Illustration der Vorder- und der Rückseite der Schilddrüse
Bildrechte: IMAGO

Hauptsache Gesund | 23.03.2017 | 21:00 Uhr Oft unterschätzt: Erkrankungen der Schilddrüse

Die Schilddrüse ist ein kompliziertes Organ. Arbeitet sie nicht richtig, kann unser Leben regelrecht aus den Fugen geraten. Aber was ist die Schilddrüse eigentlich und auf welche Weise kann sie Probleme bereiten?

Illustration der Vorder- und der Rückseite der Schilddrüse
Bildrechte: IMAGO

Die Schilddrüse sieht aus wie ein Schmetterling, ist nur 20 Gramm leicht und sitzt in unserem Hals unterhalb des Kehlkopfes. Doch wozu haben wir dieses Organ eigentlich? Die Frage stellt sich für viele erst, wenn die Schilddrüse nicht mehr wie gewohnt funktioniert. Was gern unterschätzt wird, denn sie ist die wichtigste hormonproduzierende Drüse des Körpers und gewissermaßen Taktgeber für viele Körperfunktionen.

Motor für den Stoffwechsel

Die Aufgabe der Schilddrüse klingt einfach: Sie ist im Wesentlichen für die Herstellung von zwei Hormonen verantwortlich, die sie mithilfe von Jod produziert, das aus der Nahrung kommt und in der Drüse gespeichert wird. Die beiden Hormone Trijodthyronin (T3) und Thyroxin (T4) werden von der Schilddrüse ins Blut abgegeben und regulieren praktisch den gesamten Stoffwechsel. Sie wirken auf Herz und Kreislauf, auf den Blutdruck, haben Einfluss auf Wachstum, Nerventätigkeit, Muskulatur und Verdauung. Man könnte sagen, die beiden Hormone sind die "Motorsteuerung" unseres Körpers. Sie bestimmen, ob unser Körper "hochtourt" und Stoffwechselprozesse beschleunigt ablaufen, oder ob das Tempo des Stoffwechsels heruntergefahren wird.

Wenn die Funktion der Schilddrüse gestört ist, schleichen sich Symptome ein, die zunächst Rätsel aufgeben. Ein Grund dafür, dass so eine Störung oft nicht auf Anhieb diagnostiziert wird. Allgemeine Unruhe, Herzbeschwerden, Schweißausbrüche, ständiger Appetit, aber auch Müdigkeit, Antriebslosigkeit, häufiges Frösteln, oder Konzentrationsschwächen können durch eine Schilddrüsen-Fehlfunktion ausgelöst werden. Das sind die häufigsten Krankheitsbilder:

Kleines Lexikon der Schilddrüsenerkrankungen

Hashimoto-Thyreoiditis
Dabei handelt es sich um eine Autoimmunentzündung der Schilddrüse. Bei Autoimmunerkrankungen greift sich der Körper gewissermaßen selbst an. Die Hashimoto-Thyreoiditis wurde nach ihrem Entdecker, dem japanischen Arzt Hakaru Hashimoto (1881-1934), benannt. Der Entzündungsprozess verläuft schleichend, weswegen die Krankheit oft spät erkannt wird. Hashimoto kann zwar nicht geheilt, aber mit Schilddrüsenhormonen gut behandelt werden.

Heiße Knoten
Heiße Knoten werden Gewebeveränderungen genannt, die unkontrolliert Schilddrüsenhormone produzieren. Sie lösen dadurch häufig eine Überfunktion der Schilddrüse aus. Heiße Knoten können mit einer Radiojodtherapie "verödet" oder operativ entfernt werden.

Kalte Knoten
Hierbei handelt sich es um Schilddrüsengewebe, was keine Hormone produziert. In etwa ein bis fünf Prozent der Fälle ist das Gewebe bösartig. Hier gibt es keine Alternative zur Operation.

Patientin mit Struma
Ein Struma gehört zu den klassischen Anzeichen von Morbuns Basedow. Bildrechte: IMAGO

Morbus Basedow
Diese Autoimmunerkrankung bewirkt meist eine Überfunktion der Schilddrüse. Bei der Erkrankung produziert das Immunsystem Antikörper, die die Schilddrüse anregen, vermehrt Hormone zu produzieren. Die klassischen drei Anzeichen sind vergrößerte Schilddrüse (Struma), hervortretende Augäpfel und Herzrasen. Eine Behandlung erfolgt mit Medikamenten, die die Bildung beziehungsweise Ausschüttung von Schilddrüsenhormonen unterdrücken.

Überfunktion
Die Schilddrüse produziert zu viele Hormone. Der Stoffwechsel funktioniert quasi wie im Zeitraffer. Häufige Symptome sind Schlaflosigkeit, Unruhe, Schwitzen, erhöhter Blutdruck, Herzrasen, Gewichtsverlust trotz guten Appetits. Je nach Befund wird mit Medikamenten, Radiojodtherapie oder Operation behandelt.

Unterfunktion
Die Schilddrüse produziert zu wenig Hormone. Dadurch laufen viele Körperfunktionen im Schneckentempo. Häufige Symptome sind Müdigkeit, depressive Verstimmung, Frösteln, trockene Haut, Gewichtszunahme. Einmal diagnostiziert bringen Medikamente oft rasche Besserung.

T3 und T4
Die beiden Hormone Trijodthyronin (T3) und Thyroxin (T4) werden von der Schilddrüse ins Blut abgegeben und regulieren praktisch den gesamten Stoffwechsel. Sie wirken auf Herz und Kreislauf, Blutdruck, haben Einfluss auf Wachstum, Nerven, Muskulatur und Verdauung. Sie bestimmen, ob unser Körper "hochtourt" und Stoffwechselprozesse beschleunigt ablaufen oder ob das Tempo des Stoffwechsels heruntergefahren wird. Beide Werte lassen sich mit einem einfachen Bluttest bestimmen.

