wahr, dass die meisten Medikamente der DDR nur Kopien westdeutscher Pharmaprodukte waren.“, meint Frau Guthmann. Und sie hat noch ein Beispiel:  

Tragische Erfolgsgeschichte!

Leuchtreklame für den VEB GERMED an einer Hauswand
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In der kleinen Stadt Zwickau wurde 1964 ein Medikament entwickelt, das von Ärzten als das beste aller vergleichbaren Präparate gewertet wurde. Es heißt Pentalong und verbessert die Durchblutung des Herzens: „Das hat den Vorteil, dass es kaum Nebenwirkungen hat. Es wird von Herzpatienten sehr gut vertragen. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal!“, urteilt Prof. Dr. med. Dietrich Pfeiffer,  Kardiologe an der Uniklinik Leipzig.  Schon zu DDR-Zeiten wurde es weltweit verkauft. Nach der deutschen Wiedervereinigung wechselten mehrfach die Eigentümer der Zwickauer Firma. Keiner hatte den langen Atem, aufwändige Studien anfertigen zu lassen.

Dass es dennoch weiter auf dem Markt bleiben durfte, verdankt es einer Ausnahmeregelung im bundesdeutschen Arzneimittelgesetz. Danach dürfen einige, besonders lang bewährte Medikamente, ohne neue Studien weiter angewendet werden. So konnten bis ins Jahr 2012 knapp 300 000 Herzpatienten mit dem Langzeitnitrat versorgt werden.  Dann aber stellten die Krankenkassen die Zahlung mit dem Argument ein, Pentalong hätte schließlich keine reguläre Zulassung. Es durfte von Ärzten nicht länger verschrieben werden. Reihenweise mussten Herzpatienten auf andere, westdeutsche Präparate ausweichen, die zum Teil heftige Nebenwirkungen hatten. Wenige bezahlten das teure Herzmittel von nun an aus eigener Tasche. In den folgenden vier Jahren schrumpfte die Zahl derer, die Pentalong einnahmen, auf rund 23 000. Jetzt endlich, seit August 2016, ist es wieder zugelassen und wird von den Kassen wieder übernommen. Die meisten Ärzte wissen das und verschreiben es dennoch nicht mehr. Der Grund: „Um wieder auf Pentalong umzustellen, müsste ich mit meinen Patienten ein Gespräch führen.“, sagt ein Kardiologe, der ungenannt bleiben möchte: „Diesen Aufwand, ein umfassendes Aufklärungsgespräch zu führen, kann ich mir nicht leisten. Es kostet mich zu viel Zeit.“

Beliebte Ost-Medizin

Es gibt Ärzte, die speziell Arzneimittel verschreiben, die es in der DDR bereits gegeben hat.“, kann Evelyn Guthmann aus ihrer Apotheken – Praxis berichten: „Besonders ältere Patienten verlangen auch nach diesen Präparaten. Dazu gehören zum Beispiel das Schmerzmittel Analgin® oder  Oxytetracyclin-Augensalbe®, die bei Ärzten sehr beliebt ist, weil sie offensichtlich hilft. Als Empfehlung auf dem grünen Rezept, das der Patient selbst bezahlen muss, werden gern Pulmotin® als Einreibung bei Husten und Erkältung oder Imidin® Nasentropfen verordnet.“

Flasche und Verpackung eines medizinischen Badezusatzes aus der DDR
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Manche DDR-Arzneimittel haben nicht überlebt und doch erinnern sich Ärzte und Patienten an sie, weil sie besonders waren. Der Höllensteinstift zum Beispiel. Er wurde bei überschießender Gewebsneubildung nach einer Verletzung eingesetzt. Ein anderes Beispiel: Migrätan-Zäpfchen: „Dafür gibt es bis heute keinen Ersatz, so dass wir in den Apotheken oft Individualrezepturen anfertigen.“, sagt Frau Guthmann und fügt noch eine kleine Geschichte an:

„Erst letzten Monat hat eine Kundin Schlangengift (Vipratox) verlangt. Das gibt es nicht mehr. Da wollte sie als Ersatz Bienengift (Apisathron). Auch das hat die Wende nicht überlebt. Sie war sehr enttäuscht, dass alles was ihr gut geholfen hat, nicht mehr im Handel ist.“

Zuletzt aktualisiert: 11. November 2016, 14:22 Uhr