Schlucktest für die Schilddrüse

Eine vergrößerte Schilddrüse oder Knoten machen lange Zeit keine Beschwerden. Deswegen sollte man seine Schilddrüse ab und zu mit einem Schlucktest beobachten. Man benötigt dafür einen Handspiegel und ein Glas Wasser. Und so geht’s:

  1. Halten Sie den Spiegel so, dass Sie Ihren Hals mit dem Kehlkopf und der Schilddrüse im Blick haben. Legen Sie den Kopf in den Nacken.
  2. Nehmen Sie einen Schluck Wasser und schauen Sie weiter in den Spiegel.
  3. Beobachten Sie, ob während des Schluckens Schwellungen unterhalb des Kehlkopfes auftreten. Wiederholen Sie den Test einige Male.

Sollten sich Schwellungen zeigen, gehen Sie bitte zum Arzt. Er kann weitere Untersuchungen veranlassen.

Interview mit der Endokrinologin Dr. Kathrin Drynda

Herzrasen, Bluthochdruck oder übermäßiges Schwitzen können ein und dieselbe Ursache haben: die Schilddrüse! Sie ist ein kompliziertes Organ, das viele unterschätzen und das unser Leben völlig aus den Fugen bringen kann. Wir haben mit Dr. Kathrin Drynda, Endokrinologin aus Leipzig, über die Diagnose, die Folgen und die Heilungschancen bei Erkrankungen der Schilddrüse gesprochen.

Wie problematisch kann eine Funktionsstörung der Schilddrüse werden?

Bei jedem dritten Deutschen ist die Schilddrüse verändert. Nicht immer bemerkt man davon etwas und nicht immer muss behandelt werden. Manche allerdings können unbehandelt sogar lebensbedrohlich werden. Eine schwere Überfunktion der Schilddrüse kann zu einer richtigen Vergiftung mit Schilddrüsenhormonen führen. Wir Ärzte nennen das thyreotoxische Krise. Sie kann auch heute noch tödlich verlaufen, wenn sie nicht behandelt wird.

Wie schwierig ist die Diagnose einer Schilddrüsenerkrankung?

Dr. Kathrin Drynda, Endokrinologin, Leipzig
Dr. Kathrin Drynda Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Heute wird die Diagnose meist schnell gestellt, vor allem wenn typische Symptome wie Herzrasen, Unruhe oder eine starke Gewichtsabnahme auftreten. Es gibt aber auch Fälle, wo die Symptome nicht so typisch sind, zum Beispiel bei Frauen, die sich eigentlich wohl fühlen, aber bei denen die Monatsblutung unregelmäßig ist oder eine Schwangerschaft nicht zustande kommt. Eine Funktionsstörung der Schilddrüse kann auch Ursache sein, wenn Diabetiker ihre Zuckerwerte nicht in den Griff bekommen. Oder wenn sich eine Osteoporose verschlechtert, weil der Knochenabbau durch die Überfunktion gesteigert wird.

Die meisten kennen ihre Blutdruckwerte. Sollte man auch seine Schilddrüsenwerte kennen?

Im Rahmen des normalen Gesundheitschecks, auf den man alle zwei Jahre Anspruch hat, ist die Untersuchung der Schilddrüse dabei. Wenn man Beschwerden hat, muss man dem natürlich eher nachgehen. Auch alle Neugeborenen in Deutschland werden auf eine Schilddrüsenfunktionsstörung hin untersucht. Denn eine unbehandelte Schilddrüsenstörung kann extreme Entwicklungsstörungen bei Kindern verursachen.

Wann muss eine Schilddrüse operativ entfernt werden?

Immer bei Verdacht auf einen bösartigen Tumor. Weil nur die OP einen eindeutigen Beweis bringt, was das für ein Gewebe ist. Das "Gute" an Schilddrüsenkrebs ist, dass er langsam wächst. Man hat sehr gute Heilungschancen, wenn man das zeitig behandelt. Es gibt andere Tumorarten, da ist die Überlebensrate nicht so gut.

Menschen, denen die Schilddrüse operativ entfernt wurde, müssen ein Leben lang Medikamente einnehmen. Wie kommen sie zurecht?

Die meisten kommen gut damit zurecht. Voraussetzung ist, dass die Dosis richtig gewählt ist, im Laufe des Lebens an Veränderungen angepasst wird und die Medikamente richtig eingenommen werden. Wenn es stabil läuft, sollte man seine Werte einmal im Jahr kontrollieren lassen.

Was kann die Wirkung der Schilddrüsenmedikamente beeinflussen?

Andere Medikamente zum Beispiel. Säureblocker gegen Sodbrennen machen beispielsweise die Magensäure neutral. Schilddrüsenhormone brauchen aber ein saures Milieu, um aufgenommen zu werden. Wenn ein Patient solche Säureblocker einnimmt, müsste die Dosis der Schilddrüsenmedikamente erhöht werden. Das ist kein Problem, der Arzt muss nur davon wissen. Auch einige Lebensmittel verzögern die Aufnahme, Kaffee und Soja zum Beispiel. Am besten man nimmt die Medikamente morgens nüchtern eine halbe Stunde vor dem Essen ein.

Zuletzt aktualisiert: 24. März 2017, 09:33 Uhr

Dr. Kathrin Drynda, Endokrinologin, Leipzig
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Expertin im Studio

Expertin im Studio

Dr. Kathrin Drynda,
Endokrinologin
Expertin für Schilddrüsenerkrankungen, Leipzig

Grafisches Modell einer Schilddrüse
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Narbe
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK